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Risiko Sepsis: Überlebt - die Geschichte einer Blutvergiftung

Ein Furunkel an der Schulter. Ein Kind mit Ohrenentzündung. Eine zufällige Berührung. Das führte zu einer Blutvergiftung, an der Georg Wageneder fast gestorben wäre. Um das Entsetzliche zu verarbeiten, schrieb er alles auf. Dies ist die Geschichte einer Sepsis, wie sie jeden treffen kann.

Aufgezeichnet von Burkhard Zimmermann

Georg Wageneder überlebte eine Blutvergiftung

Georg Wageneder überlebte eine Blutvergiftung

Georg Wageneder lebt in Sankt Florian in der Nähe von Linz, Österreich. An einem Sommerabend vor zwei Jahren ist er mit Freunden unterwegs, als er sich auf einmal unwohl fühlt. Zwei Tage später steht er kurz vor dem Tod: Er hat eine Blutvergiftung, eine sogenannte Sepsis, die Eltern lassen ihm die letzte Ölung geben. Aber er stirbt nicht. Über Wochen kehrt er langsam zurück ins Leben – heute setzt der 42-jährige Jurist sich mit seinem Blog dafür ein, dass Menschen die Anzeichen einer Sepsis früh erkennen und Rettung holen können.

Donnerstag, 2. Juli 2015

Das ist keine Erkältung

An diesem Tag fängt alles an. Abends treffe ich mich mit einem Freund in einem Biergarten. Als ich nach Hause komme, ist mir etwas flau zumute, aber ich denke, ich habe vielleicht etwas Falsches gegessen. Am nächsten Tag gehe ich zur Arbeit – nachmittags sagt eine Kollegin, ich sähe schlecht aus, aber so schlecht fühle ich mich gar nicht. Vielleicht ist es eine Erkältung? Erst abends wird es schlimm: Meine Frau Tamara ist Ärztin, sie misst meine Temperatur, über 39 Grad, dazu Schüttelfrost. An den nächsten Tag, den Samstag, habe ich fast keine Erinnerung.

Sonntag, 5. Juli

Sofort ins Koma

Meine linke Schulter und meine linke Seite sind stark geschwollen. Tamara hat den Verdacht, dass es sich um eine Blutvergiftung handelt. Kommt sie von dem Furunkel auf meinem linken Schulterblatt? Ich packe ein paar Sachen, dann fährt Tamara mich nach Linz ins Krankenhaus. Im Rückblick denke ich, wenn meine Frau nicht Ärztin wäre, dann wäre ich vielleicht tot. Als ich mit Tamara im Krankenhaus ankomme, misst ein Arzt meinen Blutdruck: 60 zu 50, das ist sehr niedrig. Ich ziehe mir einen OP-Kittel an, dann bekomme ich eine Narkose und alles verschwimmt – Ärzte legen mich in ein künstliches Koma, um mich beatmen zu können.

Sonntag, 5. Juli, bis Sonntag, 12. Juli

Träume an der Schwelle zum

Sie verlegen mich auf die Intensivstation: akute Lebensgefahr durch eine Blutvergiftung, Antibiotika sollen die Keime zurückdrängen. Meine Eltern holen einen , der mir die letzte Ölung gibt, denn es kann sein, dass ich es nicht schaffe. Tamara beginnt, mir E-Mails zu schreiben, in denen sie schildert, was geschieht, damit ich es später nachvollziehen kann. Während meine Familie um mein Leben bangt, träume ich, dass ich nackt in einem Zug liege, der mich durch Deutschland fährt. Weil ich nackt bin, habe ich keinen Ausweis bei mir, darum kann ich nicht nach Hause zurück. Es ist ein grauenvolles Gefühl, zurück zu wollen und nicht zu können. Ich erinnere mich deutlich an meine Verzweiflung.

Mittwoch, 8. Juli

Zurück ins Leben?
Wie ich später aus den E-Mails von Tamara erfahre, werde ich heute zum ersten Mal kurz aus dem Tiefschlaf geholt, am Donnerstag bin ich zweimal wach, kann mich durch Nicken und Kopfschütteln etwas mitteilen. Über den Freitag und den Samstag weiß ich nichts. Am Sonntag wird der künstliche Tiefschlaf beendet. Durch den Beatmungsschlauch habe ich einen starken Würgereiz, zwei Ärztinnen ziehen mir den Schlauch aus dem Hals, statt dessen bekomme ich eine Sauerstoffmaske. Schlafen kann ich in dieser Nacht nicht, aber nach rund 175 Stunden Schlaf ist man vermutlich auch ausgeschlafen.

Montag, 13. Juli

Schüsselerlebnisse

Am Morgen rasiert mich eine Helferin, die seit einer Woche in Ausbildung ist, mit stumpfer Klinge. Es war ja meine größte Sorge, dass ich unrasiert auf der Intensivstation liege.

