HOME

Krebs-Früherkennung: Nicht alle Untersuchungen sind sinnvoll

Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs sollen uns Gewissheit über Wohl und Wehe geben. Doch nicht immer stimmen die Ergebnisse. Überflüssige Untersuchungen und unnötige Angst sind die Folge.

Von Nicole Heißmann

Frauen zwischen 50 und 69 können alle zwei Jahre am Mammografie-Screening teilnehmen

Frauen zwischen 50 und 69 können alle zwei Jahre am Mammografie-Screening teilnehmen

Wenn schon Komikern das Lachen vergeht, muss die Sache wirklich ernst sein. Streng blickt uns Atze Schröder von einer Plakatwand an, daneben steht: "Wenn es um Darmkrebs geht, hört bei mir der Spaß auf." Mit diesem Slogan werben er und andere prominente Berufshumoristen für die Darmspiegelung zur Früherkennung von Krebs.

Die Kampagne entstand im Auftrag der Felix Burda Stiftung, die sich seit Jahren für diesen Check starkmacht. Man wolle mit den ernsten Spaßmachern "zum Nachdenken" anregen, durch die Werbeaktion könne "jeder für sich selbst erkennen, dass Vorsorge für die eigene Gesundheit sehr sinnvoll ist", hieß es in einer Pressemitteilung der Stiftung.

Wohin man blickt, wird für die Früherkennung von Krebs geworben: in Zeitungsanzeigen, im Wartezimmer beim Arzt und auf Präventionswebsites im Internet. Kaum genannt werden die Risiken, die mit solchen Untersuchungen verbunden sind: Ein falscher Krebsverdacht löst unbegründet Angst aus, mancher wird operiert, obwohl sein Tumor harmlos ist - und jeder Eingriff geht mit der Gefahr einher, dass etwas schiefgeht. Es lohnt sich also, gut abzuwägen, bevor man sich "richtig durchchecken" lässt.

Nutzen nicht immer belegt

Gesetzlich Versicherte haben Anspruch auf allerlei Diagnostik: Ab 35 können Männer und Frauen ihre Haut nach dunklem und hellem Krebs absuchen lassen. Ab 50 zahlt die Kasse verdachtsunabhängig für die Analyse einer Stuhlprobe auf tumorverdächtiges Blut, ab 55 zweimal eine große Darmspiegelung, die Koloskopie. Frauen zwischen 50 und 69 wird außerdem alle zwei Jahre die Mammografie angeboten.

Nicht für all diese Methoden ist der Nutzen belegt. Noch schlechter sieht es für die meisten Überprüfungen aus, für die Kassenpatienten selbst zahlen müssen. Schätzungsweise eine Milliarde Euro geben Gesundheitsbewusste pro Jahr für "Individuelle Gesundheitsleistungen" (IGeL) aus - einen Großteil davon für Ultraschallprüfungen und zusätzliche Krebs-Checks. Zahlungskräftige lassen sich für mehr als 1000 Euro in die Röhre schieben: Bei einer Magnetresonanztomografie (MRT) wird jeder Winkel ihres Körpers durchleuchtet.

Manche Tests können Leben retten

Die meisten Patienten verlassen die Praxis nach der Untersuchung in dem guten Gefühl, etwas höchst Sinnvolles geleistet zu haben. Auf manche trifft das auch zu. Allerdings sind das nicht die Erleichterten, denen, wie erhofft, beste Gesundheit attestiert wurde. "Man kann nur dann profitieren, wenn etwas gefunden wird und ein Tumor früher auffällt als ohne diese Untersuchung", sagt Alexander Katalinic, Direktor des Instituts für Krebsepidemiologie an der Universität Lübeck. "Wer danach erfolgreich behandelt wird, länger lebt, weniger unter seinem Krebs oder einer Chemotherapie leidet - für den hat sich der Check extrem gelohnt."

Genau für diese Menschen legen die Kassen ihre "Screening-Programme" auf, benannt nach dem englischen Wort für aussieben. Natürlich will man kein solcher Fall sein. Und doch sitzt jeder mit dem Gedanken im Wartezimmer: Falls etwas in meinem Körper wuchert, will ich, dass es rechtzeitig gefunden wird.

