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Ehec-Patientin: Der Schrecken bleibt

Die Ehec-Epidemie gilt seit Ende Juli als überwunden. Doch Patienten finden nur langsam in den Alltag zurück. Antje Benkel erinnert sich an schlimme Stunden. Richtig fit ist sie noch nicht.

Von Lea Wolz

Einmal in der Woche muss Antje Benkel den roten Backsteinbau besuchen, der am Rand des Barmbeker Krankenhauses steht. Seit Ende Juni erwartet sie in der privaten Dialysepraxis immer wieder dieselbe Prozedur: Über einen Katheter oberhalb ihrer Brust, der eigentlich für die Dialyse gesetzt wurde, wird ihr Blut abgenommen. Danach bibbert die ganze Familie. Sind die Werte gut? Ist der Ehec-Horror endlich vorbei?

Offiziell ist er das längst: Am 26. Juli hat das Berliner Robert-Koch-Institut den Ehec-Ausbruch für beendet erklärt. 4321 Fälle wurden dem RKI bis dahin gemeldet, bei 3469 bestätigte sich der Verdacht. Bei über 800 Patienten verlief die Infektion schwer, sie erkrankten am sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). 50 Menschen starben. Doch obgleich die Epidemie offiziell Geschichte ist und der Keim in den Nachrichten kaum mehr auftaucht, hat sich für viele Betroffene der Alltag noch lange nicht normalisiert. Auch für Antje Benkel steht er noch im Zeichen von Ehec.

Sechs Wochen im Krankenhaus

In ihren Job ist die gelernte Speditionskauffrau bis jetzt nicht wieder zurückgekehrt. Bevor sie sich mit dem aggressiven Bakterium ansteckte, arbeitete sie halbtags bei einer Firma in Kaltenkirchen bei Hamburg. Nun ist sie krankgeschrieben, zunächst bis Ende des Monats. "Es läuft noch nicht hundertprozentig." Auch wenn Antje Benkel nicht mehr an die Dialyse muss, fühlt sie sich noch geschwächt. Angst machen ihr auch Aussetzer, die sie hin und wieder hat - dann fallen ihr Wörter nicht ein oder sie fühlt sich durcheinander im Kopf. "Daher fahre ich auch noch kein Auto", sagt sie.

Dabei hat die 39-Jährige, die mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Tornesch, westlich der Hansestadt, lebt, noch Glück im Unglück. "Die Infektion verlief bei ihr schwer", sagt der Nierenspezialist Kai Toussaint, der gemeinsam mit drei anderen Kollegen die Dialyse-Privatpraxis betreibt. Insgesamt sechs Wochen musste Antje Benkel im Krankenhaus bleiben. Doch schwere Folgeschäden hat sie wohl nicht zu befürchten. "Es ist zwar noch offen, ob sich die Nierenwerte vollständig normalisieren", sagt Toussaint. Die Organfunktion könne etwas eingeschränkt bleiben, doch dauerhaft an die Blutwäsche muss Antje Benkel nicht.

Angefangen hat alles am 2. Mai - mit dem Kauf eines belegten Brötchens beim Bäcker. "Mit Sprossen", wie sich die 39-Jährige erinnert. Das Datum weiß sie so genau, da sie erst kürzlich den Kassenzettel wiedergefunden hat. Dann folgten die typischen Symptome: blutiger Durchfall, schlimme Magenschmerzen. Mediziner vermuteten zuerst eine Magendarmgrippe, bis der Erreger bei ihr nachgewiesen wurde.

