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Dampf ablassen: "Möge der Donner dein Klo treffen!" Warum wir so gerne fluchen

Fluchen ist menschlich – und alltäglich. Aber warum können wir schimpfend besser Schmerzen ertragen? Geflucht wurde schon immer und weltweit? Doch hilft es uns tatsächlich?

Nicht jeder macht es: Aber es hilft uns, Dampf abzulassen.

Nicht jeder macht es: Aber es hilft uns, Dampf abzulassen.

Getty Images

Richard Stephens lehrt Psychologie an der britischen Keele University, er leitet auch Forschungsprojekte zur Psychobiologie. Er beschäftigt sich seit etwa 15 Jahren mit neurologischen Aspekten des Fluchens. Stephan Draf sprach mit ihm über das Schimpfen.


Ihre Beschäftigung mit dem Fluchen begann mit einem durchaus erfreulichen Ereignis …

 Ja, es war der Tag, an dem meine erste Tochter auf die Welt kam. Es war eine lange und schwere Geburt. Irgendwann begann meine Frau zu fluchen, auf eine ziemlich derbe, ausfallende Art. Und es wurde mit jeder schmerzhaften Wehe schlimmer. Ich muss sagen: Dieses Verhalten war mir neu.

Ihrer Frau auch?

 Oh ja, ihr war das hinterher sehr peinlich. Die Hebamme lachte und versicherte uns, dass viele Frauen während der Geburt – sagen wir – aus sich herausgehen. Die Frau meinte, das würde die Schmerzen lindern.

Und Sie als Verhaltenspsychologe wollten nun herausfinden, ob Fluchen generell Menschen helfen kann, Schmerzen zu ertragen?

Wir suchten uns Freiwillige, in diesem Fall 67 Studierende, und dachten uns einen Versuch aus, der zwar schmerzvoll war – aber nicht gefährlich. Was mussten die Probanden tun?

 Zunächst mussten sie uns fünf Schimpfwörter oder Flüche nennen, die sie wahrscheinlich benutzen würden, wenn sie sich mit dem Hammer auf den Finger hauten. Dann wollten wir von ihnen noch fünf harmlose Wörter wissen, mit denen sie einen Tisch beschreiben würden. Wir haben dann jeweils ein Wort ausgesucht, dass waren die Testbegriffe.

Und dann?

Ganz einfach: Sie mussten eine Hand in Eiswasser halten, so lange wie es ihnen irgend möglich war. Und nicht nur einmal, sondern zweimal. Beim ersten Mal sollten sie konstant das Tisch-Wort wiederholen, beim zweiten Mal ausschließlich den Fluch oder das Schimpfwort.

Was hatten Sie als Ergebnis erwartet?

Ich habe natürlich versucht, neutral zu bleiben. Aber Sie hatten ja schon das Beispiel Ihrer Frau vor Augen.

Deshalb muss ich ja trotzdem Wissenschaftler bleiben. Und es wäre theoretisch durchaus nachvollziehbar gewesen, dass die Nichtflucher länger durchhalten. Immerhin gilt Fluchen als sehr unpassend, es ist ein Tabubruch. Es wäre also möglich gewesen, dass der Gebrauch derlei Wörter einen zusätzlichen Stress auf die Probanden ausübt – und sie die Hand schneller aus dem Wasser ziehen müssen.

Aber das geschah nicht, oder?

Oh nein, im Gegenteil. Die Studenten hielten beim Fluchen fast 50 Prozent länger durch, sie schafften es knapp über zwei Minuten, die Hand im Eiswasser zu halten, beim Nicht-Fluchen war im Schnitt nach einer Minute und 15 Sekunden Schluss. Und nicht nur das: Beim Durchgang mit Fluchen zeigten die meisten Probanden eine erhöhte Herzfrequenz und einen erhöhten Hautwiderstand – beides Zeichen dafür, dass grundsätzliche Hirnfunktionen aktiviert wurden, die den Schmerz besser ertragen ließen.

Lässt man also beim Fluchen einfach Dampf ab?

Nein, nein. Das Fluchen und Schimpfen versetzt den Körper in eine physische Stresssituation, als ob er nun das uralte Programm Kämpfe-oder- Fliehe ablaufen lassen müsste. Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, und Endorphine – all das lindert das Schmerzempfinden.

Konnten Sie das Ergebnis in weiteren Versuchen bestätigen?

