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Dioxin-Katastrophe: Giftunfall in Seveso schädigt noch heute Kinder

30 Jahre nach der Chemiekatastrophe im italienischen Seveso ist auch die zweite Generation von den Auswirkungen betroffen. Einer Studie zufolge haben Kinder, die in der Region zur Welt kommen, auch heute noch ein erhöhtes Risiko für Krankheiten und Entwicklungsstörungen.

Am 10. Juli 1976 kam es zu einem der schlimmsten Chemieunfälle in der Geschichte Europas. Die ganze Region um das norditalienischen Städtchen Seveso in der Nähe von Mailand wurde versucht. Dieses Unglück wirkt bis heute nach: Als Folge des aus einem Chemiewerk freigesetzten Dioxins haben Kinder betroffener Frauen ein überdurchschnittlich hohes Risiko für Funktionsstörungen der Schilddrüse. Das haben italienische und amerikanische Forscher bei Bluttests an rund 1000 Kleinkindern und deren Müttern herausgefunden. Die Ergebnisse zeigten, dass ein Kontakt zum Umweltgift Dioxin auch sehr langfristig Auswirkungen auf die Gesundheit haben könne, schreiben Forscher um Andrea Baccarelli von der Universität von Mailand im Fachmagazin "Plos Medicine".

Bei dem Unfall in Seveso war aufgrund von Bedienungsfehlern in der Anlage das hochgiftige und krebserregende Dioxin TCDD freigesetzt worden. Mehrere Kilogramm der Substanz verseuchten die Region. Einige tausend Nutztiere wie Rinder und Schafe starben, Tausende Menschen wurden evakuiert, Hunderte erlitten schwere Hautschäden. Ob und wie viele Menschen langfristig an den Folgen des Unfalls starben, ist nicht bekannt.

Kinder mit einem erhöhten Risiko für Entwicklungsstörungen

Um die Auswirkungen von Dioxin auf die nachfolgende Generation abschätzen zu können, untersuchten die Forscher von 1994 bis 2005 rund 1800 Frauen aus der Region. Einige der Frauen waren bei dem Unglück den höchsten Konzentrationen des Giftes ausgesetzt, andere hatten nur geringen Kontakt zu der Substanz, während eine dritte Gruppe in einer Region lebte, über die die Giftwolke nicht hinweggezogen war. Die Frauen brachten im Untersuchungszeitraum rund 1000 Babys zur Welt. Die Forscher bestimmten die Dioxin-Konzentration im Blut der Mütter sowie bei den Kindern die Werte des Hormons Thyreotropin (TSH). Dieser Botenstoff regt die Schilddrüse zum Wachstum und zur Produktion der Schilddrüsenhormone an. Zu hohe Werte können Entwicklungsstörungen wie reduziertes Wachstum und eine verlangsamte geistige Entwicklung zu Folge haben.

Bei den Kindern, deren Mütter aus den am stärksten vergifteten Regionen stammten, beobachteten die Forscher ein mehr als sechs Mal höheres Risiko für einen stark erhöhten TSH-Wert im Blut im Vergleich zu den Kindern aus unbelasteten Ortschaften. Dabei hatten die Kinder der Frauen mit den höchsten Dioxinpegeln im Blut auch die höchsten TSH-Werte, wie die Auswertung ergab.

DDP / DDP
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