Eine 47-jährige Frau verliert beim Autofahren plötzlich das Bewusstsein und damit die Kontrolle über ihr Fahrzeug und fährt in eine Gruppe von Kindern. Zwei zwölfjährige Jungen werden so stark verletzt, dass sie sterben. Der tödliche Unfall in Dinslaken, nahe Essen, erschütterte Ende Mai Menschen in ganz Deutschland.
Schuld an dem Blackout war ein Herzstillstand: 16 Sekunden lang hatte das Organ der Fahrerin ausgesetzt. Das ergab eine Auswertung der Daten ihres sogenannten Ereignisrekorders, eines Medizingeräts, das den Herzrhythmus der Frau überwachte. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass sie am Steuer das Bewusstsein verlor und einen Unfall verursachte. Aus diesem Grund war ihr der Ereignisrekorder überhaupt erst eingesetzt worden.
Manchmal verlieren Menschen jedoch auch ohne bekannte Erkrankung beim Autofahren das Bewusstsein. Welche Ursachen stecken dahinter? Und kann es auch junge, gesunde Menschen treffen?
Warum erleidet jemand plötzlich einen Blackout am Steuer?
Herzrhythmusstörungen oder ein Herzinfarkt können zum plötzlichen Verlust des Bewusstseins führen. Letzterer macht sich manchmal schon Wochen vorher bemerkbar, etwa durch Atemnot oder ein Druckgefühl auf der Brust.
Allerdings nehmen viele Betroffene ihre Symptome nicht ernst und lassen sie nicht abklären, wie Behrus Subin, Kardiologe in Hamburg, berichtet. „Es ist wichtig, dass wir bewusster mit unserem Körper umgehen und in uns hineinhören, im Zweifel einen Arzt konsultieren“, sagt der Experte. „Es gibt aber auch Menschen, die vorher gar keine Symptome haben.“
Auch ein Schlaganfall, der meist ohne Vorwarnung auftritt, kann einen plötzlichen Blackout verursachen. Theoretisch möglich ist zudem, dass jemand ausgerechnet beim Autofahren das erste Mal einen epileptischen Anfall erleidet. Bei Diabetikern besteht die Gefahr eines Bewusstseinsverlustes, wenn der Blutzucker in einen zu niedrigen Bereich rutscht. Deshalb sollten Patienten vor einer Autofahrt immer ihren Blutzucker messen.
Die häufigste Ursache für Blackouts im Verkehr sei jedoch der Sekundenschlaf, sagt Sven Hartwig, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitglied des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin.
Sekundenschlaf ist vorwiegend dann wahrscheinlich, wenn man nachts zu wenig Schlaf bekommen hat. Aber auch nach körperlicher Anstrengung können einem die Augen am Steuer zufallen.
Das geschehe aber nicht aus heiterem Himmel, sondern kündige sich durch zunehmende Müdigkeit an, erklärt Hartwig. „Man denkt, dass man es unter Kontrolle hat – hat man aber nicht.“ Deshalb: Gleich am nächsten Parkplatz anhalten und vor der Weiterfahrt 15 bis 20 Minuten schlafen.
Können auch junge, gesunde Menschen beim Autofahren das Bewusstsein verlieren?
Manchmal versagt selbst bei jungen, scheinbar gesunden Menschen das Herz von einem Moment auf den anderen. Ursachen für Herzrhythmusstörungen können etwa eine Herzmuskelentzündung, die infolge einer Virusinfektion entsteht, oder seltene genetisch bedingte Krankheiten sein.
„Es kann durchaus sein, dass die Betroffenen schon Monate oder Jahre vorher immer mal wieder Herzrasen empfinden, diese Symptome aber ignorieren“, sagt Kardiologe Behrus Subin. Bei einigen jungen Menschen träten die Herzrhythmusstörungen allerdings ohne vorherige Anzeichen auf.
Drogen in Kombination mit nächtelangem Feiern erhöhten ebenfalls das Risiko für einen plötzlichen Aussetzer am Steuer. Dass bei jungen Menschen das Herz von einem Moment auf den anderen versagt, passiert Subin zufoge aber nur selten.
Eine weitere mögliche Ursache für Blackouts kommt dagegen häufiger vor: niedriger Blutdruck. Dieser ist oft angeboren, doch auch eine Schwangerschaft oder Blutarmut durch starke Menstruationsblutungen können dahinterstecken. Auch wenn es im Sommer heiß ist oder man zu wenig trinkt, kann der Blutdruck abfallen.
Wie wahrscheinlich ist es, dass man am Steuer in Ohnmacht fällt?
Zur Anzahl von Unfällen aufgrund von medizinischen Notfällen gibt es kaum belastbare Daten. Es sei jedenfalls kein Massenphänomen, sagt Sven Hartwig. Sekundenschlaf hingegen komme sehr häufig vor: Schätzungsweise bei einem Viertel aller Unfälle spiele Übermüdung eine Rolle, erklärt der Rechtsmediziner.
Welche Medikamente können dazu führen, dass man beim Autofahren das Bewusstsein verliert?
Wer Medikamente falsch einnimmt, erhöht das Risiko für einen Bewusstseinsverlust. Das könne zum Beispiel passieren, wenn man aus Versehen zwei Blutdrucktabletten auf einmal nehme, warnt Hartwig. Bei Diabetikern bestehe die Gefahr, wenn sie zu viel Insulin spritzten. Vorsicht ist demnach auch geboten während der Einstellungsphase von Schlafmitteln oder starken Schmerzmedikamenten, die die Aufmerksamkeit beeinflussen.
Treffen Blackouts am Steuer vor allem ältere Autofahrer?
Bei älteren Patienten sei das Risiko höher, erklärt Sven Hartwig, vor allem wenn sie unter mehreren Krankheiten leiden und verschiedene Medikamente einnehmen. Der Rechtsmediziner sagt aber auch: „Ältere Leute fahren eher vorsichtiger als jüngere Fahrer.“ Außerdem zeigten sie sich bei der verkehrsmedizinischen Aufklärung durch den Arzt oder die Ärztin oft einsichtig.
Bei welchen Symptomen sollte man auf keinen Fall ins Auto steigen?
Leidet man unter Atemnot, Schmerzen in der Brust oder sieht man plötzlich verschwommen, sollte man sich auf keinen Fall ans Steuer setzen. Stattdessen: sofort zum Arzt gehen. Auch wer müde ist, ist besser beraten, nicht zu fahren.
Sollte man gar nicht mehr Auto fahren, wenn man Herzprobleme oder eine andere Krankheit hat?
Wer unter Herzproblemen oder Epilepsie leidet, darf häufig dennoch fahren – unter bestimmten Bedingungen. Bei Epilepsie etwa darf eine gewisse Zeit lang kein Anfall mehr aufgetreten sein, und Menschen mit implantiertem Defibrillator müssen regelmäßig zur Kontrolle. Wer einmal einen Blackout hatte, sollte sich für eine gewisse Zeit nicht hinters Steuer setzen, bis die Ursache geklärt ist, empfiehlt Kardiologe Behrus Subin.
In der Regel melden Ärzte eine Erkrankung nicht an die Fahrerlaubnisbehörde, es gilt die Schweigepflicht. Dennoch können Mediziner ein Fahrverbot aussprechen. Wenn sich Patienten nicht daran halten, können sich Ärzte in Ausnahmefällen doch an die Behörden wenden.
Wird man juristisch belangt, wenn man am Steuer das Bewusstsein verloren hat?
Wer beim Autofahren aus medizinischen Gründen in Ohnmacht fällt, ohne dass zuvor eine Erkrankung bekannt war, erhält in der Regel keine Strafe. Vermutlich ordnen die Behörden aber eine Überprüfung der Fahrtauglichkeit an.
Anders sieht es nach Angaben von Hartwig aus, wenn der Fahrer von seiner Krankheit wusste, und der Arzt ein Fahrverbot ausgesprochen hat. Wer dennoch fahre und einen Unfall verursache, könne unter Umständen verurteilt werden. Dasselbe gelte für Fahrer, die eingeschlafen sind, da sie ihre Müdigkeit erkennen und rechtzeitig anhalten hätten müssen.