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Diabetes-Spürhund: Alarm auf vier Pfoten

Diabetikerin Doro Horedt hat einen besonderen Begleiter: Jack, ihr Kurzhaarcollie, ist einer der ersten Diabetes-Spürhunde in Deutschland. Sobald sein Frauchen unterzuckert ist, reagiert der Hund.

Von Martina Janning

Vierbeiner können eine große Hilfe sein: Auf Diabetes geschulte Hunde machen sich bemerkbar, wenn das Herrchen oder Frauchen unterzuckert ist

Vierbeiner können eine große Hilfe sein: Auf Diabetes geschulte Hunde machen sich bemerkbar, wenn das Herrchen oder Frauchen unterzuckert ist

Collie Jack stupst sein Frauchen mit der Nase. Das ist das Zeichen. Doro Horedt weiß, was jetzt zu tun ist. Die Diabetikerin holt ihr Messgerät hervor und überprüft ihren Blutzucker. Er ist zu niedrig. Die 44-Jährige hat das schon erwartet. Sie kann sich auf Jack gut verlassen. Denn der Kurzhaarcolli macht seit einem Jahr eine Ausbildung zum Diabetes-Spürhund. Noch sechs Monate, dann muss Jack beweisen, dass er seine Lektionen gelernt hat. Wenn alles klappt, ist er danach ein geprüfter Behinderten-Begleithund für Diabetiker.

Solche Hunde sind bisher eine Ausnahme in Deutschland. Dabei können Diabetes-Spürhunde sogar Leben retten. Ein Zuckerkranker gerät in eine gefährliche Unterzuckerung, wenn er zu viel Insulin gespritzt oder durch Sport oder Stress mehr Energie verbraucht hat, als angenommen. Die Unterzuckerung - von Medizinern Hypoglykämie genannt - kann zu bleibenden Hirnschäden, Koma und sogar zum Tod führen.

Diabetes-Spürhunde erkennen eine Unterzuckerung oft früher als die Betroffenen selbst. "Eigentlich habe ich meine Krankheit gut im Griff", sagt Doro Horedt, die schon als Dreijährige Diabetes vom Typ 1 bekam. "Aber an stressreichen Tagen bemerke ich eine Hypoglykämie manchmal nicht. Dann ist Jacks Spürnase sicherer als meine eigene Wahrnehmung." Das gibt der Berlinerin eine nie gekannte Sicherheit: "Die Angst vor Unterzuckerung ist eine ständige Belastung. Zu wissen, dass der Hund Alarm schlägt, entspannt mich sehr."

Schnelle Hilfe im Notfall

Jack lernt Schritt für Schritt, was er bei Unterzuckerung tun muss. Zuerst hat Doro Horedt ihm beigebracht, sie mit seiner Nase zu stupsen, damit sie ihren Blutzuckerwert überprüft. Dann hat sie ihm gezeigt, dass er Traubenzucker oder eine kleine Packung Saft aus der Küche holen soll, sobald sie benommen wirkt und nicht mehr gehen kann. Eine solche Notration, die schnell ins Blut geht und den Zuckerspiegel normalisiert, liegt immer bereit. Wenn es dafür zu spät ist und sein Frauchen das Bewusstsein verloren hat, soll Jack Hilfe holen. Zurzeit lernt der Kurzhaarcollie deshalb, die Wohnungstür zu öffnen. Dafür muss er die Kordel an der Klinke in die Schnauze nehmen und zurückgehen, bis die Tür aufspringt. Ist Jack erfolgreich, bekommt er ein Leckerli.

Horedt übt pro Tag mindestens eine Stunde mit Jack. Einmal im Monat fahren die beiden übers Wochenende ins Trainingslager. Dann zeigt ihnen Hundelehrerin Simone Luca Barrett die nächsten Aufgaben. Barrett, die selbst Diabetikerin ist, betreibt mit einer Partnerin Deutschlands erste Hundeschule für Diabetes-Spürhunde. Sie bildet bisher nur Hunde für Typ-1-Diabetiker aus.

Barrett war schon bei der Auswahl von Jack dabei und hat fast 25 verschiedene Tests mit ihm gemacht, um seine Eignung zu prüfen. Alle Fähigkeiten, die ein Diabetes-Spürhund braucht, haben die Welpen entwickelt, sobald sie 49 Tage alt sind. Unter 100 Hunden kommt etwa ein Tier in Frage, berichtet Barrett. Die meisten Hunde sind acht Wochen bis zwei Jahre alt, wenn sie mit der Ausbildung zum Diabetes-Spürhund beginnen. Auch ältere Tiere können geeignet sein. Die Rasse spielt keine Rolle; Mischlinge eignen sich laut einer Studie sogar oft besser als Rassehunde. Die anderthalbjährige Ausbildung kostet rund 6000 Euro.

Sicherheit - auch im Schlaf

Das Geheimnis von Jack und den anderen Diabetes-Spürhunden ist noch nicht ganz entschlüsselt. Wissenschaftler vermuten, dass die Hunde eine Unterzuckerung daran erkennen, dass sie die chemische Zusammensetzung des Schweißes verändert und auch der Atem einen anderen Geruch verströmt. Möglicherweise reagiert der Hund zusätzlich darauf, dass sein Besitzers sich anders verhält. Viele Diabetiker werden zum Beispiel nervös, wenn ihr Blutzucker sinkt, sie beginnen zu schwitzen, zu zittern oder verlieren die Orientierung. "Die Symptome einer Unterzuckerung variieren aber zum Beispiel nach Tagesform", berichtet Horedt. Für den Geruch als Hauptsignal spricht außerdem, dass die Hunde die Diabetiker auch aus dem Schlaf wecken und hier nur die Nase den entscheidenden Hinweis geben kann.

Doro Horedt hat das selbst erlebt. Einmal, am Wochenende, hat Jack sie so aus einer brenzligen Situation gerettet. "Es war morgens um zehn Uhr, als der Hund vor meinem Bett stand und mich geweckt hat", erzählt sie. "Ich habe dann meinen Blutzucker überprüft und festgestellt, dass er zu niedrig ist. Normalerweise hätte ich ihn erst später getestet und die Unterzuckerung nicht so früh bemerkt."

Doch Jack ist mehr als ein willkommener Warner an Horedts Seite. "Es macht totalen Spaß mit ihm. Jack ist wirklich eine Bereicherung für die ganze Familie", sagt die Mutter von drei Jungen.