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Männergesundheitsbericht: Das stark gefährdete Geschlecht

Männer sollen stark sein. Daher fällt es vielen schwer, Schwäche einzugestehen. Psychische Leiden bei Männern sind noch immer ein Tabu - und werden zu selten behandelt, mahnt ein aktueller Bericht.

Depressionen zeigen sich bei Männern anders als bei Frauen

Depressionen zeigen sich bei Männern anders als bei Frauen

Schiedsrichter Babak Rafati pfiff 84 Bundesliga-Spiele, dann hielt er den Leistungsdruck nicht mehr aus. Unmittelbar vor seinem 85. Einsatz, im November 2011, schnitt er sich in der Badewanne des Hotelzimmers die Pulsadern auf. Rafati überlebte, ließ sich behandeln und schrieb ein Buch, um seine Depressionen aufzuarbeiten. "Ich bin noch nicht komplett geheilt", sagte er vor wenigen Wochen im stern-Interview. "Aber jetzt geht es voran, langsam, aber stetig."

Sein Weg der öffentlichen Therapie führt Rafati heute Abend nach Berlin. Dort wird er auf dem Podium der Stiftung Männergesundheit sitzen und über Depressionen bei Männern sprechen. Denn Rafati ist nicht nur ein prominenter Einzelfall, sondern ein symptomatischer. Der Männergesundheitsbericht, den die Stiftung am heutigen Mittwoch veröffentlicht hat, zeigt: Seelische Erkrankungen bei Männern werden immer noch stigmatisiert und tabuisiert.

"Gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit von Männern entsteht erst bei massiven Auffälligkeiten", sagt die Studienautorin Anne Maria Möller-Leimkühler. Der Sozialwissenschaftlerin zufolge werden psychische Störungen bei Männern immer noch unterschätzt, 60 bis 90 Prozent der Betroffenen würden nicht behandelt.

Als Beleg für die Tabuisierung gelten den Forschern vor allem zwei Werte.

  • Bei den therapeutisch festgestellten Depressionen liegen die Männer nach wie vor deutlich hinter den Frauen. Insgesamt wurde bei neun Prozent der Männer, das sind 3,6 Millionen in Deutschland, eine Depression festgestellt.
  • In der Selbstmord-Statistik liegen sie dagegen deutlich vorne: Dreimal so viele Männer (rund 7.600) wie Frauen (2500 Suizide) begingen 2011 Selbstmord.

Die Zahl der Suizide bei den Männern stieg zwischen 2007 und 2011 um neun Prozent. 100.000 Männer versuchen jährlich, sich das Leben zunehmen. Der Schluss, dass die Dunkelziffer männlicher Depressionskranker höher ist als die weiblicher, liegt nahe.

Aggressiv statt betrübt

Dass die Diagnose Depression bei Männern seltener gestellt wird, liegt auch daran, dass sich die Symptome unterscheiden. Die männliche Depression äußert sich demnach häufig in einem erhöhten Sucht- und Risikoverhalten, erhöhter Aggression und Gewaltbereitschaft. Dieses Verhalten verdecke oft die "klassischen" Depressionsmerkmale wie Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit, heißt es in dem Bericht.

Als Risikofaktor gilt vor allem Arbeitsstress, verursacht durch Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit, wachsende Mobilitätszwänge, befristete Arbeitsverhältnisse und damit verbundene Unsicherheit. Aber auch psychosoziale Krisen wie Trennungen und Scheidungen spielen eine wichtige Rolle. Die Stiftung Männergesundheit fordert mehr Prävention und Aufklärung sowie Angebote, die besser auf die männliche Zielgruppe ausgerichtet sind.

Der Männergesundheitsbericht mache deutlich, dass auch Männer immer wieder seelische Krisen und Notlagen erleiden, erklärte Mitherausgeber Matthias Stiehler. Männergesundheit habe daher auch die Aufgabe, "männliche Stärke neu zu definieren". Ein Mann sei stark, wenn er auch seine Schwäche, seine Grenzen und seine Niederlagen in das eigene Selbstverständnis integrieren könne.

bak/lea/AFP / AFP
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