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Gesundheitssystem Krankenpflegerin über Missstände im Krankenhaus: "Ich riskiere jeden Tag meine Gesundheit"

Krankenpflegerin Nina Böhmer
Krankenpflegerin Nina Böhmer kritisiert in ihrem Buch "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken" das deutsche Gesundheitssystem
© Alexandra S. Aderhold
Nina Böhmer erreichte mit einem wütenden Facebook-Post Tausende. Jetzt hat sie ein Buch über die Situation während der Corona-Krise geschrieben. Im stern-Interview spricht sie über Kurzarbeit in Kliniken, fehlende Schutzausrüstung und ihre Kritik an Gesundheitsminister Jens Spahn.

März 2020: Das Coronavirus hat auch Deutschland erreicht, mit bis dahin beispiellosen Beschränkungen versucht die Politik, die Ausbreitung zu verlangsamen. In erster Linie geht es darum, eine drohende Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitssystem erfahren eine neue Wertschätzung.

Doch Nina Böhmer ist trotzdem wütend: In einem Facebook-Post macht die 28-jährige Krankenpflegerin aus Berlin ihrem Ärger über fehlende Ausrüstung, schlechte Bezahlung, miese Arbeitsbedingungen und den manchmal heuchlerisch wirkenden Dank aus der Bevölkerung Luft. Ausdrücklich kritisiert sie das Robert Koch-Institut und Gesundheitsminister Jens Spahn. Zehntausende Male wird ihr Text geteilt, viele Medien greifen ihre Aussagen auf.

Jetzt hat Nina Böhmer daraus ein Buch gemacht: "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken". Im stern-Interview spricht sie über Kurzarbeit in Kliniken, fehlende Schutzausrüstung und ihre Kritik an Gesundheitsminister Jens Spahn.

Krankenpflegerin Nina Böhmer: "Wir sind doch kein Kanonenfutter!"

Frau Böhmer, vor einigen Monaten wurde im Bundestag den Mitarbeitern des Gesundheitssystem applaudiert, die Bundeskanzlerin bedankte sich in einer Ansprache. Immer wieder war auch die Rede von einer Geldprämie, die Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger erhalten sollten, die während der Corona-Krise im Einsatz sind. Jetzt wurde bekannt, dass es diesen Bonus nicht geben wird. Sind Sie enttäuscht?
Mit der Prämie habe ich ohnehin nicht gerechnet, und eigentlich fand ich die Idee auch von vornherein nicht so gut. Sie wird ja sowieso nur für Pfleger in Altenheimen gezahlt. Die Prämie wirkte für mich so, als wollte man irgendetwas machen, uns einen schönen Bonus geben, damit wir wieder ruhig sind, weil sich die Aufmerksamkeit gerade auf uns richtete. Ich hätte gern etwas Langfristiges gehabt.

Was ist heute noch von dieser Wertschätzung übrig, die damals viele Menschen ausgedrückt haben?
Wie es aussieht, ist nur noch wenig davon da. Viele Leute wissen schon, dass wir eine schwere Arbeit machen. Aber Beifall in Krisenzeiten reicht nicht aus. Sie müssten sich auch heute und morgen für uns einsetzen. Ich finde nicht, dass uns Politiker wertschätzen. Die tun es nur, wenn sie uns brauchen.

Sie arbeiten in einem Krankenhaus in Berlin auf verschiedenen Stationen. Wie waren die vergangenen Monate dort seit dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland?
Am Anfang war es sehr stressig, weil niemand genau wusste, was jetzt gemacht werden soll. Es gab ständig neue Anordnungen. Ich bin bei einer Zeitarbeitsfirma und war in dieser Zeit ziemlich viel gebucht. Anfang April hat es dann angefangen, dass mir immer mehr Dienste storniert wurden. Wenig später war ich in Kurzarbeit und saß zu Hause. Vielen anderen ging es auch so.

Das klingt absurd, wenn man bedenkt, dass zuerst alle einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems befürchteten.
Das war ein schlechter Witz, weil zuvor Panik in der Politik herrschte, dass zu wenig Personal in den Kliniken ist. Alles richtete sich auf den großen Corona-Ansturm aus, Operationen wurden verschoben. Der blieb aus. Plötzlich konnten Kolleginnen Überstunden abbauen, was normalerweise nie geht. Einige Krankenhäuser haben sogar ihr ganzes Personal in Kurzarbeit geschickt.

