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Gesundheitswesen: Ärzte bevorzugen reiche Gegenden

Deutschland hat Mediziner im Überfluss, aber die sind schlecht verteilt. Denn keiner will aufs platte Land. Stattdessen kurieren die Doktoren lieber in attraktiven Wohngegenden. Stilllegungsprämien, Praxisfilialen, Umsatzgarantien, Mediziner-Soli und billige Mieten sollen Ärzte in die Diaspora locken.

Von Brigitte Zander

Bis vor einem Jahr konnten die 7000 Einwohner der Marktgemeinde Weidenberg im Fichtelgebirge noch bei fünf Hausärzten Hilfe suchen. Dann ging der Älteste ohne Nachfolger in den Ruhestand. Ende Juni wanderte der langjährige Haus- und Notarzt Ulrich Harte, 45, mit Frau und vier Kindern in die Schweiz aus. Er habe die Nase voll vom deutschen Gesundheitssystem, von Rund-um-die-Uhr-Arbeit, schlechter Bezahlung und überbordender Bürokratie, erklärte er Kollegen und Patienten. "Wir sind politisch missbrauchte Mittler der Sparaktionen", hieß es in seinem Abschiedbrief.

Deutschland hat international die höchste Ärztedichte

Seine zurückgebliebenen Kollegen in Weidenberg im Landkreis Bayreuth, inserierten am nächsten Tag im Gemeindeblatt, dass sie "bedauerlicherweise die Patienten von Dr. Harte nicht übernehmen können". Sie seien selbst übervoll, und "die vorhersehbare Arbeitsüberlastung gefährdet die qualifizierte Betreuung der eigenen Stammkunden, die unsere 63-Stunden-Woche schon völlig ausfüllen."

Bisher kannte man derartige medizinische Notstandsberichte vor allem aus den neuen Bundesländern. Die aktuelle Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) belegt solche Mängel nun auch in Landregionen der alten Länder. Dabei ist Deutschland reichlich mit Ärzten gesegnet. "Mit durchschnittlich 370 Ärzten auf 100.000 Einwohner belegen wir international einen Spitzenplatz. Im Vergleich zu Nachbarländern wie Frankreich und den Niederlanden haben wir eher zuviel Praxen", kritisiert Wido-Wissenschaftler Thomas Uhlemann. "Aber die sind schlecht verteilt. Und attraktive Gegenden gnadenlos überversorgt."

Die Weißkittel heilen lieber in interessanten Städten oder in schöner Landschaft, wo auch jede Menge lukrative Privatversicherte wohnen. Höchst ungern siedeln sie in armen ländlichen Regionen an der polnischen Grenze, in der Uckermark oder im Saalkreis bei Halle. Alles weitab von Edelrestaurants, Theatern, Hochschulen, und Boutiquen.

München ist Paradebeispiel für Überversorgung

Als Paradebeispiel für medizinische Überversorgung gelten München und der Nobelort Starnberg. Dort tummeln sich allein zwanzig Internisten. Das bedeutet einen Versorgungsgrad von über 500 Prozent. Mit vier Internisten wäre der Bedarf voll gedeckt. Außerdem tummeln sich im Raum Starnberg 109 Hausärzte, 73 wären ausreichend. 16 Frauenärzte stehen sich gegenseitig auf den Füßen, mit elf wäre dass Soll erreicht. Und statt neun HNO-Ärzten wären auch vier genug. Reiche Orte sind auch reich an Ärzten.

Uhlemann hält die Praxen-Inflation für "einen Irrsinn. Solch ein Überschuss hat nichts mit medizinischer Notwendigkeit zu tun." Doktorberge häufen sich auch in anderen Wohnidyllen wie Freiburg im Breisgau, Garmisch-Patenkirchen, im Berchtesgadener Land oder dem Main-Taunus-Kreis. Dort drängen sich zum Beispiel elf Orthopäden; mit fünfen wäre die Region hundertprozentig versorgt. Auch beliebte Metropolen ziehen Weißkittel magisch an. In München praktizieren statt der nötigen 817 Hausärzte derzeit 1100. Internisten gibt es 199, aber 106 würden statistisch gesehen völlig ausreichen. Um Frauenleiden kümmern sich 286 Gynäkologen, rechnerisch 52 Prozent zuviel.

Das gleiche Phänomen registriert die Wido in Berlin, wo jede Menge Einzel-, Gemeinschafts- und Hobby-Praxen um Patienten werben. Neben Fulltime-Ärzten bieten auch betagte Weißkittel und saturierte Mediziner-Ehefrauen halbtags oder zweimal die Woche ihre Dienste an. Auch für kleinste Wehwehchen. Fünfzig, hundert Kilometer weiter muss sich ein gestresster Allgemeinarzt allein um einige Tausend Patienten kümmern, und alles - von der Hackbeilwunde bis zur Diabetes - behandeln.

Gegen Neulinge wird geklagt

Dort in der medizinischen Diaspora pilgern die Kranken mit schweren Leiden kilometerweit zur einzigen Praxis, in der vielleicht bald das Licht für immer ausgeht. Denn händeringend fahnden betagte Landärzteärzte aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, aus Nordbayern, Niedersachsen und Friesland, auf Praxisbörsen und in Anzeige nach einem Nachfolger. "Gut eingeführte Allgemeinarztpraxis ohne finanzielle Ablösung sofort problemlos zu übernehmen", liest man dauernd in medizinischen Fachblättern.

