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Urteil zu "Soda Ban" in New York: Der XXL-Becher nun doch weiter erlaubt

Kampf den Kalorien: Die New Yorker sollen Softdrinks nicht mehr in Übergrößen kaufen. Das sieht ein Gesetz vor. Zwar wurde es kurz vor Inkrafttreten gestoppt. Der Bürgermeister aber gibt nicht auf.

Von Yvonne Vávra, New York

Im Heart Attack Grill in Las Vegas wird die Wahl leicht zur Qual: Double, Triple oder Quadruple Bypass Burger? Mit Letzterem - vier Scheiben Rinderhack, 20 Scheiben Schinken, ein bisschen was Grünes, 9982 Kalorien – könnte man sich theoretisch fast eine ganze Woche lang ernähren. Stammkunde John Alleman, 52, hatte sich den Quadruple Bypass öfter mal legen lassen. Bis er vor ein paar Wochen im Februar vorm Heart Attack Grill tot umfiel - Herzinfarkt. Das ist bisher der vierte Fall, mit dem sich das Restaurant seinen Namen redlich verdient.

In New York wäre der Laden schon lange zu. Hier wird niemand mit den Herausforderungen der freien Wahl allein gelassen. Denn die New Yorker haben einen Bürgermeister, der auf sie aufpasst.

Mayor Michael Bloombergs jüngster Coup sollte am 12. März, also an diesem Dienstag, in Kraft treten: Kalorienreiche Softdrinks sollten dann in Restaurants, Delis, Stadien, Kinos und an Straßenverkaufsständen nicht mehr in der Größe Large verkauft werden. 16 Ounces sollten die Obergrenze sein, also etwa ein halber Liter. Nicht betroffen sind die Light-Limo-Versionen, Tee, Kaffee und Säfte ohne Zuckerzusatz sowie alkoholhaltige Getränke.

Doch wenige Stunden vor dem Start stoppte ein Richter das geplante Verbot. Die neuen Regelungen dürften nicht in Kraft treten, entschied ein Richter am Obersten Gerichtshof des Bundesstaats am Montag. So sei es beispielsweise nicht gerecht, dass das Verbot nur für bestimmte Getränke gelte und auch nur für bestimmte Verkaufsorte, zum Beispiel Fast-Food-Läden oder Kinos. Die Regelungen seien "überfrachtet mit willkürlichen und unberechenbaren Konsequenzen", hieß es zur Begründung.

Der "Soda Ban" wäre - sollte er nach dem juristischen Gerangel in Kraft treten - der erste seiner Art in den USA. Und er macht Bloombergs "Nanny"-Image alle Ehre: Im Laufe seiner Amtszeit hat der Bürgermeister bereits erfolgreich Raucher sogar aus Parks vertrieben, Kettenrestaurants verpflichtet, die Kalorien ihrer Speisen gut sichtbar aufzulisten, ungesättigte Transfettsäuren aus den Restaurants verbannt und initiiert, dass der Salzgehalt in abgepackten Lebensmitteln und Restaurantspeisen reduziert wird.

Schwer zu schlucken

Am Brause-Bann haben viele New Yorkern nun schwer zu schlucken. "Was soll das bringen, wenn es mir ja immerhin noch erlaubt ist, statt einem großen Becher Cola zwei kleine zu kaufen?", fragt sich Kathleen Hunter aus Brooklyn, die als Archivarin in einer Anwaltskanzlei arbeitet. "Und warum ist Cola plötzlich ein Gift, vor dem man die Menschheit schützen muss, wenn in Schweineschmalz frittierte Chicken Wings mit einer Schüssel voll Schmelzkäse noch an jeder Ecke zu haben sind?"

Der von vielen als willkürlich kritisierte Vorstoß hat zu einigem Protest geführt: "Hände weg von meiner Blase!", hieß es auf Demonstrationen, Chris Christie, Gouverneur des Nachbarbundesstaates New Jersey, verglich Bloombergs Regierungsweise mit einem Amoklauf, und die von der Softdrink-Industrie initiierte Gruppe "New Yorkers for Beverage Choices" wurde auch noch Tage vor der geplanten Einführung des Banns nicht müde, die Verletzung der Menschenrechte zu beklagen – Freiheit sei Freiheit, auch wenn es ums Durstlöschen geht. Getränkelobby, Kino- und Restaurantbesitzer klammerten noch an ihrem Strohhalm und warteten auf den Ausgang ihrer Klage. Mit Erfolg, wie sich am Montag herausstellte.

Bloomberg kündigte per Kurznachrichtendienst Twitter an, so bald wie möglich Einspruch gegen die Gerichtsentscheidung einzulegen. "Wir sind zuversichtlich, dass die Regelung schlussendlich in Kraft treten können wird."

Der gewichtige Grund für Bloombergs Vorstoß ist derweil weiterhin für alle gut sichtbar: Laut dem National Center for Health Statistics sind zwei Drittel aller erwachsenen US-Bürger übergewichtig, die Hälfte von ihnen gilt als fettleibig. 147 Milliarden Dollar haben die medizinischen Kosten in Zusammenhang mit Fettleibigkeit im Jahr 2008 betragen. Allein in New York sterben laut dem Health Department der Stadt jährlich 5000 Menschen an den Folgen ihres Übergewichts, mehr als die Hälfte aller New Yorker sind übergewichtig oder fettleibig. Das könnte unter anderem mit dem Genuss zuckerreicher Limonaden zusammenhängen, wie die jährliche Fettleibigkeits-Konferenz in San Antonio, Texas, im September 2012 deutlich machte.

