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stern-Gespräch

"Aesthetic Center"-Gründer: "Es kommen oft die Falschen": Ein Schönheitschirurg über kleine Nasen und große Träume

Der Schönheitschirurg Artur Worseg spricht im stern-Interview über Frauen und Männer, deren Problem manchmal auch nicht ihr Äußeres zu sein scheint, sondern ihre Seele.

Artur Worseg, 59, ist Facharzt für Plastische Chirurgie. 1998 gründete er das Aesthetic Center Wien, aus dem 2008 das Institut für plastische Chirurgie hervorging. 2016 übernahm er die Privatklinik Währing

Artur Worseg, 59, ist Facharzt für Plastische Chirurgie. 1998 gründete er das Aesthetic Center Wien, aus dem 2008 das Institut für plastische Chirurgie hervorging. 2016 übernahm er die Privatklinik Währing

Herr Worseg, Sie haben einmal in einer Landdisco eine Busenoperation verlost. War das eine gute Idee?

Es war eine Zeit, in der ich die Grenzen verloren habe – es war damals der Anfang meiner Karriere als ästhetischer Chirurg, vor 18 Jahren. Mehr, mehr, mehr, habe ich gedacht. Gewonnen hat zum Glück keine 16-Jährige, sondern eine 20-Jährige. Aber jemanden aktiv in eine Operation treiben, das würde ich heute nicht mehr tun, egal, wie alt.

Wie viele Operationen haben Sie bisher gemacht?

Zwischen 10.000 und 15.000 – jeden Monat kommen ungefähr 120 zusammen.

Sie gelten in Österreich als Promi-Schönheitschirurg, besitzen in Wien eine große Klinik mit Belegbetten und halten Ihre Sprechstunde in allerbester Lage ganz nah am Stephansplatz ab. Auf Bildern sind Sie mit Pamela Anderson zu sehen oder mit Richard Lugner und seiner Exfrau Cathy, Liliana, die damalige Frau von Lothar Matthäus, ließ sich zweimal von Ihnen operieren. Das Geschäft scheint prima zu laufen.

Es boomt. Es nimmt gar kein Ende. Es kommen Leute, die wären früher zum Friseur gegangen, um sich zu verändern. Heute wollen sie operiert werden. Ich könnte Tag und Nacht durcharbeiten. Vor zehn Jahren habe ich gedacht: Jetzt ist der Zenit erreicht. Aber das stimmte nicht. Es geht immer weiter. In meiner Branche sind die Auftragsbücher übervoll.

Ausgerechnet Sie haben jetzt ein Buch geschrieben*, in dem Sie von Schönheitsoperationen abraten.

Weil zu oft die Falschen kommen. Es gibt Tage, da sitze ich abends mit meinem Team zusammen, und wir sagen: Heute waren wieder so viele Verrückte da. Das ist natürlich ein bisschen übertrieben, aber so reden wir untereinander, wenn wir total fertig sind von diesem Publikum.

Schönheitschirugie: Ein Arzt über die Beweggründe seiner Patienten

Voll integriert in die bessere Wiener Gesellschaft: Artur Worseg (2. v. l.) beim diesjährigen Opernball neben Richard "Mörtel" Lugner (M.) sowie weiteren Herren und umgeben von allerlei Schönheiten, unter ihnen Ehefrau Kristina (in Gold) und Model Elle Macpherson (dahinter)

Ihr Publikum wird beleidigt sein, wenn es das liest.

Mindestens 50 Prozent der Leute, die zu einem Schönheitschirurgen kommen, erwarten etwas, das nicht erfüllt werden kann. So ist es einfach.

Weil sie einem Idealbild hinterherrennen?

Social Media spielt eine große Rolle. Instagram, Facebook, Tinder – da entstehen ja ganz merkwürdige Bilder von sich selbst. Vor zwei Tagen war eine Frau hier, die wollte den Busen gemacht haben. So schnell wie möglich. Sie hat mir erzählt, sie habe den Mann ihres Lebens gefunden und wolle ihn treffen. Leider hatte sie ihm über Monate nur bearbeitete Fotos geschickt. Das Problem, sagte sie mir ganz aufgelöst, sei jetzt ihr Hängebusen.

Was haben Sie gemacht?

