Gesundheit "Wir brauchen mehr unabhängige Forschung"


Jahr für Jahr werden Milliarden für Therapien ausgegeben, deren Nutzen nicht belegt ist. Im Interview fordern die Medizinexperten Gerd Antes und Gordon Guyatt, öffentlich finanzierte medizinische Studien - um Kosten für sinnlose Therapien zu vermeiden.

Vergangene Woche hat das Bundeskabinett den Einheitsbeitrag von 15,5 Prozent für alle Gesetzlichen Krankenkassen festgelegt. Neue Milliarden sollen in ein Gesundheitswesen gepumpt werden, für das im internationalen Vergleich seit Jahren gilt: Kosten Spitze, Leistung Mittelmaß. Gibt es durch die neuerliche Reform endlich mehr Gesundheit fürs Geld? Eine vernünftigere Steuerung der Ausgabenströme?

Antes: Nur, wenn damit strukturelle Änderungen verbunden sind. Mehr Geld allein ändert nichts. Fundamentale Änderungen sind nicht zu erkennen. Also erwarte ich auch nicht viel.

Für traditionelle Profiteure gibt es einen warmen Regen, für die Patienten nichts Neues?

Antes: Das ist meine Erwartung, ja.

Professor Guyatt, als Kanadier sind Sie ein unbefangener Beobachter unseres Gesundheitswesens. Welche Prioritäten sind falsch gesetzt, was müsste sich ändern, um mehr Qualität zu schaffen und vernünftiger zu wirtschaften?

Guyatt:

Ein ganz entscheidendes Problem, sicherlich nicht nur in Deutschland, ist: Es werden zwar gigantische Summen für Forschung ausgegeben, beispielsweise, um ständig neue Medikamente für die immer gleichen Krankheiten zu entwickeln, aber ungemein wenig für die Erforschung der einfachen Fragen: Welchen Nutzen haben die Patienten tatsächlich davon, was erreicht sie wirklich, woran fehlt es? Hierzulande, und das ist nicht anders als etwa in den USA, werden Milliarden für Therapien aufgewendet, deren gesundheitlicher Nutzen weder belegt noch überhaupt dokumentiert ist. Nehmen Sie die übermäßige Anwendung teurer radiologischer Diagnostik wie CT und Kernspintomografie. Oder zweifelhafte chirurgische Verfahren am Knie. Und natürlich die verbreitete Verordnung teurer Arzneimittel, wo preiswerte genauso gut wären. Ist eine Behandlung erst einmal etabliert, hören wir weitgehend auf, sie sorgfältig zu prüfen. Dort versickert das Geld, anderswo fehlt es.

Es mangelt uns an entscheidendem Wissen über die täglichen Erfolge oder Misserfolge unseres Therapiealltags. Könnte ein großes Forschungsprogramm das Übel an der Wurzel packen?

Antes:

Ja, hier gibt es große Wissenslücken, die mit zielgerichteter Forschung gefüllt werden müssen. Aber wir haben leider noch ein zweites, schwerwiegendes Problem. Selbst wenn es durchschlagend neues Wissen gäbe, ist es für einen Großteil der Ärzte nicht ausreichend zugänglich, und die Anreize, es zu suchen und anzuwenden, sind gering. Die besten und aktuellsten Quellen für erstklassiges medizinisches Wissen sind sämtlich in Englisch veröffentlicht, und man muss kein Pessimist sein, um zu sagen, dass sie in der jetzigen Form zu wenig gelesen und zu wenig verstanden werden.

Guyatt: Es wäre außergewöhnlich klug von Ihrer Regierung, wenn sie einen Teil der gewaltigen Gesundheitsausgaben einsetzen würde, um öffentlich finanzierte Studien zu ermöglichen. Wir müssen Arzneimittel auch unter Fragestellungen untersuchen, die die pharmazeutische Industrie gar nicht erforschen will. Was wir unbedingt brauchen, ist außerdem eine lückenlose Erschließung der Informationen, die im Gesundheitswesen täglich verschwendet werden: Es ist nicht nur so, dass Daten über Ihre individuellen Vorerkrankungen und Vorbehandlungen verloren gehen, wenn Sie Ärzte oder Krankenhäuser wechseln. Es ist auch so, dass wir viele Erkenntnisse gewinnen könnten, wenn wir das Gesamtbild besser sehen könnten. Die Qualitätsdatenerfassung ist noch immer lückenhaft, große Defizite bleiben verborgen.

Was hindert uns, diese Potenziale zu nutzen?

Antes: Die extreme Zersplitterung des Gesundheitswesens in Interessengruppen und Institutionen. Niemand kann tatsächlich eine strategische Perspektive einnehmen, strategische Weichen stellen. Und es kommt noch etwas hinzu: Die patientenorientierte klinische Forschung ist ungeheuer wichtig, aber Karriere sucht und macht der Mediziner in der Grundlagenforschung. Eine scheinbare Innovation ist ruhmreicher als eine schmerzliche Einsicht in fehlende Wirksamkeit und nicht erfüllte Hoffnungen.

Welche Fragen müsste die Forschung stellen?

Guyatt:

Die pharmazeutische Industrie meidet konsequente Untersuchungen zur relativen Wirksamkeit von Arzneimitteln. Sonst könnten wir uns leichter fragen, ob wir tatsächlich 50 Prozent mehr für ein Medikament ausgeben sollten, das nur um ein Prozent wirksamer ist als ein anderes - oder nicht einmal das. Bei der Anlage und Interpretation klinischer Studien ist zu viel Raum für die ökonomischen Interessen der Hersteller, wie Beispiele immer wieder zeigen. Deswegen brauchen wir mehr unabhängige Forschung.

Sind Sie anti-innovativ?

Antes: Überhaupt nicht. Nur ist Innovation nicht schon deshalb gut, weil etwas neu ist. Im Gegenteil, gerade wenn etwas neu ist, muss es einer kritischen Schaden-Nutzen- Bewertung unterzogen und nicht einfach eingeführt werden. Darüber hinaus müssen bestehende Probleme bewusst gemacht und auch von den Praktikern verstanden werden. So gibt es bei bestimmten Knieoperationen schwerwiegende Zweifel, ob sie den Patienten irgendeinen Nutzen bringen. Grundlage dafür ist eine sehr berühmte Untersuchung, die Moseley-Studie von 2002, die vor wenigen Wochen durch eine ähnliche Studie bestätigt wurde. Und ich würde eine Wette eingehen, dass mindestens 80 Prozent der deutschen Praktiker diese bahnbrechende Veröffentlichung noch niemals in Händen gehalten haben. Wir sehen also drei Baustellen, auf denen es dringender Verbesserung bedarf. Erstens: mehr unabhängig finanzierte Studien, um die bestehenden enormen Wissenslücken zu füllen. Zweitens: bessere logistische Unterstützung, um den Marsch in die Wissensgesellschaft auch in der Medizin zu ermöglichen. Und drittens: mehr Kompetenz und Bereitschaft bei Ärzten und Patienten, bestehendes Wissen zur Grundlage ihrer Entscheidung zu machen.

Interview: Christoph Koch print

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