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Wie im Computerspiel: Neuer Trend "Online-Gärtnern": virtuell säen, im echten Leben ernten

Es ist wie im Computerspiel: User wählen online Saatgut und Fläche und bepflanzen und pflegen fleißig ihre Gemüsebeete. Ist das Gemüse reif, wird geerntet. Der Unterschied zum Online-Game? Am Ende liegt tatsächlich echtes Gemüse auf dem Küchentisch.

Neuer Trend "Online-Gärtnern": Links eine Frau jätet Unkraut, rechts ein Screenshot von myAcker.com

Den eigenen Gemüsegarten von der Couch aus pflegen – das ist die Idee von "Online-Gärtnern"

Getty Images

, gießen, ernten – und das alles per Mausklick. Was Millionen Menschen schon seit Jahren in Computerspielen wie "Age Of Empires", "Die Siedler" oder "Farmville" machen, hat nun einen neuen Trend ausgelöst: "Online-Gärtnern". Die Idee dahinter ist so gut wie einfach: Man wähle sich online eine bestimmte Ackerfläche aus und pflanze dort Gemüse und Kräuter nach seinem persönlichen Geschmack. Doch anders als im PC-Spiel läuft beim Online-Gärtnern wirklich jemand los und bestellt das Beet genau so, wie man es online per Mausklick geplant hast. Und wie im echten Garten geht die Arbeit dann erst so richtig los – schließlich will das eigene Beet auch sorgfältig gepflegt werden.

"myAcker" und "IPGarten" – Gartenarbeit 2018

Über HD-Kameras und moderne Sensoren wird der Online-Gärtner rund um die Uhr live über den Zustand seiner pflanzlichen Schützlinge informiert. Hängen die Blätter herunter, muss schnell gegossen werden. Fressen hungrige Nacktschnecken genüsslich den eigenen Acker leer, müssen die Plagegeister entfernt werden. Was man von der Couch aus veranlasst, setzen echte Menschen für den Online-Gärtner in der "Realworld" um. Gartenarbeit 2018. Start-ups wie myAcker oder IPGarten sind in Deutschland und Österreich Vorreiter des neuen Trends. Kinderleicht kann jeder mit etwas Geld zum (Online-)Gärtner werden.

"Die Idee ist, Leute spielerisch wieder zurück zur Natur zu bringen. Mit derselben Verantwortung, wie man sie in einem echten Garten hat", sagt Patrick Kleinfercher, einer der zwei myAcker-Geschäftsführer. Ähnlich wie bei IPGarten richtet sich das Angebot an Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – keine Möglichkeit haben, einen eigenen Garten zu bepflanzen. IPGarten bewirtschaftet eine Ackerfläche in Umland von Berlin. Über 100 zahlende Kunden hat das Unternehmen mittlerweile. Jeder Kunde hat eine festgelegte Gartenfläche von 16 Quadratmetern. Und wer nutzt das Angebot? "Das sind hauptsächlich in der Stadt lebende Berliner. Von ganz jung bis ganz alt haben wir alles. Es sind Männer, Frauen, Nerds, gehandicapte Menschen, Bürogemeinschaften und Schulklassen dabei. Den einen Standardkunden gibt es nicht", sagt Martin Kruszka, Geschäftsführer von IPGarten über seine Online-Gärtner-Kundschaft.

Salat, Kräuter und Kohlrabi sind am beliebtesten

Das österreichische Unternehmen myAcker hat mittlerweile fast 1000 zahlende Kunden, die auf einer Fläche von 2,5 Hektar Gemüse und Kräuter anbauen. Dass "myAcker" vom "Farmville" inspiriert ist, gibt Geschäftsführer Kleinfercher ganz offen zu. Die Top-3-Verkaufsschlager sind Salat, Kräuter – hauptsächlich Petersilie – und Kohlrabi. Im Sommer sind auch Zucchinis sehr beliebt. Ist das online gepflanzte Gemüse erntereif, muss der Online-Gärtner die "echten Gärtner" zum Ernten auffordern. myAcker-Mitarbeiter ernten das Gemüse ab, verpacken es und schicken es dem Kunden nach Hause. "Meistens haben unsere Kunden mittleres bis hohes Einkommen. Es ist nicht günstig, das muss man ganz klar sagen. Aber es steckt ja auch echte Handarbeit dahinter", so Kleinfercher.