Mir war klar: Mit einem hübscheren Busen ist es nicht getan. Sie ist hässlich, ungepflegt, aus dem Leim gegangen, sie hat eine schlechte Haut – sie sieht einfach überhaupt nicht so aus, wie sie sich verkauft. Ich habe auf Zeit gespielt und gesagt: So schnell, wie sie das will, könne ich keinen Busen operieren. Es sei außerdem wichtig, dass sie Sport treibe, dass sie auf gute Ernährung achte, damit sie ein besseres Gefühl zu ihrem Körper entwickele. Sie solle darüber nachdenken.

Kam sie wieder?

Nein. Viele, deren Wünsche man nicht sofort erfüllt, sagen: "Wiedersehen", und gehen zum Nächsten. Manche sind aggressiv. Sie haben sich das in den Kopf gesetzt, und da sie es ja selbst bezahlen, soll man das bitte genauso machen, wie ein Automechaniker ein Auto aufmotzt. Ich bin aber kein Automechaniker, sondern Arzt.

Betrifft das vor allem Frauen?

Auch wenn es manchmal heißt, es würden immer mehr Männer zu Schönheitschirurgen gehen – das Verhältnis ist und bleibt 80 zu 20. 20 Prozent Männer, manchmal sehr unangenehme. Unternehmensberater, Banker – solche, die es gewohnt sind, Chef zu sein. Die kommen her und sagen: So und so muss die Nase sein. Ich antworte: Das geht technisch nicht. Oder: Ihre Nase sieht doch gut aus! Dann machen sie auf dem Absatz kehrt. Sagen: "Aha, Sie können das also nicht." Und gehen zum Nächsten.

Was wollen die Männer?

Kleinere Nasen. Haarersatz, Liftings. Manche auch einen größeren Penis.

Was lehnen Sie grundsätzlich ab?

Penisvergrößerungen mache ich nicht mehr. Das war ein Desaster. Es kommen nicht die Männer mit kleinen Penissen, wie man ja denken würde. Eigentlich alle haben einen mittleren bis großen, an dem es nichts auszusetzen gibt. Nach der Operation sind sie enttäuscht – sie haben was anderes erwartet. Besseren Sex. Oder dass sie den größten Penis im Duschraum des Fitnesscenters haben. Da ist dann aber einer, der hat einen noch größeren. Oder die anderen interessieren sich immer noch nicht für ihn, genauso wenig wie vor der Operation. Ich lasse die Finger davon.

"In meiner Branche sind die Auftragsbücher übervoll", sagt Worseg. Hier empfängt er den ehemaligen "Baywatch"-Star Pamela Anderson.

"In meiner Branche sind die Auftragsbücher übervoll", sagt Worseg. Hier empfängt er den ehemaligen "Baywatch"-Star Pamela Anderson.

Sie schreiben in Ihrem Buch, viele Leute kämen zu Ihnen, die an einer Persönlichkeitsstörung leiden.

Ich erlaube mir nicht, eine psychiatrische Diagnose zu stellen. Aber viele haben ausgeprägte Anteile von diesen Störungen. Narzissten gehören dazu, darunter oft die beschriebenen Männer. Sie wollen die Welt so haben, wie sie es sich vorstellen. Wehe, das funktioniert nicht. Dann rennen mir Borderline-Patientinnen die Tür ein. Diese Menschen haben eine ganz schlechte Einstellung zu ihrem Körper. Typisch ist die junge, gut aussehende Frau, die sich vor wenigen Tagen aggressiv die Bluse vor mir aufriss, grob ihren Busen rausholte und mit Verachtung sagte: "Schauen Sie das an! Hässlich! Machen Sie das weg!" So jemand steht unter innerer Spannung und ist voller Selbsthass. Auch Menschen mit einer bipolaren Problematik sind keine seltenen Gäste. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. In einer Hochphase wollen sie sich alles Mögliche operieren lassen, da darf es gern ein riesiger Busen sein. Dann folgt die Depression. Eine Operation löst derart tief sitzende Probleme niemals.

Sonst noch Störungen?