Sie haben mit einem wütenden Facebook-Post über die Behandlung der Mitarbeiter im Gesundheitssystem zu Anfang der Corona-Zeit viel Aufmerksamkeit bekommen. Was hat Sie damals so verärgert?
Ich hatte gelesen, dass Jens Spahn die Personaluntergrenzen ausgesetzt hatte,was heißt, dass die Vorgaben, wie viele Pflegerinnen oder Pfleger mindestens auf Station sein müssen, wieder aufgehoben wurden. Dabei hatte sie der Minister richtigerweise erst im Januar eingeführt. Und danach kam gleich, dass das Robert Koch-Institut gesagt hat, wir müssen nicht 14 Tage in Quarantäne, eine Woche reicht. Ich dachte mir: Was unterscheidet uns von anderen Menschen, dass bei uns, die mit Patienten in Berührung kommen, eine Woche reicht statt zwei? Wir sind doch kein Kanonenfutter. Und dann platzte es quasi aus mir heraus.

Ein anderes Thema in Ihrem Post war der Mangel an Schutzausrüstung. Hat sich das mittlerweile verbessert?
Es besteht immer noch Maskenmangel. Dass Herr Spahn sagt, es gebe Masken in Hülle und Fülle, kann ich für Berliner Kliniken nicht bestätigen. Man muss eine Maske den ganzen Tag tragen. Normalerweise wechselt man die Maske bei jedem einzelnen Patienten. Aber es ist bis heute so: Eine Maske pro Krankenschwester pro Schicht.

Riskieren Sie und Ihre Kollegen bei der Arbeit Ihre Gesundheit?
Durch den Mangel an Masken auf jeden Fall. Aber nicht allein wegen Corona, davor habe ich keine Angst, sondern es gibt ja auch Krankenhauskeime, an denen jedes Jahr in Deutschland um die 20.000 Menschen sterben. Mit nur einer Maske pro Tag riskiere ich jeden Tag meine Gesundheit, wenn ich in die infektiösen Zimmer gehe.

Wie nehmen Sie die Belastung in Ihrem Job wahr – psychisch und körperlich?
Die Belastung ist eigentlich immer groß – das ist in der Corona-Zeit nicht anders als sonst. Die Arbeit ist psychisch anstrengend, weil wir immer hetzen müssen, von Zimmer zu Zimmer, von Patient zu Patient. Und körperlich natürlich auch, weil man teilweise allein schwere Patienten heben oder drehen muss.

Ihr Facebook-Post wurde von Zehntausenden geteilt, viele Medien haben darüber berichtet. Haben auch Gesundheitsexperten oder Politiker Kontakt mit Ihnen aufgenommen?
Darauf habe ich gehofft, aber es hat sich keiner gemeldet. Ich hätte mir schon gewünscht, dass mich jemand einlädt, um wirklich mal darüber zu reden, was geändert werden muss. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Regierung wurden als tolle Krisenmanager gefeiert, das habe ich anders gesehen. Ich hätte mit Herrn Spahn gerne gesprochen. Vielleicht lädt er mich noch in sein Ministerium ein.

Von Jens Spahn scheinen Sie generell keine gute Meinung zu haben. Was sollte er anders machen?
Er hatte einige gute Ansätze, zum Beispiel die Personaluntergrenzen einzuführen. Aber die wurden in der Krise wieder ausgesetzt. Dann kam das Problem mit den Masken hinzu. Ich bin nicht Bundesgesundheitsministerin, aber ich habe Ahnung davon, was in Krankenhäusern passiert. Daran fehlt es ihm leider. Er ist ja gelernter Bankkaufmann. Statt so oft in Medien zu reden, sollte er in die Krankenhäuser oder Altersheime gehen oder Umfragen starten, wie man es besser machen könnte.

Welche konkreten Veränderungen würden Sie sich denn im Gesundheitssystem und insbesondere in den Krankenhäusern wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass die Krankenhäuser mehr Personal einstellen können, damit wir nicht mehr diesen hohen Arbeitsaufwand und Zeitdruck haben. Und dass das ganze Gesundheitssystem nicht mehr auf Profit ausgerichtet ist, sondern die Gesundheit und der Patient im Vordergrund steht. Deshalb habe ich das Buch geschrieben, weil es eben nicht nur um Corona geht.

Sie geben nun mit Ihrem Buch vielen in Ihrem Beruf eine Stimme. Können Sie sich vorstellen, Ihre Vorschläge auch politisch zu vertreten, sei es in einer Partei, Gewerkschaft oder einem Verband?
Ich habe das Buch tatsächlich für uns alle geschrieben. Ich habe schon mal drüber nachgedacht, mich zu engagieren. Da müsste ich sehen, was möglich ist. Unser Problem ist doch, dass wir nicht streiken können. Dann würde das System zusammenbrechen, es gäbe vielleicht Tote, und alle wären völlig zurecht auf uns sauer.

Trotz aller Schwierigkeiten und Missstände, die Sie im Gesundheitssystem anprangern – ist Krankenpflegerin für Sie immer noch ein Traumjob?
Eigentlich schon. Abgesehen von den Arbeitsbedingungen ist es ein wirklich schöner Beruf, weil man von den Patienten so viel Dankbarkeit zurückbekommt. Man hilft den Menschen und unterstützt sie – das finde ich schön. Sonst hätte ich schon längst aufgehört.


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