Mittags besucht mich Tamara. Da ich zu schwach bin zum Essen, darf sie mich füttern, Suppe und Apfelmus, feste Nahrung würde noch nicht gehen. Durch die Beatmung sind meine Mundwinkel eingerissen, mein Zahnfleisch ist entzündet. Irgendwann wundere ich mich, dass ich nie aufs Klo muss – ich erfahre, dass ich einen Katheter habe, der Harn rinnt ab. Dann gibt es noch die Leibschüssel, die Lösung für die "große Seite". Da ich nicht aufstehen kann, muss es damit gehen.

Mittwoch, 15. Juli

Sitzen als Extremsport

Morgens beginnt ein Pfleger, mich zu mobilisieren: Er setzt mich in einen Sessel, der vorn eine Absperrung hat, damit ich nicht hinausfalle. Mein Kreislauf! Der Pfleger schmiert mir eine Semmel, dazu hätte ich selbst noch gar nicht die Kraft. Nach 20 Minuten bin ich durchgeschwitzt und völlig erschöpft.

Ich habe Schlafstörungen und fürchte mich nachts sehr: Ich träume von Menschen, die mich von etwas abhalten oder mir etwas Böses tun wollen und mich im Schlaf verfolgen. Eine Psychologin zeigt mir Entspannungsübungen und hilft mir, mit positiven Bildern zu arbeiten. Nach drei Nächten kann ich erstmals schlafen.

Donnerstag, 16. Juli

Harn und Drang

Ich werde von der Intensivstation aufs Zimmer verlegt. Als die Schwester einige Pflaster abzieht, sagt sie: "Das ziept jetzt ein bisschen." Es ziept nicht nur ein bisschen, sondern sehr. Wenn ich gewusst hätte, dass ich ins Krankenhaus komme, hätte ich vorher eine Ganzkörperrasur durchgeführt. Sie entfernt mir auch den Harnkatheter: Tieeef einatmen, tieeeef ausatmen – und raus. Es zieht zwar kurz, aber es ist herrlich, dass das Ding weg ist. Sie stellt mir eine kleine Flasche Wasser auf das Nachtkästchen.

Das Problem: Ich kann sie nicht öffnen, habe zu wenig Kraft in der Hand. Irgendwann gelingt es mir dann mit Hilfe der Zähne. Für andere Erledigungen muss ich läuten: Da ich noch nicht aufstehen kann, brauche ich eine Harnflasche. Nur wohin damit? Auf den Boden? Aber wenn sie dann jemand umstößt? Ich lerne, dass es eine Halterung am Nachtkästchen gibt. Sehr praktisch.

Eine Physiotherapeutin kommt, wir machen die ersten Übungen. Am Bettrand aufsetzen, aufstehen, zwei Schritte links, zwei Schritte rechts, niedersetzen. Ich schwitze und mir ist schwindelig – unglaublich, wie schnell Muskeln abbauen!

Tamara bringt mir mein Handy mit. Der PIN-Code fällt mir noch ein, immerhin. Der Akku ist leer, aber ist ja auch elf Tage nicht aufgeladen worden. Die Steckdose ist aber irgendwo weit über meinem Kopf. Dafür läuten? Sicher nicht! Mit akrobatischer Hochleistung schaffe ich es. Ich finde die E-Mails von Tamara, in denen sie mir beschreibt, wie groß ihre Sorge um mich ist … Ich weine und weine, es hört gar nicht mehr auf.

Nachts läute ich gegen vier Uhr nach der Schwester, denn ich fürchte, ich habe Fieber. Sie misst: Über 39 Grad. Ist die Entzündung wieder zurück? Sie bringt Decken, lässt mich schwitzen. Kurz vor ihrem Dienstende ist meine Temperatur unter 38 Grad. Sie macht High Five mit mir, bevor sie geht.

Freitag, 17. Juli

Klo, du hast mich wieder

Um die Infektionsgefahr zu mindern, kommen alle nicht mehr benötigten Zugänge aus mir raus und Antibiotika rein, dreimal täglich eine Infusion.

Ich fange an, meine Wunden zu betrachten: Ein Schnitt auf der Schulter, vier Schnitte auf der Seite, jeweils gut zehn Zentimeter: Hier haben die Ärzte mir Drainagen gelegt, um Flüssigkeit abzuleiten, als das Gewebe durch die Infektion geschwollen war. Da meine Stimme sehr heiser klingt, kommt eine Logopädin vorbei und macht ein paar Übungen mit mir. Am nächsten Tag wage ich mich mit dem Rollator auf den Gang. Die Schwester klebt mir schnell das hinten offene Nachthemd mit Pflaster zu, damit mir niemand etwas wegschaut. Später schnappe ich mir den Rollator und gehe selbst (SELBST!!!) aufs Klo. Ohne Personal! Ein großartiges Gefühl.


Montag, 20. Juli 2015

Reden ist schwierig

Ich kann selbst ins Bad gehen, herrlich! Am nächsten Tag übe ich mit der Physiotherapeutin das Treppensteigen, einen Stock hinauf und wieder hinunter. Runter ist schwieriger, weil man "bremsen" muss. Am Mittwoch schaut eine HNO-Ärztin via Nasensonde auf meine Stimmbänder. Ich schaue über den Monitor zu. Das linke Band bewegt sich nicht – Stimmbandlähmung. Kein Wunder, dass ich nicht besser sprechen kann.

Freitag, 24. Juli

Können Sie das bitte wiederholen?

Tag 20, erste Übungen mit der Physiotherapeutin: vom Bettrand aufstehen, abwechselnd auf Fersen oder Zehenspitzen stellen. Nach dreimal zehn Wiederholungen gerate ich ins Schwitzen. Auch eine Ergotherapeutin checkt mich durch: Monate rückwärts aufzählen, rechnen, Erinnerungstests. Klappt gut, das ist nicht selbstverständlich: Eine Sepsis kann das Gehirn schädigen und zu Einbußen führen. Samstagvormittag radle ich eine halbe Stunde auf dem Ergometer. Nach einigen Tagen spüre ich Muskeln, von denen ich zuvor nicht ahnte, dass ich sie habe. "Nur am Limit wird man besser", meint der Oberarzt. "Muskelkater? Drauftrainieren!", sagt die Physiotherapeutin.

Montag, 10. August

Nichts wie raus hier

Tag 37. Letzte HNO-Kontrolle vor der Entlassung – mein linkes Stimmband bewegt sich nach wie vor nicht. Als der Arztbrief fertig ist, bekomme ich die Erlaubnis zum Heimgehen. Tamara und mein fünfjähriger Sohn Constantin holen mich ab und ICH VERLASSE DIESES KRANKENHAUS! Zuhause küsse ich den Boden. Also, nicht als Metapher. Ich küsse ihn wirklich.

Heute

Der Wert des Augenblicks

Die Ärzte haben eine Vermutung, woher die Sepsis rührte: Es waren wohl Streptokokken, die von meinem Sohn kamen – der hatte kurz zuvor eine Mittelohrentzündung, dabei war Flüssigkeit aus seinem Ohr ausgetreten. Ich erinnere mich, dass er einmal auf den Furunkel gezeigt hat, dabei kann er ihn berührt haben. Aber so etwas kann man vorher nicht wissen, wer soll darauf kommen? Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus war ich zehn Tage zu Hause, dann vier Wochen in einer Reha- Klinik. Dort habe ich außer sonntags jeden Tag trainiert, etwa drei bis vier Stunden: Ergometer fahren, Gymnastik, Wandern in der Gruppe, Massagen.

Meine Stimmbandlippen waren durch die Entzündung angegriffen und ich hatte Probleme zu sprechen, darum bekam ich ein Jahr nach meinem Krankenhausaufenthalt eine sogenannte Stimmbandaugmentation: Mein HNO-Arzt hat Hyaluronsäure unter das gelähmte Stimmband gespritzt, um mehr Masse zu erzeugen und dadurch das Schließen der Stimmbänder zu ermöglichen. Der Rachen wurde mit einem Spray betäubt, ich musste meine Zunge festhalten und "Ah!" machen, und dann ist der Arzt mit einer langen Nadel hinuntergegangen bis an meinen Kehlkopf und hat dort die Hyaluronsäure unter das Stimmband gespritzt. Es war unangenehm, ich hatte starken Würgereiz und sollte auch noch Töne machen, damit der Arzt sieht, ob er schon genug reingespritzt hat. Nach etwa einer halben Stunde war ich damit durch, und die war ganz schön lang.

Manchmal lese ich meinen Blog und muss schon ein bisschen schlucken. Vieles darin liest sich lustig, aber ich denke, ich habe dadurch auch etwas von mir abgespalten. Der Humor hat es mir leichter gemacht, damit umzugehen, aber manchmal frage ich mich: Habe ich es wirklich bewältigt? Meine Frau sagt, ich habe es nur verdrängt. Mir fällt schwer, das einzuschätzen, lange Zeit war ich ja geistig gar nicht richtig dabei. Es ist erstaunlich, wie schnell du wieder in deinem Alltag ankommst – du vergisst, wie sehr du gelitten hast. Ich hätte mir gewünscht, dass ich nach diesen Erlebnissen den Moment mehr zu schätzen weiß. Aber das gelingt mir nicht immer.


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