Die Histrioniker. Sie blühen auf, wenn sie Publikum haben, aber sie fallen in sich zusammen, wenn das Publikum ausbleibt oder der Applaus abebbt. Oft bringen sie noch jemanden zum Vorgespräch mit, sie sind wahnsinnig nett, offen, man hat sofort Kontakt. Aber wehe, man wechselt ein Wort mit der Freundin. Dann ist die gute Laune wie weggeblasen. Eine sehr typische Person mit dieser Störung war eine ältere Dame. Extrem theatralisch. Die zog sich gleich aus, legte sich auf den Boden, machte eine Kerze, führte mir vor, wie beweglich sie noch ist. Sie wollte ein Facelift. Ich habe gemerkt, dass es ihr um Aufmerksamkeit ging. Ihr Hauptproblem sind nicht die Falten, sondern dass sie sich erhofft, endlich wieder im Mittelpunkt zu stehen.

Wenn Sie so eine Problematik feststellen, weigern Sie sich zu operieren?

Ja. Ich sage den Leuten so behutsam wie möglich, warum ich eine Schönheitsoperation für Unsinn halte.

Was passiert dann?

Manchmal fühlt sich jemand verstanden, er geht und ist vielleicht sogar zufrieden mit meiner Antwort, weil er weiß, dass er an dieser Stelle, bei den Äußerlichkeiten, nicht an sich zweifeln muss.

Tattoos sehen aus wie Aufnäher

Ihr deutscher Kollege Werner Mang erobert den asiatischen Markt – er hat sich eine spezielle Standardnase ausgedacht.

Die Asiaten sind verrückt nach einer geraden europäischen Nase. Sie mögen ihre flachen Nasen nicht, die so ein bisschen eingedrückt aussehen. Hier in Europa geht der Trend gerade eher weg von der geraden Nase – hin zur Stupsnase. Ich war mit 30 selbst in Asien. Ich habe dort Mikrochirurgie gelernt und auch in der ästhetischen Chirurgie praktiziert. Damals haben wir den Asiatinnen Fischbein in die Nasen operiert. Das ist dann irgendwann herausgeeitert, aber sie nahmen das in Kauf. Sie wollten unbedingt ihre Sattelnasen loswerden.

Stecken auch hinter Nasenproblemen ganz andere Geschichten?

Nasenpatienten sind kompliziert. Sie bemängeln dauernd was Neues: eine kleine Delle, die Nasenlöcher zu klein oder zu groß. Und dann sind Nasen manchmal wie ein Familienwappen. Es gibt Männer und Frauen, deren Nase ist gar nicht auffallend hässlich, aber sie wollen eine andere, um sich vom Vater zu distanzieren. Vor Kurzem war hier eine Bosnierin, die sagte: Ich will keine Vaternase. Ich will eine Mutternase.

Und Sie raten dann ab?

Nicht unbedingt. Ich versuche herauszufinden, welche Erwartungen die Menschen haben. Und wie groß die Aussichten sind, dass ich sie erfüllen kann. Nicht nur aus Nächstenliebe – auch aus Selbstschutz, sonst sind sie frustriert und beschweren sich bei mir. Es kann sein, dass ein Vater sehr böse ist, weil seine Tochter oder sein Sohn aus der Charakternase eine Stupsnase hat machen lassen, dass sozusagen das Familienwappen zerstört ist. Das bringt eine neue Dynamik in diese Familie. Das sollte man vorher wissen. Darauf mache ich aufmerksam.

Sie sind aber keine Psychologe.

Das ist es ja. Schönheitschirurgen haben keine entsprechende Ausbildung, aber ständig mit psychologischen Überlagerungen zu tun. Ich habe immerhin Freunde, die Psychologen sind. Mit ihnen diskutiere ich über meine Patienten, natürlich ohne Namen zu nennen. Einigen Besuchern gebe ich den Rat, zu einem Psychologen zu gehen. Manche machen das auch, einige kriege ich dann nach ein paar Wochen wieder zurück. Der Psychologe informiert mich: Das war nur eine Anpassungsstörung bei der Frau X, jetzt geht die OP in Ordnung.

Und dann operieren Sie.