Fairerweise muss erwähnt werden: Auch in schönen Gegenden quälen sich die Ärzte mit Berufssorgen herum. Die Konkurrenz stört. Insider berichten vom Hauen und Stechen zwischen den Doktoren. Man klagt gegen jeden Neuling, der in den überversorgten und darum gesperrten Gebieten doch noch eine Nische erspäht hat, und sich zum Beispiel über Sonderzulassung als Urologe oder Rheumatologe niederlassen will. Noch einer, der am Honorartopf knabbert! Die Fehde zwischen Haus- und Fachärzten hat in München schon zum Eklat in der Kassenärztlichen Vereinigung geführt.

Dr. Christoph Grassl, alteingesessene Hausarzt-Praxis in der bayerischen Landeshauptstadt, ärgert sich über die zu vielen Fachärzte, "weil die in den Pfründen der Hausärzte wildern". Daran sind die anspruchsvollen Patienten nicht unschuldig: "Die gehen automatisch mit jedem Schnupfen zum HNO-Arzt. Und mit jedem Herzklopfen zum Kardiologen."

Überversorgte Regionen produzieren hohe Kosten

Selbst Lappalien sind vielen niedergelassenen Ärzten in München willkommen. "Wer nur ein paar hundert Namen in der Kartei hat, muss während seiner Sprechstunden auf Patienten warten, und hat viel Zeit, rundum zu diagnostizieren, zu therapieren, und nachzudenken," weiß Grassl. Beispielsweise über Zusatzleistungen, die man dem Kunden noch privat verkaufen kann, um das karge Kassenhonorar aufzubessern.

Angesichts der Konkurrenz wagt kaum ein Arzt, unverschämte Patienten zu vergraulen. "Da kommen die Damen und wollen harmlose Schönheitsflecken gelasert, Falten geglättet, und teure Cremes auf Kassenkosten verschrieben haben", berichtet eine Hautärztin in München-Schwabing. Wenn man zögert, drohen die Patientinnen: "Ich gehe zum nächsten Kollegen."

Solche Extravaganzen gehen ins Geld. "Das Spitzenangebot einer überversorgten Region produziert hohe Kosten", konstatiert Robert Schurer, Chef der AOK-Direktion München. Die Leistungsausgaben je Mitglied sind hier deutlich höher als normalerweise. Nach Berechnungen des örtlichen Instituts für Gesundheitsökonomie kostet ein Versicherter im Bundesdurchschnitt 2674, in München über 4000 Euro. Zwar ist das Budget für die ambulante Versorgung gedeckelt. Aber dazu summieren sich Kosten für Kliniken, Medikamente, Reha-Maßnahmen, sowie Zusatzhonorare für Versorgungsverträge mit Kliniken, Medizinern, und Apotheken.

"Mehr Ärzte auf engem Raum bedeuten mehr Leistungen, die bezahlt werden müssen", resümiert Schurer. Das übernimmt letztendlich der Versicherte mit seinen unaufhaltsam steigenden Beiträgen.

KV'en wollen Ärzteberg entzerren

Die Kassenärztlichen Vereinigungen, die für die ambulante vertragsärztliche Versorgung im ganzen Land verantwortlich sind, haben ihre liebe Not, den Ärzteberg zu entzerren. Sie tut sich schwer mit den wählerischen Freiberuflern. "Wir können die Leute nicht mit dem Lasso einfangen und zwangsverpflichten", stöhnt Dr. Roland Stahl, Sprecher des Kassenärztlichen Bundesvereinigung KBV in Berlin. Auch die Predigt der Gesundheitsministerin, "Ärzte müssen mobiler werden", nutzt wenig gegen die Landflucht.

Stattdessen sollen Prämien für Praxisschließungen (wie Stilllegungsprämien in der Landwirtschaft) und der Aufkauf von Vertragsarztsitzen in überversorgten Gebieten die Ärzte nach Bedarf steuern. KV'en versprechen jungen Medizinern in Mangelregionen eine Weiterbildung zum Facharzt. Oder sie animieren in Notsituationen - wie jetzt im nordbayerischen Weidenberg - einen Hauarzt aus einem Nachbarort, auch noch die verlassene Praxis von Dr. Harte als Zweigstelle zu übernehmen. Seit Anfang des Jahres dürfen Ärzte Filialen betreiben. Künftig geht es den Weißkitteln in den Ärztehochburgen ans Geld. In der Diskussion ist eine Einkommensumverteilung ab 2010. Wer in begehrten Gebieten praktiziert, soll zehn Prozent vom Einkommen als Medizin-Soli für strukturschwache Gebiete zahlen; damit will man die Bezüge der Kollegen im Outback aufstocken.

Derweil ergreifen betroffene Gemeinden die Eigeninitiative und versuchen Mediziner mit Investitionshilfen, Umsatzgarantieren, Bau- und Kindergartenplätze anzulocken. "Da sind individuelle Lösungen ohne Scheuklappen sind gefragt", weiß ein betroffener Gemeindevater. Die Stadt Ohdruf in Thüringen beispielweise stellt eine Praxis kostenlos zur Verfügung. Der Nordsee-Badeort Büsum hat seinem Hausarzt ein zinsloses Darlehen von 40.000 Euro gewährt. In Bredstedt in Nordfriesland suchen die Stadtväter per Annonce selbst nach dem dringend benötigten Augenarzt, dem man "Unterstützung bei der Immobiliensuche" verspricht.

In Boizenburg in der mecklenburgischen Provinz will man einer Hausärztin den Grundstückswunsch erfüllen. Und die Gemeinde Beidenfleth bei Itzehohe kaufte die Praxisräume des früheren Landarztes, um sie dem Nachfolger günstig zu vermieten. Auch mit Zuschüssen für die Praxisausstattung will die Gemeinde jedem Heiler unter die Arme greifen. "Wir müssen günstigste Voraussetzungen schaffen, damit Ärzte zu uns kommen", weiß Bürgermeister Peter Krey.

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