VG-Wort Pixel

Impfstrategie Bald soll die Impfpriorisierung fallen, aber ist das gut? UK-Studie zeigt, welche Strategie "optimal" ist

Als die Impfkampagne anlief, war das Credo: die Gefährdetsten zuerst. Die Impfpriorisierung soll im Juni aufgehoben werden.
Als die Impfkampagne anlief, war das Credo: die Gefährdetsten zuerst. Die Impfpriorisierung soll im Juni aufgehoben werden.
© Ole Spata / Picture Alliance
Im Juni, so das Versprechen des Gesundheitsministers, soll die Impfpriorisierung aufgehoben werden. Viele Impfwillige warten darauf ungeduldig. Aber ist Deutschland schon bereit dafür? Eine Studie aus Großbritannien zeigt, was das Impfen nach Priorität überhaupt bringt.

Noch impft Deutschland nach Prioritäten, die Gefährdetsten zuerst. Das aber soll sich schon bald ändern. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte bereits vor Wochen angekündigt, dass im Juni die Impfpriorisierung fallen soll. Bis zum 21. September, so das Ziel, soll jedem in Deutschland ein Impfangebot gemacht werden. Und der Drang zur Spritze ist groß, der Impfneid wächst.

Spätestens seit die Lockerungen für Geimpfte und Genesene beschlossene Sache sind, wächst die Ungeduld derer, die sich ganz hinten anstellen müssen - Jugendliche, die sich seit einem Jahr am Riemen reißen, um Ältere nicht zu gefährden. Eltern, die sich zwischen Homeoffice und Homeschooling zerreiben. Und schlicht alle, die artig darauf warten, endlich an der Reihe zu sein, hoffen darauf, endlich auch eine Chance auf den Schutz und ein Stückchen Prä-Corona-Normalität zu bekommen. Eine Modellierungsstudie aus Großbritannien zeigt, welchen Nutzen die Impfpriorisierung für die Gesellschaft überhaupt hat und hatte. 

Minimierung von Todesfällen

Das britische Forscherteam der Universität Warwick hat unter anderem untersucht, welche Impfstrategie Todesfälle als Folge einer Corona-Erkrankung am ehesten minimiert. Das Resultat ist eindeutig. In allen simulierten Szenarien zeigte sich, "dass die Impfung der ältesten und anfälligsten Personen die größte Wirkung hat", schreiben sie in dem Bericht, der im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlicht wurde. Werden die Ältesten zuerst geimpft, sinkt die Zahl der Todesfälle deutlich.

Simulation verschiedener Impfreihenfolgen
Das Forscherteam verwendete die optimale Impfreihenfolge ( "Älteste zuerst") mit einer maximalen Impfstoffaufnahme von 70 % in der Bevölkerung. Die optimale Impfreihenfolge hing nicht von der Zusammenstellung der jeweiligen Wirksamkeit der Impfstoffe ab. Wir zeigen die Mittelwerte von 100 unabhängigen Simulationen für jede Impfstoffwirksamkeit (durchgezogene Linien). Die graue gepunktete Linie zeigt das Basisniveau der Sterblichkeit aus der ersten Welle der Pandemie
© 2021 Moore et al

Die Ältesten aber sind nicht die, die das Virus entscheidend weiterverbreiten. Müssten nicht eher die immunisiert werden, die den R-Wert hochtreiben, also dafür sorgen, dass sich viele Menschen mit dem Coronavirus infizieren? Das Forscherteam hat beide Varianten in Modellen simuliert und kommt zu dem Schluss: nein. Impfstrategien, die auf ältere Menschen abzielen, seien im Hinblick auf die Sterblichkeit optimal.

Zudem stellten die Forscher:innen starke Zusammenhänge von Alter und Vorerkrankungen fest, was bedeute, dass ein nur auf das Alter bezogener Ansatz bereits relativ effektiv ist, um die am meisten gefährdeten Personen zuerst zu erreichen. "Diese UK Modellierungsstudie zeigt besonders klar, dass die Impfpriorisierung von Älteren und Vorerkrankten viel mehr Todesfälle vermeidet als das schnelle gleichzeitige Impfen ohne Priorisierung", kommentierte der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf Twitter

Vorerkrankungen in den Altersgruppen
Der Anteil an Menschen mit Vorerkrankungen je Altersgruppe sind in rot dargestellt, der Anteil der Gesunden in dieser Gruppe in lila.
© 2001 Moore et al

Ist Deutschland bereit für das Ende der Priorisierung?

Ist Deutschland schon so weit, die geltende Priorisierung zu kippen? Laut den Daten der Stiko sind 80 Prozent der über 80-Jährigen einmal und 62 Prozent vollständig geimpft. 46 Prozent der 70- bis 79-Jährigen und 69 Prozent der 60- bis 69-Jährigen seien bis Ende April nicht geimpft gewesen. Auch bei den jüngeren Menschen mit Vorerkrankungen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 haben, sind nur etwa ein Viertel einmal geimpft.

Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), kritisiert daher die geplante Aufhebung der Impfpriorisierung. Es sei "nicht gerecht und nicht sinnvoll", wenn Menschen mit hohem Risiko für Erkrankung, die bereits länger gewartet haben, jetzt noch länger als nötig auf ihre Impfung warten müssten, sagte Mertens der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Unabhängig vom Ende der Prioritätenliste ist schon jetzt ordentlich Bewegung in den Priorisierungen. Für den Impfstoff Astrazeneca wurde sie bereits vergangene Woche aufgehoben, am Montag haben die Gesundheitsminister beschlossen auch das Vakzin Johnson & Johnson für alle freizugeben. Ähnlich wie bei Astrazeneca wurden auch beim Impfstoff von Johnson & Johnson in einzelnen Fällen Blutgerinnsel nach einer Impfung beobachtet. Solche Hirnvenenthrombosen seien eine "sehr seltene, aber auch ernsthafte Nebenwirkung", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn. 

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin

Ihm zufolge wird im Juni und Juli eine große Menge des Impfstoffs erwartet - insgesamt mehr als zehn Millionen Dosen im zweiten Quartal. Allerdings werden dann die meisten der über 60-jährigen Impfwilligen voraussichtlich schon eine Corona-Impfung bekommen haben, weshalb die Öffnung von Johnson & Johnson für Jüngere nach ärztlicher Aufklärung laut Spahn auch eine "pragmatische" Entscheidung sei.

Eingeführt hatte man die Priorisierung in einer Zeit, in der die Impfstoffe knapp waren. Geschützt werden sollten zuerst die, die ein hohes Risiko aufweisen, schwer an Covid-19 zu erkranken. Todesfälle sollten möglichst gering gehalten werden. Ziel ist es nach wie vor, möglichst viele Menschen gegen das Virus immun zu machen, eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen. Laut den Berechnungen des britischen Forscherteams würden weitere große Pandemiewellen ab einer Impfquote von 70 Prozent verhindert werden. Aber wann wird die in Deutschland erreicht? Ausgehend vom aktuellen Impffortschritt könnte Deutschland das Ziel laut dem Onlinerechner "pandemieende.de" bereits Anfang September erreicht haben.

Quellen:The Lancet, dpa


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker