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Interview

Eine Notfallseelsorgerin erzählt: "Sag nie zum Kind eines Verstorbenen: Dein Vater ist eingeschlafen"

Margarethe Kohl ist Notfallseelsorgerin in Hamburg. Die Pastorin wird immer dann gerufen, wenn Angehörige Hilfe brauchen. Ein Gespräch über Tod, Trauer und die richtigen Worte.

DR. v. HIRSCHHAUSENS STERN GESUND LEBEN: Unsere ehrliche Haut: "Warum ich mich neuerdings mit Sonnencreme eincreme"

Frau Kohl, Sie sind Notfallseelsorgerin in Hamburg. Was genau tun Sie?

Ich leiste sozusagen erste Hilfe für die Seele. Wir kommen nach plötzlichem, unvorhergesehenem Tod von Menschen. Zum einen im häuslichen Bereich: Das kann der alte Mann sein, der umkippt, während seine Frau Brötchen holen ist. Das kann eine Mutter sein, die morgens nicht mehr aufwacht oder auch – der extremste Fall – der plötzliche Kindstod, der zum Glück im vergangenen Jahr in Hamburg, soweit ich weiß, nur zweimal vorkam.

Wer alarmiert Sie?

Hier in Hamburg ist das die Leitstelle der Feuerwehr. Jedes Bundesland regelt das ein wenig anders. Nehmen wir das eben genannte, erste Beispiel. Die Frau des alten Mannes kommt nach Hause und findet ihren Mann tot auf dem Boden. Sie ruft 112 an, und die schicken den Notarzt. Der stellt den Tod fest, sieht die verzweifelte Frau und alarmiert über die Leitstelle die Notfallseelsorge.

Was passiert dann vor Ort?

Der Notarzt ist fast immer schon weg, wenn wir ankommen. Dafür ist meist die Polizei da. In Hamburg ermittelt die Polizei nach einem plötzlichen Todesfall routinemäßig. Vor Ort wird entschieden, ob es irgendwelche Verdachtsmomente gibt, die die Anwesenheit der Kripo erfordern. Ist das so, werden die Beamten und die Spurensicherung angefordert. Ansonsten wird der Tote von einem speziell dafür zuständigen Bestatter erst einmal in die Rechtsmedizin gebracht, bis die genaue Todesursache festgestellt wurde.

Wird immer so verfahren?

Manchmal kommt auch der Hausarzt vorbei und stellt direkt einen Totenschein aus. Aber das wird immer seltener. Das eben geschilderte Prozedere ist weitaus häufiger. Und die ganze Zeit sitzen währenddessen irgendwo in der Wohnung die Angehörigen des Toten und können nicht fassen, was passiert ist.

Und Sie kümmern sich dann.

Genau. Ich bin nur für die Hinterbliebenen da. Der Tod eines geliebten Menschen ist natürlich der größte Schock. Aber viele Menschen verunsichert das Erscheinen der Polizei zusätzlich massiv.

Warum?

Es kommt sofort der Gedanke: "Denken die, dass ich was damit zu tun habe?" Zuerst sind ja nur Uniformierte da: die Polizei, die Rettungssanitäter, der Notarzt. Und dann kommen meine Kollegen oder ich. Ohne Uniform, mit einem Schild "Notfallseelsorge" um den Hals. Wir setzen uns hin und reden erst einmal. Für die Betroffenen sind wir in dieser Ausnahmesituation die ersten "normalen" Menschen.

Was sagen Sie einem Menschen, der gerade einen Angehörigen verloren hat?

Ich sage meist erst einmal: "Ich bin Notfallseelsorgerin und jetzt ganz für Sie da. Und ich habe Zeit. So viel Zeit, wie Sie brauchen." Dann erkläre ich, dass das alles mit der Polizei und der Rechtsmedizin nur Routine ist und was mit dem Körper des Verstorbenen passiert.

Wie reagieren die Menschen?

Ganz unterschiedlich. Manche schweigen. Manche klagen. Andere beginnen, von den Verstorbenen zu reden. Ich bin nur da und tröste. Nach einiger Zeit kann ich dann fragen: "Wollen Sie jemanden benachrichtigen? Wer kann jetzt für Sie da sein?" Unsere Aufgabe ist es, die Lücke zu füllen zwischen dem Schock durch den Tod und dem Zurückgreifen auf das eigene Umfeld, die Familie, die Freunde. Ich möchte den Betroffenen helfen, ihre eigenen Kräfte wiederzufinden und zu mobilisieren.

