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Lungenkrankheit Covid-19: Ärzte in Deutschland wappnen sich für Engpass bei Intensivbetten: Wer wird beatmet?

Erkranken zu viele Menschen gleichzeitig schwer an Covid-19, droht ein Mangel an Intensivbetten - so wie aktuell in Italien und Frankreich. Ein ethischer Leitfaden soll Ärzte in Deutschland für ein ähnliches Szenario vorbereiten: Er gibt Empfehlungen, welchen Patienten im Notfall eine Behandlung zukommen soll.

Coronavirus: Eine Intensivstation in Italien

Ein Arzt auf der Covid-19-Intensivstation im italienischen San Matteo Krankenhaus

DPA

Eine Infektion mit dem Coronavirus verläuft oft mild. Entwickelt sich die Krankheit jedoch zu einer schweren Lungenentzündung, sind Patienten auf intensivmedizinische Hilfe und ein Beatmungsgerät angewiesen. In deutschen Intensivstationen werden aktuell schätzungsweise rund 1000 Corona-Patienten behandelt. Wie ein öffentlich zugängliches Intensivregister zeigt, sind die Kapazitäten aktuell noch nicht voll ausgelastet. Deutschland gilt zudem in puncto Intensivbetten als überdurchschnittlich gut versorgt: Auf 100.000 Menschen kommen 33,7 Betten. In Italien sind es gerade einmal 12,5 - in den Niederlanden sogar nur 7,1.

Dennoch wappnen sich Mediziner auch hierzulande für einen Versorgungsmangel. "Nach aktuellem Stand der Erkenntnisse zur Covid-19-Pandemie ist es wahrscheinlich, dass auch in Deutschland in kurzer Zeit und trotz bereits erfolgter Kapazitätserhöhungen nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen, die ihrer bedürften", heißt es in einem Dokument mit Handlungsempfehlungen, das sieben medizinische Fachgesellschaften in Berlin vorgestellt haben. Die Empfehlungen beinhalten sowohl medizinische wie auch ethische Fragestellungen. Hauptkriterien für oder gegen eine Intensivbehandlung sollen demnach die Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten und die Gesamtprognose auch im weiteren Verlauf sein.

Klinische Erfolgsaussicht entscheidend - nicht das Alter

"Wir haben uns ganz klar gegen das Kriterium 'Alter' entschieden und wollen sehr viel differenzierter vorgehen", sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). In Deutschland werde einem 80-Jährigen nicht von vornherein die Behandlungsmöglichkeit verweigert.

Janssens ist Mitautor der Empfehlungen und spielt damit auf Berichte aus Corona-Krisengebieten in Italien an, wonach betagten Menschen aus Kapazitätsgründen teilweise keine Behandlung mehr zukommt. In den aktuellen Empfehlungen spielen stattdessen unter anderem der Schweregrad der Krankheit und relevante Begleiterkrankungen eine Rolle. Die Priorisierung soll nicht von Einzelpersonen, sondern - falls möglich - von einem Team mit mindestens drei Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen vorgenommen werden. 

Eine Intensivtherapie ist demnach nicht angezeigt, wenn

  • der Sterbeprozess unaufhaltsam begonnen hat,
  • die Therapie als medizinisch aussichtslos eingeschätzt wird, weil keine Besserung oder Stabilisierung erwartet wird oder
  • ein Überleben an den dauerhaften Aufenthalt auf der Intensivstation gebunden wäre.
  • Darüber hinaus werden alle Patienten, die eine Intensivtherapie ablehnen, nicht intensivmedizinisch behandelt. Die Entscheidung kann auf der Grundlage einer Patientenverfügung, eines früher mündlich geäußerten oder mutmaßlichen Willens erfolgen.

Auch das Gleichheitsprinzip soll berücksichtigt werden. Die Auswahl müsse laut Paper unter allen Patienten erfolgen, die eine Intensivtherapie brauchen - unabhängig davon, ob es sich um Covid-19-Infizierte, Schlaganfall-Patienten oder Unfallopfer handelt. "Aus ethischer Sicht sind solche Priorisierungen immer ein Dilemma und damit für das Personal sehr belastend", sagt Georg Marckmann, Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin in München.

Entscheidung über Leben und Tod 

Auch Janssens betont, wie schwer Entscheidungen seien, bei denen es um Leben und Tod geht. "Das geht an niemandem spurlos vorbei. Daher kann ein solcher Kriterienkatalog auf jeden Fall eine Stütze sein", sagt der Mediziner. Das Personal in Italien und Spanien sei bereits schwer traumatisiert. Für ihn sei es erschütternd gewesen zu sehen, unter welchem Druck Kollegen in anderen Ländern Entscheidungen dieses Ausmaßes hätten fällen müssen.

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"Wir wollen eine maximale Transparenz herstellen", sagt Janssens. Die Empfehlungen sollen als roter Faden dienen. "Und wir wollen Vertrauen schaffen in der Bevölkerung. Damit alle wissen: Selbst in dieser schwierigsten aller Situation wird nicht einfach nach dem Bauchgefühl entschieden."

Quellen: Divi-Empfehlungen / Science Media Center-Fact Sheet

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