Ja. Aber ich erlebe auch, dass der Eingriff gar kein Thema mehr ist, wenn eine Lebenskrise vorbei ist. Sehr oft kommen Patienten in einer Umbruchzeit zu mir. Ihre Beziehung hat sich totgelaufen, da gibt es keine Zärtlichkeiten mehr. Oder sie sind in ihrer Arbeit nicht mehr gefragt. Sie werden älter und ziehen nicht mehr so viele Blicke auf sich. Sie lassen sich scheiden und haben Angst vor Einsamkeit. Dann wollen sie durch eine Operation erreichen, dass die Krise sofort verschwindet. Das geht natürlich nicht. Ich versuche ihnen zu erklären, dass Krisen zum Leben gehören und Veränderungen oft längst nicht so schlimm sind, wie man im ersten Moment denkt. Manche sind heilfroh, wenn sich alles wieder geordnet hat – und sie im Spiegel immer noch ihr altes Gesicht sehen.

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Woher haben Sie Ihre Einstellung?

Ich habe mit 30, als ich in China war, einige Zeit in einem Shaolin-Kloster verbracht. Die Dinge nehmen, wie sie sind – das ist die Weisheit, die dort gelehrt wird. Mir hat das damals wahnsinnig gut gefallen. Ich war dann allerdings viele Jahre weit davon entfernt. Ich wollte Geld verdienen, ich war auch fasziniert von der ästhetischen Chirurgie und ihren Möglichkeiten. Aber ich komme jetzt immer mehr darauf zurück. Ich sehe so viele Menschen, die sind verspannt, sie wollen das Leben unter ihre Kontrolle zwingen, sie drehen sich immer um sich selbst und sind sowieso nie zufrieden.

Empfehlen Sie also: in Würde altern? Mit Makeln leben?

Ich liebe diesen Satz von Sophia Loren: "Nicht die Schönheit entscheidet, wen wir lieben, sondern die Liebe entscheidet, wen wir schön finden." Den gebe ich einigen mit.

Das wird den meisten so wenig helfen wie die Aufforderung, ab sofort positiv zu denken.

Der Trick ist, sich von sich selbst abzulenken. Sich mit anderen zu beschäftigen. Ich arbeite in einem Hospiz mit. Das macht etwas bescheidener. Da hören die Gedanken auf, ständig nur um die eigene Person oder das eigene Äußere zu kreisen. Ich rate einigen Patientinnen auch, sich von Menschen zu distanzieren, die sie negativ beeinflussen. Das können Partner sein, die einer Frau das Gefühl geben, nicht attraktiv zu sein. Es ist oft klüger und viel wirkungsvoller, Abstand zu diesen Energieräubern zu nehmen, als sich operieren zu lassen.

Wären Sie lieber Psychologe geworden?

Als Psychologe würde ich wahrscheinlich in all die Dramen und Tragödien mit hineinkippen. Eher Schauspieler oder Schriftsteller – das wäre was für mich, denn ich denke mich sehr gern in andere Menschen hinein und bin fasziniert davon, was sich hinter der Fassade alles abspielt. Ästhetischer Chirurg, das würde ich mir eher nicht noch mal aussuchen.

Fürchten Sie nicht, sich mit Ihrer Analyse der Schönheitschirurgie Ihren Ruf zu vermasseln?

Ich rechne tatsächlich damit, dass weniger Patientinnen zu mir kommen werden, weil sie ja Angst haben müssen, dass ich in ihr Inneres schauen will und sie wegschicke. Damit kann ich leben. Auch mit Kollegen, die sich über mich ärgern und mich als Nestbeschmutzer bezeichnen. Ich bin sicher, dass viele insgeheim genauso denken wie ich. Eigentlich wollte ich über meine Erfahrungen erst schreiben, wenn ich im Ruhestand bin. Aber ich bin so ein Mensch: Wenn etwas reif ist, ist es reif. Es musste jetzt schon raus.

Es stellt sich die Frage, warum Sie den Job nicht an den Nagel hängen.

Weil es immer noch beglückende Momente gibt. Wenn Menschen zum richtigen Zeitpunkt kommen und wissen, was sie wollen, dann kann ein operativer Eingriff eine sehr gute Sache sein. Mich reizen auch heute noch die Herausforderungen, zum Beispiel eine komplizierte Nase zu korrigieren – so eine wie die von Gerard Depardieu. Das mache ich gern, da bin ich Künstler, Architekt, Chirurg zugleich. Außerdem habe ich drei Kinder. Daran muss ich auch denken. Wer weiß, ob nicht eins von ihnen mein Unternehmen weiterführen will?

*Artur Worseg: "Deine Nase kann nichts dafür. Wie wir uns vor dem Schönheitswahn retten", 160 Seiten, 22 Euro

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