HOME

Impfung gegen Schweinegrippe: "Es kann sein, dass es sich nicht lohnt"

Ist die Schweinegrippe auf dem Rückmarsch? Die befürchtete rasante Zunahme an Erkrankungen nach Schulbeginn ist ausgeblieben, um H1N1 ist es zumindest in Deutschland ruhig. Grippeexperte Winfried Kern über die Notwendigkeit der Impfung und über die erwartete Grippewelle im Herbst.

Vor kurzem wurde noch überlegt, wegen der Schweinegrippe die Schulferien zu verlängern. 18 Millionen mehr Impfdosen sollen zusätzlich bestellt werden. Nur von H1N1 hört man seit Wochen wenig. Viel Lärm um Nichts?
Es war richtig, am Anfang zu beobachten, wie sich das Virus ausbreitet und dann früh über Präventionsmaßnahmen nachzudenken - auch über Schulschließungen. Der Staat hat diese Verantwortung. Obwohl man nun rückblickend sagen muss, dass zurzeit alles nicht so schlimm ist. Die Welle an Urlaubsrückkehrern hat zwar noch einmal dafür gesorgt, dass die Fallzahlen zugenommen haben, aber die Erkrankungen verliefen sehr milde. Deutschland ist bis jetzt noch nicht zu schwerem Schaden gekommen.

Können wir aufatmen?
Nein. Ich würde daher auch nicht sagen, dass es viel Lärm um Nichts war. Wir müssen uns für den Fall vorbereiten, dass bei uns die kalte Jahreszeit anfängt und eine Virusmutante auftreten könnte. In Argentinien gab es in letzter Zeit viele schwere Fälle. Allerdings weiß man nicht warum dies so ist und wie zuverlässig diese Beobachtungen tatsächlich sind. Eine solche Situation mit schwereren Fällen könnte auch bei uns eintreten. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert, ist nicht klein. Ich gehe schon davon aus, dass im Winter eine zweite schlimmere Pandemiewelle kommen wird, zusätzlich zu der üblichen saisonalen Influenzawelle.

Zurzeit zeigt sich das Virus allerdings als sehr mild. Gibt es ein Missverhältnis zwischen tatsächlicher Gefährdung und der WHO-Einstufung dieser Grippe als Pandemie?
Die WHO hat gesagt, wenn so ein neues Virus in mehreren Ländern zügig von Mensch zu Mensch übertragen wird, rufen wir die Pandemie aus. Ob diese schwer wird oder leicht, war nicht vorherzusehen. Im Grunde kann man niemandem einen Vorwurf machen. In der Situation, in der wir jetzt sind, könnte man zwar sagen, dass dieses Vorgehen zu forsch war. Aber ich wüsste nicht, wie man es besser machen kann.

Um eine Pandemie ausrufen zu können, waren laut Pandemieplan der WHO Verbreitung und Gefährlichkeit der Krankheit zwei wichtige Kriterien. Die Definition der Pandemiestufen wurde im Mai extra von der WHO geändert, die Gefährlichkeit als Kriterium gestrichen. Wurde zuviel Panik verbreitet?
Eine Pandemie muss nicht notwendigerweise hochletal sein, um gefährlich zu sein. Die Erkrankten würden ansonsten möglicherweise schneller sterben, als das Virus sich ausbreiten könnte. Damit wäre die Epidemie gestoppt, zur Pandemie könnte sie sich nicht entwickeln. Wenn man allerdings sieht, wie schnell sich die Schweinegrippe ausbreitet, stehen hinter einem Sterblichkeitsanstieg von ein auf zwei Prozent extrem viele Menschen. Wenn die Pandemie dreißig Prozent der Bevölkerung erwischt, dann sind es auf Deutschland bezogen bei einer Sterblichkeit von 0,2 Prozent bereits ungefähr 50.000 Tote mehr - zusätzlich zur normalen Influenza. Ein Anstieg der Sterblichkeit von 0,2 Prozent auf 0,5 Prozent hätte zur Folge, dass nicht rund 50.000 Tote mehr, sondern ungefähr 150.000 Tote mehr zu beklagen wären. Das wird dann rasch ein Problem für das Gesundheitswesen und das gesamte öffentliche Leben.

Wären wir auf einen solchen Fall gut vorbereitet?
Gesundheit ist in Deutschland Ländersache. Die Landesregierungen stellen Pläne für den Ernstfall überwiegend mit Institutionen des öffentlichen Gesundheitswesens auf. Krankenhäuser müssen selbst sehen, wie sie damit zurechtkommen. Das System hat so viele verschiedene Ebenen, dass man kaum prüfen kann, ob sich alle Beteiligten ausreichend vorbereitet haben. Die Frage ist daher offen.

Ist es ratsam, sich impfen zu lassen?
Wenn der Impfstoff tatsächlich zu einer Immunität führt, was man nach Abschluss der Studien abschätzen kann, warum sollte man sich nicht impfen lassen?

Aus Angst, dass die Nebenwirkungen schlimmer sind als die Schweinegrippe.
Da habe ich keine Bedenken. Die Influenza-Impfungen, die bisher auf dem Markt sind, sind gut verträglich. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies bei der Impfung gegen H1N1 wesentlich anders sein sollte.

Anders gefragt: Ist es notwendig, sich impfen zu lassen?
Wenn die Erkrankung so mild bleibt, wie sie sich bis jetzt in der Nordhalbkugel entwickelt hat, dann kann es sein, dass es sich nicht lohnt. Allerdings zeigt sich in Argentinien zurzeit ein ganz anderes Bild. Dort klagen die Ärzte, dass sie noch nie eine so schlimme Welle an Lungenentzündungen gesehen haben wie im Zusammenhang mit der Schweinegrippe.

Das für die Zulassung der Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut und das Berliner Robert Koch-Institut haben sich dafür ausgesprochen, für 80 Prozent der Deutschen Impfstoffe zu kaufen. Eine nachvollziehbare Empfehlung?
Das ist eine politische Entscheidung. Die wissenschaftlichen Daten geben es so nicht her, da die Risikogruppen zu schlecht definierbar sind.

Was passiert mit den bestellten Impfdosen, wenn sich kaum jemand impfen lässt? Wie lange sind sie haltbar?
Es gibt zwei Fragen der Haltbarkeit. Zum einen, wie lange die Impfdosen technisch haltbar sind. Das wissen die Hersteller. Das andere ist die Haltbarkeit bezüglich des Virustyps. Wenn das kommende Pandemievirus ein anderes ist, dann kann es durchaus sein, dass die Impfung nicht wirkt. Das Geld wäre dann schlecht investiert worden - quasi zum Fenster hinausgeschmissen. Ich denke aber, dass es richtig war zu sagen, wir haben eine Pandemie, die im Winter vermehrt auf uns zukommt und müssen einen Teil des vermutlich wirksamen Impfstoffes für uns reservieren. Die Schwere der Erkrankung ist nachträglich betrachtet eher gering, aber wir wissen nicht, ob es im Winter zu einer Virusvariante kommt, bei der es tunlichst gut ist, dass ein Impfstoff vorhanden ist. Da gilt es abzuwägen: Will man das Risiko eingehen oder versucht man, es zu minimieren, auch wenn es viel Geld kostet. Ich glaube, dass es zu letzterem keine wirklich gute Alternative gab und gibt.

Lea Wolz

Wissenscommunity