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Ehec-Ausbruch: Eine Klinik im Ausnahmezustand

Viele Ehec-Infizierte kommen aus Hamburg. Eine Reportage aus dem besonders belasteten Universitätsklinikum Eppendorf.

Von Christoph Fröhlich

Von außen wirkt der unscheinbare graue Klotz wie eine Lagerhalle. Das Klinikpersonal nennt ihn den "Pavillon". Seit der Schweinegrippe wurde er nicht mehr benutzt, doch wegen des Ehec-Ausbruchs ist das Gebäude wieder Dreh- und Angelpunkt im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Werden Verdachtsfälle in die Klinik eingeliefert, landen sie zuerst dort: Im Pavillon beginnt die Untersuchung. Blut- und Stuhlproben verraten den anwesenden Ärzten nach wenigen Stunden, ob der Patient nach Hause geschickt oder sicherheitshalber in der Klinik behalten werden sollte. Beim kleinsten Verdacht auf einen schweren Verlauf einer Ehec-Infektion - dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) - wird der Patient auf die Intensivstation verlegt.

Dort kümmern sich Krankenschwestern in spezieller Schutzbekleidung wie Mundschutz und Wechselkittel um die Patienten. Momentan liegen 33 Erwachsene und 14 Kinder mit bestätigter HUS-Erkrankung im UKE. Viele von ihnen sind an ein Dialysegerät angeschlossen, um die Nieren zu entlasten. Einige müssen auch eine Reinigung des Blutplasmas über sich ergehen lassen. Nur so können die gefährlichen Giftstoffe des Erregers aus dem Körper entfernt werden.

Jörg Debatin, ärztlicher Direktor des UKE, macht sich vor allem um die Versorgung weiterer Betroffener Gedanken. "Die größte Herausforderung für uns sind die verfügbaren Kapazitäten zur Dialyse und Plasmapherese. Momentan ist eine Versorgung sichergestellt, und wir haben auch noch etwas Luft nach oben, doch sollten noch mehr Fälle auftreten, müssen wir weitere Institute um Hilfe bitten." Allein in der letzten Woche habe die Klinik soviel Blutplasma verbraucht wie sonst in drei bis vier Monaten.

"So etwas habe ich noch nie erlebt"

18 Personen bilden den Ehec-Krisenstab am UKE, der sich aus Ärzten, Schwestern und Laborangestellten zusammensetzt. Insgesamt sind mehrere hundert Mitarbeiter an der Aufklärung und Behandlung der Erkrankung beteiligt, die das gefährliche Darmbakterium hervorruft. Mittlerweile konnten die Ärzte erste Erfolge verzeichnen: Zwei Patienten wurden bereits entlassen.

Trotzdem ist die Lage weiter kritisch, einige Patienten schweben noch immer in Lebensgefahr. "Wir müssen damit rechnen, dass wir Patienten verlieren", sagt Rolf Stahl, Nierenexperte am UKE. Normalerweise liege die Sterblichkeit bei HUS um fünf Prozent. "Aber dieses Bakterium ist viel aggressiver. So etwas habe ich noch nie erlebt." Stahl beunruhigt vor allem eines: Viele der Ehec-Infektionen verlaufen schwer. "In meiner ganzen Karriere habe ich vielleicht 40, 50 solcher HUS-Fälle erlebt. Jetzt haben wir 30 in nur wenigen Tagen", sagt der Nephrologe. Wird die Niere durch die Krankheit stark geschädigt, bleiben die Betroffenen für den Rest ihres Lebens dialysepflichtig. Auch bei einer geringeren Schädigung kann die Nierenfunktion dauerhaft eingeschränkt werden.

Der Ehec-Alarm dauert bereits mehrere Tage, und im UKE ist von Entwarnung keine Spur: Die Zahl der eingelieferten Verdachtsfälle steigt weiter. "Die Situation hat sich seit Montag sogar noch verschärft", sagt Nierenexperte Stahl. Für die Betroffenen hat die Klinikleitung eine eigene Station mit 28 Betten eingerichtet, zwölf weitere Plätze finden sich auf der Intensivstation. Erkrankte Kinder werden auf der Kinderstation behandelt. Von den 14 betroffenen Kindern sind neun auf eine Dialyse angewiesen, einige liegen auf der Intensivstation. Drei der erkrankten Kinder befinden sich laut Kurt Ullrich, dem ärztlichen Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, in einem kritischen Stadium.

Warten auf das Ende

"Das Ganze ist eine außerordentliche Belastung für die Mitarbeiter und erfordert sehr viel Engagement", sagt der ärztliche Direktor Debatin. Der Ehec-Ausbruch kostet aber nicht nur das direkt zuständige Personal Kraft, auch der Rest des Krankenhauses spürt die besonderen Umstände: Um die Intensivstation und den Pavillon personell besetzen zu können, wurden andere Abteilungen auf Sparflamme gesetzt. Deshalb vergibt beispielsweise die Polyklinik keine neuen Termine mehr. Und andere Notfälle müssen unter Umständen etwas länger warten, was in Anbetracht der Situation aber meist verständnisvoll akzeptiert werde, so die Mediziner. Einige Patienten mussten durch die Einrichtung der Isolierstation verlegt werden. Jetzt hoffen die Ärzte, dass die Ursache der Erkrankung bald gefunden wird: "Wir alle warten auf ein absehbares Ende."

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