Margarethe Kohl, 60, ist Theologin und seit 2011 hauptamtliche Notfallseelsorgerin in Hamburg und Umgebung. Nach Unfällen, Katastrophen oder Todesfällen bietet sie Angehörigen Unterstützung und leistet erste Hilfe für die Seele.

Margarethe Kohl, 60, ist Theologin und seit 2011 hauptamtliche Notfallseelsorgerin in Hamburg und Umgebung. Nach Unfällen, Katastrophen oder Todesfällen bietet sie Angehörigen Unterstützung und leistet erste Hilfe für die Seele.


Und Sie organisieren das dann?

Oft. Wenn die Trauernden es nicht können, helfe ich bei den Anrufen, erkläre die Lage und sorge dafür, dass jemand kommt. Wenn die Betroffenen schnell von vertrauten Menschen gestützt werden, wenn sie sich aufgehoben fühlen, ist auch die Gefahr einer Traumatisierung deutlich geringer.

Und Sie kommen zu jedem, der Hilfe braucht?

Natürlich. Wir fragen nicht nach Religionszugehörigkeit. Wir kommen auch zu Muslimen, wenn sie es wünschen. Der Islam kennt eigentlich keine Seelsorge. Da ist es klar: Die Familie kümmert sich. Man wird da trotzdem meist sehr freundlich empfangen. Mich hat schon oft beeindruckt, wie schnell nach einem Todesfall bei Muslimen die Wohnungen voll sind. Es kann sein, dass man morgens um fünf Uhr dort mit 60 Leuten sitzt. Die kommen alle, wenn's brennt.

Bisher haben wir über Ihre Einsätze im häuslichen Bereich gesprochen. Sie werden aber auch bei Unfällen und Katastrophen gerufen.

Ja, auch. Da muss man zwei Bereiche unterscheiden. Die seelsorgerische Hilfe für die Einsatzkräfte und die für die betroffenen Unfallopfer bzw. Unfallbeteiligten. Eine von uns vier Hauptamtlichen ist für die Einsatznachsorge zuständig. Die Feuerwehr hat aber auch noch eigene Leute. Man muss betonen: Nur die Feuerwehr ist hier in Hamburg für das Bergen und Retten bei Unfällen zuständig. Das ist eine extrem belastende Arbeit – die Leute aus den Autos herauszuschneiden oder Suizidopfer von Gleisen zu bergen.

Müssen auch die Einsatzkräfte während der Einsätze betreut werden?

Nein. Da funktionieren die alle. Das sind Profis. Aber eben auch Menschen. Es geht um das Verarbeiten hinterher.

Reden Sie mit allen Rettern?

Nein, aber man muss sich anbieten, und meist bekommen es die Einsatzleiter auch mit, wer später Hilfe braucht. Ich hatte vor Kurzem einen Einsatz im Hamburger Umland. Ein Mann hatte sich vor einen Zug geworfen. Eine Freiwillige Feuerwehr aus der Region war zuerst da. Darunter ein paar Jungs, die gerade einmal 18 Jahre alt waren. Und die trugen dann Arme und Beine von den Gleisen herunter. Mir war klar, dass die an den kommenden Tagen Gespräche brauchten.

Ist diese Art von Suizid häufig?

Leider ja. Im Großraum Hamburg gerät statistisch gesehen fast jede Woche ein Mensch unter einen Zug, eine S-, U- oder Regionalbahn. Oft sind es Suizide. Das ist eine extreme Belastung für das Fahrpersonal.

Und das betreuen Sie ebenfalls?

Ja, unter anderem. Die Bahn hat eigene Leute, weil es so häufig vorkommt. Wir ergänzen uns.

Was erwartet Sie vor Ort?

Meist extrem geschockte Fahrer. Einige sitzen bewegungslos in ihrer Kabine und starren geradeaus, andere sind hektisch und rufen: "Das ist mein Zug! Ich fahre gleich weiter." Aber man merkt sofort, dass sie unter Schock stehen. Am wichtigsten ist es, diese Leute aus dem Zug an einen neutralen Ort zu bringen.

Oft steht Margarethe Kohl in Hamburg Zugführern von U- oder S-Bahnen bei. In der Hansestadt gerät fast jede Woche ein Mensch unter einen Zug. Die Zugführer leiden unter den Folgen dieser Todesfälle, oft Suizide. Viele stehen unter Schock.