Dort vorgestellte Studien konnten erstmals zeigen, dass ein Limo-Verzicht eine große Rolle im Kampf gegen Fettleibigkeit spielt. Dies deckt sich mit den Ergebnissen etlicher Studien der Vergangenheit, die beweisen konnten, dass Kalorien in flüssiger Form gefährlicher sind als Kalorien in festem Essen, weil sie weniger zum Sättigungsgefühl beitragen. "Der Soda Ban ist der größte Schritt, den je eine Stadt im Kampf gegen die Fettleibigkeit gemacht hat", sagte Bloomberg, kurz nachdem das New Yorker Board of Health im September 2012 grünes Licht für seinen Bann gegeben hatte.

Supermärkte sind ausgenommen

Unter afro-amerikanischen New Yorkern hat er sich damit laut Umfragen der Quinnipiac University im Bundesstaat Connecticut besonders unbeliebt gemacht. Dabei sieht Bloomberg gerade in dieser Community, deren Fettleibigkeitsquote überdurchschnittlich hoch ist, die Dringlichkeit seines Durchgreifens bestätigt.

Dennoch gehört die National Association for the Advancement of Colored People zu seinen leidenschaftlichsten Gegnern. Sie wirft dem Bürgermeister Rassendiskriminierung vor, da sie befürchtet, dass die kleinen Bodegas und Delis, die mehrheitlich von Afro- und Lateinamerikanern betrieben werden, zu den großen Verlierern des Banns zählen werden.

Tatsächlich wären Supermärkte und andere Läden, die nur abgepackte Produkte verkaufen, vom Bann ausgeschlossen: Sie fallen nicht unter die Zuständigkeit der Stadt, sondern des Staates New York. Der legendäre "Big Gulp" der Ladenkette 7-Eleven mit Bechergrößen von bis zu 1,9 Litern darf also weiterhin verkauft werden. "Wenn die Leute für ihre Sodas woanders hin müssen, werden sie für Chips und Zigaretten nicht extra zu mir kommen", sagt Vincente Ruiz vom Paloma Deli in Washington Heights im Norden Manhattans. "Jeder kann ja immer noch so viel Zucker bekommen, wie er will. Nur werden wir nun vom Verkauf ausgeschlossen."

Auch Deutschland verfettet

Auch in Deutschland sind laut Bundesregierung etwa 37 Millionen Erwachsene und weitere zwei Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig oder fettleibig. Und auch hier beginnen die Dimensionen zu wachsen: Pizzarestaurants bieten absurd große Wagenräder an, im Kino bekommt man das Popcorn in Eimern und Becher mit anderthalb Litern Cola. "Die XXL-Angebote vernebeln einem das Gehirn", sagt Aysha Bodenheim, New-York-Besucherin aus Düsseldorf, die auf dem Times Square gerade einen 700-Milliliter-Frappuccino von Starbucks getrunken hat. "Es ist tatsächlich verrückt, dass ich mich für die Riesengröße entschieden habe. Es war eben der beste Deal."

Bodenheim fände einen deutschen "Soda Ban" eine gute Idee, genauso wie Anne Jakobs aus Bernau im Schwarzwald: "Von überall wird uns suggeriert, dass wir mehr, mehr, mehr von allem wollen", sagt sie. "Wenn diese manipulierenden Mechanismen der Wirtschaft eingeschränkt würden, könnten wir wieder lernen, auf unseren Appetit zu hören."

Im Land schlägt Mayor Bloomberg viel Kritik entgegen. Und das, obwohl viele seiner Initiativen sich als erfolgreich erwiesen haben und von anderen Bundesstaaten übernommen wurden. Sein Verbot von Transfettsäuren etwa ist laut Studien ein Riesenerfolg. Und auch der "Soda Ban" wirkt mathematisch vielversprechend: Das New York City Health Department hat kürzlich errechnet, dass jeder, der sich in Zukunft täglich für ein 16 Ounce- statt für ein 20 Ounce-Soda entscheidet, pro Jahr mehr als 14.600 Kalorien weniger zu sich nimmt. Dies entspräche fast zwei Kilogramm Körperfett.

Symbolischer Akt

Dennoch ist der Vorstoß vor allem von symbolischem Wert. Wer möchte, kann sich an alkoholischen Getränken, Milchkaffee oder Milchshakes immer noch mit Energie im Überfluss betrinken. Und auch ein Liter ungesüßter Apfelsaft schlägt ja mit etwa 500 Kalorien zu Buche – mehr als eine großen Portion Pommes, doppelt so viel wie ein Doppel-Whopper. Bloombergs Schritt will sensibilisieren: "Wir zwingen die Menschen, die Entscheidung für einen zweiten Becher treffen zu müssen", sagte der Bürgermeister dem Fernsehsender NBC.

Seine Unterstützer setzen darauf, dass der Bann allein durch seine Existenz zu einem größeren Bewusstsein in Sachen gesunder Ernährung führen wird und die Menschen feststellen werden, dass es oft eben nicht zwei Liter Fanta oder einen 10.000 Kalorien-Burger braucht, um das Verlangen zu stillen.

"Ich bin Bloomberg dankbar", sagt Werbetexter Ray Braisier, Vater einer sechsjährigen Tochter. "Wenn es in unserer Pizza-Bude die Riesenbecher nicht mehr gibt, erspare ich mir eine Menge Genöle." Bloomberg ist indes schon auf neuer Mission unterwegs: Demnächst wird er den Teenies mit einer Kampagne gegen zu laute Musik aus Kopfhörern in den Ohren liegen.