Bei einigen Verfahren ist diese Hoffnung berechtigt: Studien guter Qualität belegen, dass die Röntgen-Mammografie der Brust, der Test auf Blut im Stuhl und die Sigmoidoskopie - die "kleine Darmspiegelung" - Leben retten können. In den USA, England und Schweden fanden Ärzte heraus, dass die Screening-Teilnehmer seltener am betreffenden Tumor starben als Probanden ohne Früherkennung.

In Deutschland hat kein Forscher solche vergleichenden Studien durchgeführt, weshalb das Wissen über Nutzen und Risiken der hiesigen Früherkennungsprogramme begrenzt ist. Niemand weiß, wie viele Frauen durch das 2005 gestartete Mammografie-Screening gerettet werden. Und es wird auch niemand mehr erfahren: Seit alle Frauen im entsprechenden Alter eingeladen werden, kann man sie nicht mehr mit einer Kontrollgruppe vergleichen. Dafür müsste eine größere Zahl vom Röntgen ihrer Brüste ferngehalten werden - ethisch undenkbar, wenn Politiker zugleich die Parole ausgeben, dass Mammografie Leben rettet.

Ernüchternde Daten

Für andere Vorsorgeuntersuchungen sind die Daten ernüchternd - wenn es überhaupt welche gibt. Gering scheint etwa der Nutzen des PSA-Tests: Die Blutanalyse auf das "Prostataspezifische Antigen" soll einen ersten Hinweis -darauf liefern, ob ein Mann am Krebs der Vorsteherdrüse leidet. Zwei große Studien aus den USA und Europa kamen 2009 zu dem Schluss, dass zwar infolge der Untersuchung viele Tumoren diagnostiziert und behandelt werden, aber kaum jemand dadurch länger lebt. Es scheint, als würden vor allem harmlose Wucherungen entdeckt, an denen die Männer ohnehin nie gestorben wären.

Darüber, ob die große Darmspiegelung oder der Pap-Abstrich nützen, liegen keine gesicherten Daten vor. Allerdings bieten beide die Chance, Krebs im Keim zu ersticken: Zum Darmspiegeln schiebt der Arzt ein Endoskop in den Dickdarm und kann dort Polypen abknipsen, bevor sie zu Tumoren heranwachsen. Der Pap-Test weist Zellen nach, die auf Vorstufen von Krebs am Gebärmutterhals hinweisen. Auch diese Frühformen können zeitig entfernt werden. "Es erscheint auch ohne aufwendige Studien plausibel, dass durch diese Tests weniger Menschen an Darmtumoren oder Gebärmutterhalskrebs sterben", sagt Alexander Katalinic. "Allerdings kann bei beiden Krebsarten niemand beziffern, wie viele das sind."

Seit vor 40 Jahren der Pap-Test eingeführt wurde, ist die jährliche Sterberate durch Gebärmutterhalskrebs um zwei Drittel zurückgegangen: von sieben auf zwei Frauen pro 100.000. An Darmkrebs sterben in Deutschland zurzeit jährlich 300 bis 400 Menschen weniger als im Jahr davor. Manche hat vielleicht eine immer bessere Therapie gerettet, andere tatsächlich eine frühe Erkennung. Beim Screening auf Hautkrebs weiß niemand, wie viele es retten könnte. In Australien läuft gerade erst eine Studie zu dieser Frage.

Kleine Effekte

Insgesamt erscheint der Nutzen von Früherkennungsmaßnahmen eher überschaubar: "Bei allen Untersuchungen sind die Effekte klein", sagt Stefan Lange, Arzt und stellvertretender Leiter am Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig). "Wir reden hier von wenigen vermiedenen Todesfällen pro 1000 Menschen, die sich unter Umständen über Jahrzehnte untersuchen lassen. Das ist für die Geretteten natürlich entscheidend. Nur ist man selbst höchstwahrscheinlich keiner davon, wenn man zur Vorsorge geht."

Dagegen müsse abgewogen werden, dass auch ein vermeintlich harmloser Check Risiken berge, sagt Lange, und fügt hinzu: "Bei der Krebsfrüherkennung gibt es ein Dilemma: Sie kann nicht in die Zukunft blicken. Manche Tumoren bleiben harmlos, andere werden schnell aggressiv und bilden Tochtergeschwüre. Die Tests können diese Formen nicht unterscheiden."