Ja. Wir haben Probanden so lang so schnell auf einem Ergometer fahren lassen, wie sie konnten – erneut fluchend und nicht fluchend. In einem anderen Versuch sollten sie ein Dynamometer so oft mit der Hand zusammendrücken wie irgend möglich. In beiden Fällen zeigte sich: Das Fluchen gab den Probanden Kraft, das war ganz eindeutig.

Was schließen Sie daraus?

Ganz offensichtlich hat der Erfolg der Fluchenden etwas mit Aggression zu tun, denn Fluchen ist ja aggressive Sprache. Wir haben den Eiswasser- Versuch später noch einmal gemacht: Diesmal mussten die Teilnehmer an einem Computer spielen. Zunächst ein echtes Killerspiel. Und beim zweiten Mal ein ruhiges Golfspiel. Als die Studenten dann ihre Hände ins Eiswasser tauchten … ...hielten die Killerspieler länger durch. Genau. Und zwar fast doppelt so lange.

Ist Fluchen also reine Aggression?

Fluchen ist die Sprache existenzieller Situationen. Man hat einmal die letzten Worte von Piloten vor einem katastrophalen Absturz analysiert: Es waren ausschließlich Flüche der schlimmsten Art – in einer lebensbedrohlichen Lage. Ich erwähne das, um zu zeigen, dass die Beschäftigung mit dem Fluchen keineswegs trivial ist.

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Das Fluchen war schon immer Teil der menschlichen Kultur. Sehr frühe Verwünschungen finden sich beispielsweise auf Tausenden von Tonscheiben, die Archäologen am Nil ausgruben: "Möge ein Krokodil Dich fressen", wünschten ägyptische Bürger einander an den Hals oder: "Hagel möge Dein Feld zerstören." Auf einem ägyptischen Grabstein, der heute in Oxford ausgestellt wird, finden sich finstere Wünsche für jemanden, der dem Verstorbenen die rituelle Opfergabe verwehrt: "Mögest Du mit einem Esel kopulieren. Und dann kopuliere der Esel mit Dir" – dann erstreckt sich der Fluch auf Frau und Kinder und wird in der Folge undruckbar.

Die alten Römer, namentlich der Philosoph Cicero, waren berühmt für ihre Lästerkultur, in der Bibel wimmelt es von Beschimpfungen wie "Otternbrut". Im deutschen Mittelalter wünschte man sich noch "Pest und Schwefel" an den Hals, verdammte aber den anderen auch immer öfter als "Arschlecker". Da half es auch nichts, dass die sächsischen Herzöge Friedrich Wilhelm I. und Johann III. im Juni 1590 den "Orden wider das Fluchen" stifteten, um per Geldstrafe üble Beschimpfungen in den guten Kreisen zu verhindern. Gut 400 Jahre später versuchten amerikanische Sprachwächter Ähnliches: Im Juni 2004 verabschiedete der US-Senat den "Defence of Decency Act", der TV-Kabelsendern saftige Bußen androhte, sollte sich das Gefluche auf ihren Kanälen nicht legen. Nach der Abstimmung allerdings geriet Vize-Präsident Dick Cheney im selben ehrwürdigen Senatsgebäude mit einem Senator der Gegenseite aneinander – und schleuderte ihm schließlich ein herzhaftes "Go fuck yourself! " entgegen. Nein, Fluchen ist nicht trivial. Es ist allgegenwärtig. Es ist sehr menschlich.

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Gibt es einen Bereich des Hirns, der für das Fluchen zuständig ist?

 Es gibt zu wenige Untersuchungen, um das abschließend zu sagen. Aber es gibt Hinweise, dass Fluchen nicht nur im Sprachbereich, also links im Hirn und im Frontallappen, angesiedelt ist. Bei Patienten, deren Sprachzentrum geschädigt war und die massive Probleme beim Sprechen hatten, stellte man fest: Fluchen konnten sie fließend.

Dann müssten ja auch Tourette-Kranke interessant sein, die unkontrolliert fluchen. In der Tat: Man hat festgestellt, dass diese Patienten Schädigungen der Basalganglien haben, einiger Kerngebiete, die im Hirn unter der Großhirnrinde liegen – da scheint die Kontrolle verloren zu gehen. Diese Gebiete schließen aber auch die Amygdala an Bereiche an, in denen wir Erinnerungsvermögen und evolutionäre Prägungen lokalisieren. Aus neurologischer Sicht kann man sagen: Fluchen ist ein wichtiger Bereich im Leben des Menschen, wenn es Bereiche im Hirn aktiviert, die so eng mit der Evolution verknüpft sind. Und wir kennen das Fluchen ja seit frühester Kindheit.