Oft steht Margarethe Kohl in Hamburg Zugführern von U- oder S-Bahnen bei. In der Hansestadt gerät fast jede Woche ein Mensch unter einen Zug. Die Zugführer leiden unter den Folgen dieser Todesfälle, oft Suizide. Viele stehen unter Schock.


Um zu reden ...

Genau. Um das Geschehen zu verarbeiten und keine Schuldgefühle entstehen zu lassen. Die sehen ja die Opfer vorher. Sehen die Gesichter, sehen, wie sie springen, hören die Geräusche. Das steckt man nicht so einfach weg.

Überbringen Sie auch Todesnachrichten an Hinterbliebene?

Das macht grundsätzlich die Polizei. Das lernen die Beamten in ihrer Ausbildung. Aber wir sind oft zur Unterstützung dabei. Die Polizisten sagen da selten Nein. Denn das ist auch für sie eine der härtesten Aufgaben.

Wie läuft so etwas ab?

Wir klingeln. Jemand öffnet. Derjenige sieht zwei uniformierte Polizisten und eine Frau in Zivil und weiß sofort Bescheid. Meistens wissen die Leute auch gleich, um wen es geht. Das ist erstaunlich. Auch, wenn die fünf Kinder haben, bricht sofort der eine Name heraus. Und meistens haben sie recht.

Was tun Sie dann?

Einer der Polizisten fragt: "Sind Sie Frau oder Herr X?" Und wenn ein Ja kommt, wird gleich die Frage gestellt: "Dürfen wir reinkommen?" Es gibt eine wichtige Grundregel: Nie an der Tür Auskunft geben. Erst für einen privaten, geschützten Rahmen sorgen. Die Leute fallen einem sonst in der Haustür um.

Wann haben Sie so etwas zum letzten Mal gemacht?

Am ersten Weihnachtstag. Der Mann an der Tür sagte: "Geht es um unseren Sohn?" Der Polizist antwortete: "Gehen wir doch erst mal rein." Der Mann drehte sich um, ging vor, und wir mussten ihn noch im Flur auffangen. Der Tod eines nahen Angehörigen gehört zum Schlimmsten, was Menschen passieren kann.

Also ist der "TV-Tatort"-Satz "Wollen wir uns nicht erst mal hinsetzen?" kein Klischee?

Nein. Der ist wichtig und nötig.

Und dann sitzt da also ein Mensch und wird mit dem Unfassbaren konfrontiert?

Ja, und es ist wichtig, das sofort und ohne Verklausulierungen zu benennen: Ihr Sohn ist heute bei einem Unfall verstorben. Punkt. Und dann schweigen wir erst einmal.

Warum?

Weil diese Nachricht erst einmal ankommen muss. Die Fragen kommen dann von ganz allein. Was ist passiert? Hat er gelitten? Wer ist Schuld? Darf ich ihn sehen? Viele können auch erst einmal gar nicht reden, brechen zusammen, weinen, andere erstarren. Wieder andere leugnen und rufen: Das kann nicht sein.

Wie reagieren Kinder?

Sie fragen sehr offen: "Ist Papa tot?" Und wir antworten: "Ja, Papa ist tot", und schweigen auch dann. Es kann sein, dass das Kind in sein Zimmer geht und lange dort bleibt. Und irgendwann kommt es zurück und beginnt zu fragen, was passiert ist. Detailliert. Das Kind braucht seine Zeit. Es gibt bei Kindern auch ein paar Dinge, die man auf keinen Fall machen sollte.

Welche?

Ich habe mal eine Polizistin erlebt, die war sehr freundlich. Sie beugte sich zu einem Kind herunter und sagte ganz sanft: "Dein Vater ist eingeschlafen." Später habe ich sie beiseite genommen und ihr geraten, das so nie wieder zu formulieren.

Warum? Das klingt doch ganz einfühlsam.

Ja, aber es kann dazu führen, dass das Kind danach wahnsinnige Angst hat einzuschlafen, weil es fürchtet, nicht wieder aufzuwachen. Übrigens: Die Polizistin war sehr dankbar für diesen Hinweis.

Was ist Ihre Aufgabe bei Unfällen?