Bei bis zu 15 von 1000 Frauen, die regelmäßig zur Mammografie gehen, findet sich eine kleine Geschwulst im Milchgang der Brust: das Duktale Carcinoma in situ (DCIS). Nur in einem von drei Fällen wird daraus ein gefährlicher Krebs. Behandelt werden vorsichtshalber alle. Lange: "Man operiert einige Menschen unnötigerweise - und weiß nicht, welche es sind."

Viele falsche Verdachtsbefunde

Gerettet werden auch jene nicht, deren Krebs zum Zeitpunkt der Früherkennungsuntersuchung längst Metastasen gestreut hat. Sie sterben zum selben Zeitpunkt wie ohne den Check, müssen aber mit einer Krebsdiagnose zurechtkommen, von der sie sonst erst viel später erfahren hätten.

Zuweilen löst Früherkennung auch ohne Grund Unruhe aus. Ein besonderes Problem ist das bei teuren Manager-Checks, wenn eine Tomografie des ganzen Körpers gemacht wird: Auf bis zu 50 Prozent der Aufnahmen ist irgendein Fleck oder Schatten zu sehen, der sich sehr oft als bedeutungslos erweist.

Der häufig durchgeführte Test auf Blut im Stuhl bringt es auf 50 falsche Verdachtsbefunde pro 1000 Untersuchte, der PSA-Test sogar auf 150. Sie alle müssen abgeklärt werden, etwa dadurch, dass der Arzt Gewebeproben aus der Prostata stanzt - in denen sich dann keine Tumorzellen finden.

Umgekehrt ist längst nicht jeder Patient ohne Befund wirklich gesund: Es kann immer etwas übersehen werden, und manchmal entwickelt sich ein Krebs zwischen zwei Vorsorgeterminen. Von 1000 Frauen, die regelmäßig eine Mammografie machen ließen, bekommen bis zu 20 Brustkrebs, obwohl ihre Röntgenbilder immer unauffällig waren.

Vor- und Nachteile kommunizieren

Weil Früherkennung auch Schaden anrichten kann, fordern Onkologen, Statistiker und Gesundheitsfunktionäre, dass jeder vorher sorgfältig aufgeklärt wird. Die Entscheidung hängt dann von der persönlichen Einstellung ab: Wer große Angst vor Krebs hat, wird sicher einen Arzttermin vereinbaren. Wer eher vor eventuellen unnötigen Folge-Eingriffen zurückschreckt, lässt es sein.

Auch im Gesundheitsministerium setzt man sich inzwischen mit beiden Seiten der Medaille auseinander und hat sie in den Zielen für den Nationalen Krebsplan festgeschrieben: Zwar sollen mehr Menschen an Früherkennungs-Checks teilnehmen - allerdings nur an solchen, deren Nutzen belegt ist, und nur dann, wenn sie "über potenzielle Vor- und Nachteile" informiert werden.

Eva-Maria Bitzer, die am Nationalen Krebsplan mitgearbeitet hat, sieht in deutschen Praxen jedoch noch viel Nachholbedarf: "Ärzte sind noch zu oft pauschal vom Nutzen der Früherkennung überzeugt und raten zur Teilnahme", sagt die Professorin für Medizin in der Gesundheitspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Mittlerweile gibt es ein paar offizielle Merkblätter des Gemeinsamen Bundesausschusses für das Gesundheitswesen, die die Chancen und Risiken einzelner Maßnahmen verständlich gegenüberstellen. Ein entsprechender "Beipackzettel" wird Frauen mit der Einladung zum Mammografie-Screening geschickt.

Krebsforscher Katalinic hofft auf die Mithilfe der Ärzte, damit auch die vorliegenden Informationen zur Vorsorge von Gebärmutterhals- und Darmkrebs die Patienten erreichen. "Es ist nicht mehr Stand der Wissenschaft, wenn im Sprechzimmer pauschal geraten wird: Krebsvorsorge ist eine gute Sache. Versäumen Sie das bloß nicht!"

GesundLeben

Wissenscommunity