MEDIZIN Das T-Shirt als Medikament


Ein Forschungsprojekt an der Hautklinik Jena will durch eine besonders »heilende« Kleidung die Therapiequalen von Neurodermitiskranken lindern.

Bäder, Bestrahlungen oder Behandlungen mit Creme - wer an Neurodermitis leidet, muss oft das ganze Leben lang aufwendige Therapien auf sich nehmen. Jetzt wollen Hautärzte aus Jena das Leiden mit besonderer Kleidung lindern. Gemeinsam mit Textilforschern aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg arbeiten die Mediziner der Universitätshautklinik an der Entwicklung heilender Textilien für die gestresste Haut. »Creme zum Anziehen«, beschreibt Klinikdirektor Peter Elsner das Ziel des Projekts, das in Deutschland erstmals Dermatologen und Textilingenieure zusammenführt.

Eigenes Kompetenzzentrum

Eigens dazu wurde an der Hautklinik Jena ein Kompetenzzentrum »Textil und Haut« gegründet, das vom Bundesforschungsministerium mit 200.000 Euro unterstützt wird. Zunächst fünf Jahre werden Hautärzte und Experten der Textilforschungszentren Nordwest in Krefeld und der Hohensteiner Institute Bönnigheim bei Stuttgart zusammenarbeiten. Danach sollen der Bekleidungsbranche die ersten so genannten intelligenten Textilien zur Verfügung stehen, sagt Elsner. Der geschäftsführende Direktor der renommierten Hohensteiner Institute, Stefan Mecheels, ist noch optimistischer: »Schon in drei Jahren könnte es soweit sein.«

Speziell beschichtete Unterwäsche

Träumerei ist das nicht - das wurde auf dem europaweit ersten gemeinsamen Kongress »European Conferences on Textiles and the Skin« deutlich, der am Samstag im thüringischen Apolda zu Ende ging. 200 Wissenschaftler aus 26 Ländern erörterten den Forschungsstand und die potenziellen Anwendungsmöglichkeiten. So gibt es bereits jetzt spezielle silberbeschichtete Unterwäsche für die an Neurodermitis Erkrankten. Die Silberfasern töten Bakterien ab, die glatte Oberfläche des Materials wirkt hautberuhigend.

Unbegrenzter Einsatz

In den Forschungen der Hautärzte und Textilingenieure spielen jedoch Moleküle, so genannte Cyclodextrine, die entscheidende Rolle. In diese Moleküle lassen sich verschiedene Substanzen, zum Beispiel Dexpanthenol, Cortisone oder auch Anti-Pilz-Wirkstoffe einbringen. »Wie in einem Käfig werden diese Stoffe von den Cyclodextrinen festgehalten und erst durch Hautkontakt und Körperwärme freigegeben«, erläutert Mecheels. Faktisch jedes Textilmaterial von Leinen bis Wolle könne mit solchen Cyclodextrinen beschichtet werden. »So etwas eröffnet völlig neue Möglichkeiten«, schwärmt der Experte. Der therapeutische Handschuh für allergiegeplagte Friseure scheint ebenso machbar wie die Spezialsocke für Fußpilzkranke.

Bedarf wäre riesig

Der Bedarf ist vorhanden. Expertenschätzungen zufolge sind allein bis zu fünf Millionen Deutsche an Neurodermitis erkrankt. Gut zwei Millionen leiden an Schuppenflechte (Psoriasis). Hinzu kommen zwei bis drei Millionen Deutsche mit berufsbedingten Hautkrankheiten, von denen ein Teil bis zur Berufsunfähigkeit und zur Frührente führt.

Viele Einsatzmöglichkeiten

Geht es nach den Forschern, sollen so genannte intelligente Textilien nicht nur bei Hauterkrankungen helfen. Auch in der Schmerz- oder Rheumatherapie könnten Pullover oder T-Shirts künftig die Rolle der Arznei übernehmen. »Mit Cyclodextrinen lassen sich auch innerlich wirkende Medikamente via Haut auf den Körper übertragen«, ist Elsner überzeugt.

Katrin Zeiß


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