Online-Gärtnern soll nicht nur bequem sein, es geht auch um Aufklärung

Anbau, Bewässerung und sogar der Versand ist bio. Auch die Förderung regionaler Bauern und die Aussaat von deren Samengut sind wichtige Themen. IPGarten-Geschäftsführer Kruszka betont, dass es ihm auch darum geht, den Menschen ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu vermitteln. Er will mit seinem Projekt nicht nur Geld verdienen, er will auch aufklären. Dass Online-Gärtnern ja sehr bequem sei und somit auch zu einer Entfremdung von der echten Gartenarbeit führt, sieht er derweil nicht. "Natürlich ist es am allerbesten, mit den eigenen Händen in der Erde zu buddeln. Da sagen wir ganz offen. Aber "IPGärtnern" ist nicht bequem. Man bekommt seine Ernte wöchentlich nach Hause geschickt und dass diese Erträge in richtiger Erde angebaut wurden, bedeutet, dass deine Küche garantiert voller Erde ist. Das Gemüse muss richtig gewaschen werden", sagt Kruszka. Während unsere Großeltern größtenteils noch wussten, wie Gartenarbeit geht, wüssten viele Kinder heute gar nicht, was sie machen sollen, wenn man ihnen Samen in die Hand gibt. Das Online-Gärtnern führe Menschen also wieder vor Augen, woher unsere Nahrung eigentlich kommt – und was für Arbeit darin tatsächlich steckt.

Screenshot von IPGarten.de

Gepflanzt wird wie im PC-Spiel, über Live-Kameras wird das Wachstum des Gemüses beobachtet.

Die Natur macht die größten Probleme

Auf die Frage, was ihnen in ihrer jungen Firmengeschichte bislang die größten Probleme bereitet hat, haben myAcker und IPGarten eine klare Antwort: das Wetter. Extreme Hitze, heftiger Niederschlag oder Frost – wie im echten Garten kämpfen auch Kruszka und Kleinfercher jeden Monat mit der Natur und ihren Überraschungen. "Natur ist oft ein regelrechter Wahnsinn", erklärt Kleinfercher. "Schnell auf Veränderungen zu reagieren und unseren Algorithmus entsprechend anzupassen sowie auszubauen, ist eine große Herausforderung für uns."

Um Schneckenplagen abzuwehren, haben sich die Österreicher etwas einfallen lassen. Sie haben sich Laufenten angeschafft. Die fressen die hungrigen Schnecken, noch bevor sie den Acker erreichen. Modernste Sensoren im Boden erkennen, wie es um den Boden bestellt ist. Vergisst also ein Kunde zu gießen, schlagen die Sensoren Alarm. Bei vergesslichen Kunden müssen dann auch schon mal die echten Bauern eingreifen und dem Online-Gärtner helfen.

Vom Gärtner zum Biobauer: Kommt bald die "Online-Farm"?

Für die Zukunft haben die Start-ups große Pläne. myAcker will auch in Zukunft weiter wachsen. 2019 will das Unternehmen den Sprung von Österreich nach Deutschland schaffen. "Wir wollen definitiv den deutschen Markt erobern – und mehr Aufmerksamkeit für die Natur schaffen", so Kleinfercher selbstbewusst. IPGarten träumt schon von einer ganzen IPFarm. Schon bald soll es nicht mehr nur um Pflanzen, sondern beispielsweise auch um Hühnereier gehen. "Aktuell läuft ein Test mit fünf Hühnern. Die Tiere sitzen ein einem gesponserten Luxus-Hühnerstall mit Wlan und man kannst die Hühner beobachten, wie sie in ihrem Stall und dem Außengehege leben, essen und Eier legen", sagt Geschäftsführer Kruszka zu seiner Idee. Die Eier soll man sich dann später nach Hause liefern lassen können.

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