"Ich dachte, ich komme nicht lebend raus"

Nach einer Woche im Pinneberger Krankenhaus wurde Antje Benkel nach Barmbek verlegt - auf die Isolationsstation. "Von einem Tag auf den anderen standen plötzlich Ärzte und Pfleger nur noch vermummt mit Mundschutz und Handschuhen im Zimmer", erinnert sich die ehemalige Patientin. Für Antje Benkel war das seelisch belastend. "Das war der Moment, wo mir bewusst wurde, wie ernst die Lage war." Dann folgte das Auf und Ab der Blutwerte. Als sie einmal in den Keller rauschten, fühlte sich Antje Benkel so schwach, dass sie ihren Mann anrief und Grabschmuck bestellte. "Ich dachte, ich komme hier nicht lebend raus", erinnert sie sich.

Fast jeden Tag musste sie zur Blutwäsche, zudem erhielt sie 17 Plasmapheresen, bei denen Blutplasma ausgetauscht wird. "Beides zusammen an einem Tag war die Höchststrafe. Das hieß um die sieben Stunden ruhig liegen", erzählt Antje Benkel. "Es war eine schwierige Zeit", sagt auch ihr Mann Marco, der die eigene Firma am Laufen hielt und sich gleichzeitig um die sechsjährige Tochter Jette kümmerte. Wie andere HUS-Patienten litt auch seine Frau unter neurologischen Auffälligkeiten wie Sprachstörungen und Verwirrtheit. Die SMS, die sie ihrem Mann in dieser Zeit schickte, kann er bis heute nicht entziffern.

Langzeitschäden noch nicht abschätzbar

Insgesamt 300 Patienten mit Ehec wurden im Barmbeker Krankenhaus behandelt, 32 davon hatten HUS. 30 Patienten erhielten Plasmapheresen, 19 mussten zusätzlich über einige Tage oder Wochen an die Dialyse. Einen Todesfall im Zusammenhang mit dem Keim hatte die Klinik zu beklagen. Doch die Befürchtung der Mediziner, dass übermäßig viele Patienten unter Folgeschäden leiden, hat sich bis jetzt nicht bestätigt.

"Ich rechne damit, dass weniger als fünf Prozent aller HUS-Erkrankten dauerhaft an die Dialyse müssen," sagt Karl Wagner, Chefarzt der Abteilung für Nephrologie. Da die Nierenfunktion mit zunehmendem Alter aber ohnehin schlechter werde, hält er es allerdings für möglich, dass sich bei manchen HUS-Patienten die Vorschädigung durch den Keim in Zukunft negativ auswirkt. "Es kann daher sein, dass die Niere bei ihnen jetzt funktioniert, sie aber in einigen Jahren an die Dialyse müssen." Die Langzeitschäden seien noch nicht vollständig abzuschätzen.

Im schweren Stadium der Erkrankung litten auch viele Patienten an neurologischen Auffälligkeiten. "Gut die Hälfte aller Patienten hatte Kopfschmerzen, Angstzustände oder Wahnvorstellungen", sagt Wagner. Mittlerweile hat sich das bei den meisten Patienten normalisiert. Seelisch hätten die meisten aber sicher noch einige Zeit an dem Erlebten zu knabbern, ist der Mediziner überzeugt.

Keine Sprossen mehr

Bei Antje Benkel kam vor einer guten Woche die Nachricht, dass bei ihr dreimal hintereinander im Stuhl kein Erreger nachgewiesen wurde - und sie damit als Ehec-frei gilt. "Ich wollte sofort eine Flasche Sekt aufmachen", sagt sie. "Ich dachte, jetzt hast du es endlich hinter dir." Den Katheter ist sie seit gestern auch los. Nun müssen nur noch die Blutwerte besser werden. In Nahrungsmittel hat sie trotz Ehec wieder Vertrauen, nur auf Sprossen verzichtet Antje Benkel in Zukunft lieber.

"Für mich war es immer am wichtigsten, dass sich meine Tochter nicht angesteckt hat", sagt die 39-Jährige. Die sollte an diesem Tag eigentlich auch ein Brötchen mit Sprossen bekommen. Doch sie wollte lieber die Quarkbällchen, erinnert sich Antje Benkel. "Und ich habe ausnahmsweise mal das Süße zugelassen."

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