Aber da wird es uns verboten!

Ja, und wenn wir für böse Wörter bestraft werden, bleibt das natürlich hängen. Und das Tabu ist eta bliert. Später merken wir dann, dass man Tabus brechen kann, und beginnen selbst zu fluchen. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass auch bei begabten Menschen, die sich perfekt in mehreren Sprachen ausdrücken können, das Fluchen immer noch in der ersten erlernten Sprache geschieht.  

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Geflucht wird auf allen Kontinenten – Fluchforscher, die Malediktologen, wollen allerdings festgestellt haben, dass es in nordamerikanischen Indianer- und einigen Südseekulturen vergleichsweise zivil zugeht. Beim Schimpfen und Fluchen gibt es regionale Unterschiede: Während US-Amerikaner oder Engländer meist sexuell fluchen ("Fuck!"), halten es die Deutschen eher mit der Fäkalsprache und brüllen "Scheiße". Flüche funktionieren nur, solange sie Tabus brechen: Im mittelalterlichen England fand man in vielen Städten das Straßenschild "Gropecunt Lane" ("grope" – "antatschen", "cunt" – "Fotze",), die auf Rotlichtviertel hindeuteten – kein Mensch fand etwas daran. Heute ist "cunt" ein derbes Schimpfwort, das übrigens meist auf Männer angewendet wird – vergleichbar mit dem deutschen "Arschloch". Manchmal geraten Flüche auch aus der Mode: Wer heute einem Deutschen "Fahr zur Hölle" wünscht, erntet meist wohl nur ein Achselzucken. Manche Dinge aber bleiben: Im arabischen und südamerikanischen Sprachraum, aber auch in Russland und Asien wird heute noch gern auf die Ehre der Mutter geflucht, "Hurensohn" ist ein Ausdruck davon – was zeigt, dass die Beleidigung der Mutter ein nach wie vor bestehendes Tabu darstellt. Im Persischen gilt "Möge Gott in den Bart deines Vaters furzen". Dort steht also der Patriarch in hohen Ehren – und deshalb kann man ihn auch in einem Fluch benutzen. Clever verhalten sich traditionelle bayerische Flucher: Ihr Fluch "Kruzi fünferl!" ist eine Abwandlung des christlichen "Kruzifix", genauso wie "Zefix!" – so getarnt ziehen Flüche nicht automatisch den Zorn Gottes auf sich. Sehr schön und weltweit anwendbar sind jiddische Flüche: "Mögest du berühmt werden. Man soll eine Krankheit nach dir benennen." Fluchen ist also keineswegs trivial. Es ist international.  

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Zieht sich das Fluchen quer durch die sozialen Schichten?

Es gibt eine interessante Studie der University of Lancaster, für die die Kollegen das Fluchen soziologisch untersuchten: Fluchen Menschen aus unteren sozialen Klassen mehr als die oberen Zehntausend? Sie fanden heraus: In der untersten Schicht fluchten die Menschen mehr als in der Mittelschicht. Sobald man aber die Oberklasse betrachtete, nahm das Fluchen wieder zu, fast bis zum Level der niedrigsten Schicht.

Was schließen Sie daraus?

Man kann vermuten: Bei den unteren Klassen spielt Aggression eine Rolle, auch der Wille, andere wegzubeißen, um nach oben zu kommen. Die Konkurrenz mit Flüchen zu schockieren, scheint darin auf. Die oberen Klassen haben es bereits an die Spitze geschafft – ihnen ist es egal, ob sie irgendwelche Gefühle verletzen. Sie fluchen einfach, weil sie es können. Aber sicher ist: In allen Schichten wird geflucht, nicht in allen gleich viel – aber nirgendwo zu wenig.

Aber Kindern sollte es man trotzdem nicht beibringen, oder?

Nun, wir erziehen Kinder ja dazu, sich einzupassen, mit anderen klarzukommen – in dem Zusammenhang würde ich sie durchaus darauf hinweisen, dass Fluchen nicht so toll ist. Aber ehrlich gesagt: Ein bisschen Rebellion wollen wir bei unseren Kleinen auch sehen, oder? Ich würde sagen, Fluchen – in Maßen! – muss erlaubt sein.

Der Text stammt aus dem P.M. Magazin. Mehr Informationen finden Sie hier.

"Scheiße, ja!": Darum sind fluchende Menschen klüger
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?