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Geschlechtskrankheit: Kampf gegen die unbekannte Gefahr

Mit über 90 Millionen Erkrankungen ist sie die häufigste Geschlechtskrankheit der Welt, doch kaum jemand hat je von ihr gehört. Dabei kann eine Chlamydien-Infektion schwerwiegende Folgen haben. Jetzt ist die jährliche Untersuchung endlich Kassenleistung für junge Frauen.

Von Dorothea Palte

Wenn der sehnliche Kinderwunsch für immer unerfüllt bleibt, ist das für viele Paare ein harter Schlag. Vor allem, wenn der Grund für die Kinderlosigkeit leicht zu vermeiden gewesen wäre. Eine weit verbreitete Ursache, über die nur wenige Bescheid wissen, ist eine Chlamydien-Infektion: die häufigste Geschlechtskrankheit der Welt. Mit dem Begriff kann allerdings kaum jemand etwas anfangen.

"Chlamydia trachomatis" ist ein Bakterium, das sich bei direktem Schleimhautkontakt überträgt: Bei ungeschütztem Sex, aber beispielsweise auch beim Oralverkehr. Für Deutschland geht das Robert-Koch-Institut allein bei Frauen von 300.000 Neuerkrankungen pro Jahr aus. Die Infektion kann zu Verwachsungen des Eileiters, Eileiterschwangerschaften und Frühgeburten führen, steht zudem in Verdacht, das Entstehen von Gebärmutterhalskrebs zu begünstigen. "Chlamydien sind die häufigste Ursache für ungewollte Kinderlosigkeit bei Frauen", sagt Privatdozent Dr. Andreas Clad, Gynäkologe und Mikrobiologe an der Universitäts-Frauenklinik Freiburg. Nach seiner Schätzung sind 100.000 Frauen in Deutschland infolge von nicht behandelten Chlamydien unfruchtbar. Dabei ist die Infektion, wird sie denn erkannt, mit Antibiotika schnell und sicher zu behandeln.

Kassen und Ärzte beschließen Screening

Länder wie Schweden oder die USA haben längst reagiert, dort ist ein jährlicher Chlamydien-Test seit Jahren Routine und kostenlos. In Deutschland haben die gesetzlichen Krankenkassen die Untersuchung bislang nur einmalig im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge und in ganz konkreten Verdachtsfällen bezahlt. Im September 2007 haben sich die Vertreter von Kassen und Ärzteschaft im Gemeinsamen Bundesausschuss dafür ausgesprochen, ein flächendeckendes Chlamydien-Screening für alle Mädchen und jungen Frauen bis 25 in Deutschland einzuführen, sowie einen Routinetest vor Schwangerschaftsabbrüchen.

Jetzt haben sich Kassen und Ärzte auf die konkreten Abrechnungsmodalitäten geeinigt. Nun können alle Frauen unter 25 den jährlichen Chlamydien-Test auf Kassenkosten problemlos in Anspruch nehmen - und zwar ohne konkreten Verdacht auf eine Infektion. Sinnvoll ist das, weil die Bakterien bislang in schätzungsweise 75 Prozent der Fälle unerkannt bleiben. Eine Entzündung verläuft oft ohne oder nur mit harmlos erscheinenden Symptomen: Jucken, Brennen, Zwischenblutungen, Ausfluss oder Unterleibsschmerzen. Dies kann dazu führen, dass die Infektion jahrelang unbehandelt bleibt, chronisch wird und zu bleibenden Schäden wie Unfruchtbarkeit führt.

Ein einfacher Test bringt Klarheit

Erkennen können Ärzte Chlamydien mit einem Urinprobentest oder Abstrich. Wer unter 25 ist, kann diesen Test künftig bei der jährlichen Krebsfrüherkennungsuntersuchung beim Frauenarzt gleich mit machen lassen. Zusätzlichen Aufwand macht er also nicht. Diagnostiziert der Arzt tatsächlich eine Infektion, helfen Antibiotika, die etwa 10 bis 14 Tage lang eingenommen werden. Besonders wichtig ist es, dass auch der Partner sich behandeln lässt, und dass Infizierte beim Sex ein Kondom benutzen, um sich nicht erneut anzustecken.

Das Screening gilt nur für Mädchen und junge Frauen bis 25, weil sie besonders gefährdet sind. "Ihr Immunsystem ist noch nicht gegen die Erreger gewappnet, und ihre Schleimhäute sind besonders empfänglich", sagt Dr. Gisela Gille, Vorsitzende der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau. Denn bei jungen Frauen ist die Immunabwehr im Genitalbereich noch nicht vollständig entwickelt. Studien zufolge haben in Deutschland zwischen fünf und zehn Prozent der sexuell aktiven jungen Frauen im Alter von 14 bis 25 Jahren eine behandlungsbedürftige Chlamydien-Infektion. Außerdem können die Spätfolgen bei dieser Altersgruppe besonders gravierend sein.

Frauen über 25 gelten als weniger gefährdet, weil ihre Immunabwehr im Genitalbereich ausgereifter ist - und weil Frauen in dieser Alter häufiger monogam leben. Sie werden vom Screening daher nicht erfasst. Doch auch sie sind, beispielsweise bei einem geschwächten Immunsystem oder einem neuen Partner, nicht gegen die Bakterien gefeit. Wer unter unklaren Symptomen oder etwa immer wiederkehrenden Blasenentzündungen leidet, sollte daher einen Chlamydien-Test.

Keine Gefahr für Männer?

Bei Jungen und Männern verläuft die Infektion in schätzungsweise der Hälfte der Fälle ohne Symptome, ist aber ansteckend. Sie kann Harnleiter-, Nebenhoden- und Prostataentzündungen oder Harnröhrenverengungen hervorrufen. Uneinig ist sich die Wissenschaft bislang, ob Chlamydien bei Männern zu Zeugungsunfähigkeit führen. Unbedingt ratsam ist ein Test auf Chlamydien daher bei Männern, wenn sie unter Symptomen wie Brennen beim Wasserlassen leiden. Auch wenn bei der Partnerin Chlamydien festgestellt werden, ist eine Behandlung notwendig. Ansprechpartner ist der Urologe.

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