Ich hatte mal einen Einsatz, da war ein Kind angefahren und verletzt worden, das zwischen zwei Autos plötzlich auf die Straße gelaufen war. Alle kümmerten sich natürlich um das Kind. Die Polizei sprach mit Zeugen. Und ich kam da an und sah 50 Meter abseits eine verstörte Frau stehen. Und ich fragte den Einsatzleiter, wer das sei. Und er sagte: "Das ist die Frau, die das Auto gefahren hat." Um die hatte sich bis dahin keiner gekümmert. Das habe ich dann gemacht. Genau für so etwas sind wir da. Andere Kollegen kümmern sich dann natürlich um die Eltern des Kindes. Dass einer von uns beide Seiten betreut, vermeiden wir.

Warum?

Man kann nicht zu den Eltern eines verletzten oder gar getöteten Kindes gehen, wenn man vorher den Todesfahrer getröstet hat. Man ist sozusagen für die andere Seite verbrannt. Vor allem, wenn die Eltern sehen, dass man gerade eben noch den Arm um denjenigen gelegt hatte, der ihr Kind schwer verletzt hat.

Sie sagten ja, dass Sie die Leute zum Reden bringen. Und wenn das dann rechtlich relevante Aussagen sind, ein Schuldeingeständnis etwa?

Alles, was wir mit den Betroffenen besprechen, alles, was wir hören, unterliegt der Schweigepflicht. Ich habe das Zeugnisverweigerungsrecht. Wir reden mit jedem in einem geschützten Rahmen. Anders geht es überhaupt nicht.

Sind Sie auch für die Hinterbliebenen von Gewaltverbrechen zuständig?

Grundsätzlich nicht, das macht in Hamburg das Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes. Die arbeiten eng mit der Polizei zusammen, die dann ja ausschließlich zuständig ist. Es gibt aber auch Länder, wo die Zuständigkeit rotiert, und dann sind auch mal wir Pastoren dran. Ich arbeite ja auch teilweise im Hamburger Umland, in Schleswig-Holstein. Deshalb bin ich in solchen Fällen auch schon mal an der Reihe gewesen.

Können Sie darüber sprechen?

Ich muss das sehr allgemein formulieren: Ich vergesse nie den Fall einer Mutter, deren Mann am Morgen im religiösen Wahn die zwei gemeinsamen Kinder getötet hat.

Was sagt man so einer Frau?

Gar nichts. Die war so erstarrt. Wir haben nur lange beieinander gesessen. Da hatte auch ich keine Worte mehr.

Sie treffen in Ihrem Beruf auf Menschen, denen das Schlimmste passiert ist. Menschen, die sich womöglich von Gott verlassen fühlen. Was sagen Sie diesen Verzweifelten als Theologin?

Ich habe keine Antwort darauf. Ich weiß nicht, warum diese Dinge geschehen. Das Einzige, was ich sagen kann, ist: Ich glaube. Und ich bin sicher, dass Gott auch dich nicht verlassen hat. Es wird für dich einen Weg aus der Trauer geben. Aber ich gebe zu: Ich hadere manchmal auch, wenn ich etwa neben einem toten Kind stehe. Aber mit Christi Tod und seiner Auferstehung ist das Leid nicht aus der Welt geschafft worden. Wir sind nicht Gottes Marionetten. Wir müssen unser Leben selber gestalten. Mit allen Höhen und Tiefen.

Was macht diese Arbeit mit Ihnen?

Das wirkt natürlich nach. Dieser Schrecken, das Elend der Hinterbliebenen. Aber ich habe gelernt, das nicht zu sehr an mich heranzulassen. Manches aber steckt man nicht gut weg. Wir können immer mit unseren Kollegen nach schwierigen Einsätzen telefonieren. Und das habe ich auch schon gemacht, wenn ich etwas loswerden musste.

Hat sich Ihr eigener Blick auf das Leben geändert?

Ja, mein Blick für die Zartheit des Lebens. Wenn wir mit unserer Familie im Sommer draußen irgendwo feiern und die kleinen Kinder da herumlaufen und offenes Wasser in der Nähe ist, bin ich immer unruhig. Ich habe zu viele ertrunkene Kinder gesehen.

Was tun Sie, wenn Sie nach einem Einsatz nach Hause kommen?

Jeder von uns hat seine Rituale: Manche trinken einen Tee in der Küche. Andere laufen oder gucken einen Film, um runterzukommen. Ich dusche jedes Mal und spüle das alles sozusagen herunter. Und meist spreche ich noch mit meinem Mann. Dann geht es mir oft wieder besser.

Ist ein Glas Wein am Abend erlaubt? Und wie sieht es mit Milch im Kaffee aus? Eckart von Hirschhausen gibt wertvolle Tipps zum Thema Intervallfasten.


Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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