HOME

Neugeborene: Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? So groß ist der Effekt auf die Darmflora Ihres Babys

Wie ein Baby zur Welt kommt, hat einen dramatischen Einfluss auf die Darmflora Neugeborener, zeigen britische Wissenschaftler in einer Studie. Kaiserschnitt-Kinder sind eher im Nachteil.

Darmflora von Neugeborenen

Kaiserschnittgeburten sind beliebt - aber oft nicht medizinisch sinnvoll

Getty Images

Babys, die per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, beherbergen eine andere Darmflora als solche, die auf natürlichem Weg geboren wurden. Zu diesem Ergebnis kommen britische Forscher, nachdem sie Stuhlproben von 596 Neugeborenen ausgewertet hatten. 314 Kinder waren auf natürlichem Weg, also vaginal, geboren worden; die übrigen Kinder per Kaiserschnitt. Die Forscher entnahmen jeweils am Tag 4, 7 und 21 nach der Geburt sowie im späteren Säuglingsalter Stuhlproben und untersuchten sie im Anschluss. Außerdem werteten sie Proben von insgesamt 175 Müttern aus, um die Herkunft der Darmbakterien zu ermitteln. Es ist bekannt, dass der Darm von Säuglingen nach einer natürlichen Geburt mit Mikroorganismen der Mutter, aber auch von Bakterien aus der Umgebung besiedelt wird. 

Die Studie erschien vor kurzem im Fachblatt "Nature". Die Ergebnisse lassen sich in drei Kernaussagen zusammenfassen:

  • Das Mikrobiom von Kaiserschnitt-Kindern unterscheidet sich signifikant von dem Mikrobiom vaginal entbundener Kinder.
  • Kaiserschnitt-Kinder besaßen in der Studie eine eher nachteilige Darmflora. In den Stuhlproben fanden sich nicht nur weniger gute, mütterliche Bakterien der Stämme Bacteroides, sondern auch eine vermehrte Besiedelung mit Krankheitserregern der Arten Enterococcus, Enterobacter und Klebsellia. Unklar ist, wie sich das auf das Krankheitsrisiko der Kinder auswirkt.
  • Die verringerte Anzahl mütterlicher Bakterien spricht dafür, dass die Mikroben-Übertragung von der Mutter auf das Neugeborene bei Kaiserschnitt-Geburten unterbrochen ist.

Gestörte Darmflora gleich krankes Baby?

"Signifikante aber kleine Unterschiede im Mikrobiom werden selbst noch im Kleinkindalter festgestellt", sagt Mathias Hornef, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie (Uniklinik RWTH Aachen), der selbst nicht an der Studie beteiligt war. "Zu beachten ist hier: Es handelt sich nicht um den Nachweis von Infektionen, sondern um den Nachweis einer vorübergehenden Besiedlung mit Keimen, die unter bestimmten Bedingungen Infektionen verursachen können." Alle nachgewiesenen Keime seien auch Teil des Mikrobioms gesunder Menschen, könnten aber bei Menschen mit Vorerkrankungen zu Infektionen führen.

"Die klinische Bedeutung von Unterschieden in der bakteriellen Besiedelung kurz nach der Geburt ist noch weitgehend ungeklärt und wird auch in dieser Studie nicht untersucht", so Hornef weiter. "Allerdings ist aus Tierversuchen und epidemiologischen Studien bekannt, dass das Darm-Mikrobiom zur Reifung des mukosalen (Mukosa=Schleimhaut, Anm. d. Red.) Immunsystems bei Neugeborenen beiträgt. Unterschiede könnten deshalb eine Auswirkung auf die Häufigkeit und Schwere immunologisch beziehungsweise entzündlicher Erkrankungen im späteren Leben haben."

Auch Stephanie Ganal-Vonarburg von der Abteilung Gastroenterologie/Mukosale Immunologie am Universitätsspital Bern, betont, dass die Studie nicht zeigt, dass Kaiserschnitt-Kinder "definitiv an Infektionen mit solchen Erregern erkranken." Dennoch würden die Daten ein "kleines, zuvor unbekanntes Risiko" erkennen lassen, das - wenn möglich - vermieden werden sollte.

Hohe Kaiserschnittrate

Die Expertin rät dazu, Kaiserschnitte nur dann vornehmen zu lassen, wenn medizinische Gründe dafür sprechen. "Diese Studie bekräftigt uns noch einmal darin, dass es sinnvoll ist, der stetig wachsenden Kaiserschnittrate entgegenzuwirken. Ein Kaiserschnitt sollte nur dann durchgeführt werden, wenn er medizinisch notwendig ist, um die Gesundheit der Mutter oder des Kindes zu schützen." In deutschen Krankenhäusern kamen zuletzt rund 30 Prozent der Neugeborenen per Kaiserschnitt zur Welt. 

Fünf Töchter und nun ein Sohn : Vater verliert im Kreißsaal vollkommen die Fassung

Die Studie gibt keinen Aufschluss darüber, wie sinnvoll sogenanntes "Vaginal Seeding" ist. Bei dieser Methode werden Neugeborene, die per Kaiserschnitt zur Welt kamen, mit Vaginalkeimen der Mutter eingerieben. "Da es sich um Darmkeime handelt und hier noch zu wenig über die weitere Zusammensetzung und die Folgen für die Gesundheit der Neugeborenen bekannt ist, kann das 'Vaginal Seeding' meines Erachtens nicht empfohlen werden", sagt Hortense Slevogt, Fachärztin für Innere Medizin und Infektiologie am Universitätsklinikum Jena. Kritiker der Methode argumentieren unter anderem, dass Neugeborene mit Streptokokken oder Herpesviren infiziert werden könnten, die zu lebensbedrohlichen Krankheiten führen können. Zudem würden Langzeituntersuchungen fehlen, die den Nutzen des "Vaginal Seedings" belegen.

ikr
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity