Impfstoff-Engpass Unangenehm - aber keine Riesenkatastrophe


Einige Mediziner schlagen Alarm: Wichtige Impfstoffe für Säuglinge sind knapp, Schuld an den Lieferengpässen ist die Produktion des Schweinegrippe-Impfstoffs. Kinderarzt Reinhard Berner erklärt, warum die Lage vielleicht gar nicht so dramatisch ist.

Herr Berner, momentan gibt es einen Lieferengpass bei Impfstoffen für Säuglinge. Ein Sechsfach-Impfstoff ist nicht verfügbar, weil der Hersteller GlaxoSmithKline in den vergangenen Monaten massiv auf die Produktion des Schweinegrippe-Impfstoffs umgeschwenkt hat. Wie dramatisch ist so ein Engpass?
Im ersten Lebensjahr sind die Abstände der Impfungen sehr eng gesetzt. Es ist außerordentlich unangenehm, dort nun in Verzug zu geraten, da wir jahrelang versucht haben, das Ziel der zeitgerechten Grundimmunisierung umzusetzen. Allerdings ist es auch keine Riesenkatastrophe, wenn sich die Impfungen nun etwas nach hinten verschieben.

Ist es denn nicht möglich, auf andere Impfstoffe auszuweichen?
In Deutschland ist nur ein Sechsfach-Impfstoff gegen Diphtherie, Haemophilus influenzae Typ b, Hepatitis B, Keuchhusten, Kinderlähmung (Polio) und Wundstarrkrampf auf dem Markt. Wir sind an dieser Stelle also von einem einzigen Hersteller abhängig, das ist tatsächlich unglücklich.

Warum gibt es keine Alternativen?
Bei einem zweiten Sechsfach-Impfstoff, der einige Jahre auf dem Markt war, ruht die Zulassung. Ob ein anderes Unternehmen derzeit ein alternatives Präparat entwickelt, kann ich nicht sagen. Der Aufwand für Pharmakonzerne ist enorm hoch, bevor ein für Kinder allgemein empfohlener Impfstoff zugelassen wird. Das muss auch sein, bevor alle Kinder routinemäßig einen Impfstoff verabreicht bekommen.

Was raten Sie Eltern, die ihr Kind jetzt impfen lassen wollen?
Falls der Impfstoff, wie berichtet wird, bis Mitte März wieder verfügbar ist, ist es am besten, einfach abzuwarten. Auf andere Impfstoffe umzusteigen, die gegen weniger Krankheiten schützen, halte ich unter den Umständen nicht für sinnvoll.

Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, warnt davor dass Keuchhusten und ebenso eine HIB-Infektion bei Säuglingen lebensgefährlich sein kann. Ist eine Verzögerung der Impfung da nicht ein massives Risiko?
Herr Hartmann hat im Prinzip absolut recht mit seiner Aussage. Keuchhusten kann bei Säuglingen in der Tat lebensgefährlich sein, eine Ansteckung mit Haemophilus-influenza-b-Bakterien (HIB) ebenso bei Säuglingen und Kleinkindern. Die Frage ist nur, ob eine durch äußere Umstände bedingte, einmalige Verzögerung der Impfung zu einer reellen Bedrohung der Bevölkerung wird. Vielleicht ist das Problem nicht ganz so dramatisch wie befürchtet.

Nina Bublitz

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