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Der beschwerliche Weg von Hannah S.: "Lieber eine Frau mit acht Operationen - als eine Frau mit Penis"

Hannah S. wurde als Dirk geboren. Lange hielt sie geheim, dass sie lieber eine Frau sein wollte. Dann beschloss sie, sich operieren zu lassen. Und ihr Albtraum begann.

Lange traute sich Hannah S. nicht dazu zu stehen, lieber eine Frau sein zu wollen

Lange traute sich Hannah S. nicht dazu zu stehen, lieber eine Frau sein zu wollen

Der 7. März 2014 sollte für Hannah S. zum Tag der Befreiung werden. Die Ärzte hatten ihr alles erklärt. Die Operation werde acht Stunden dauern. Ihr würden die Hoden heraus geschnitten, die Schwellkörper am Penis entfernt. Aus der Eichel würde der Chirurg eine Klitoris schnitzen, aus den Hodensäcken Schamlippen schneidern, der Rest des Penis würde  nach innen geklappt und vernäht. Danach würden ihre Genitalien außen aussehen wie die einer Frau. Sie könne bald Sex haben und dabei auch Lust empfinden. Hannah S. hatte keine Angst. Alles in ihr war Vorfreude. "Irgendwann bist Du an dem Punkt, da würdest Du Dir selbst Deinen Schwanz abschneiden", sagt sie. Der Tag der Operation wurde zum Auftakt eines Desasters.

Hannah S. sitzt, als sie davon erzählt, in ihrer Küche, um sie herum Chaos. Vor wenigen Monaten hat sie  eine Wohnung in einer Siedlung aus roten Backsteinhäusern gemietet, noch ist alles unfertig, die Innenwände sind aus grauem Beton, Fahrräder und Umzugskartons stehen herum. Hannah sieht in dieser Umgebung aus wie eine merkwürdige, schöne Puppe. Sie sitzt auf einem mit Samt bezogenen Stuhl, den Rücken hat sie durchgedrückt, die Beine in zarten Strumpfhosen über einander geschlagen, jede Strähne ihrer blonden Perücke liegt in Position. Sie trägt hellblauen Lidschatten und an den großen Händen Ringe mit bunten Steinen. Vor sich auf einem Gartentisch hat sie eine Menge Papiere ausgebreitet, die Klageschrift ihrer Anwältin Ruth Schultze-Zeu und der Widerspruch der Gegenseite. Es geht um Schmerzensgeld. Hannah S. geht es auch darum, dass man sie, so wie sie ist, endlich sieht.

Hannah wurde als Dirk geboren

Früher hieß Hannah Dirk. Dirk, geboren 1963, wollte schon als Kind ein Mädchen sein. Rosa Kleidchen, Puppen, das gefiel ihm. Je älter er wurde, desto mehr drängte es ihn, sich wie eine Frau anzuziehen, manchmal konnte er sich nicht beherrschen, dann strich er durch die Dessous-Abteilungen. Wenn Hannah zurückdenkt, dann fällt ihr immer die Scham ein, die Dirk begleitete. Er hielt sich für pervers.

Hannah S. wurde 1963 als Dirk geboren

Hannah S. wurde 1963 als Dirk geboren

Als er etwa 30 war, brach der Damm zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Dirk arbeitete in einem Brandschutz-Unternehmen, im Flur einer Klinik kicherte eine Gruppe Krankenschwestern. Er beobachtete, wie eine an ihrem Bein eine Laufmasche entdeckte, die Strumpfhose auszog und in einen Papierkorb warf. Dirk wartete bis die Mädchen weg waren, er sah sich nach allen Seiten um, schlich zum Papierkorb, fischte die Stumpfhose heraus und  zwängte sich in der Toilette hinein. Glücksgefühle erfüllten ihn. Er zog seine Jeans darüber.

Es gab kein Zurück mehr. Er bestellte im Internet Bodys, mit denen sich sein Penis wegdrücken ließ, BHs und Slips mit Spitzenbesatz, er kaufte hohe Schuhe, Größe 43,5.

Bis er 38 war, hatte er nur zwei kurze Beziehungen, beide zu Frauen. Mit keiner teilte er sein Geheimnis. Im Sommer 2000 lernte er seine spätere Ehefrau kennen, auch die erfuhr nichts. Anita* arbeitete als Familienhelferin. Sie hatte ein soziales Herz, das gefiel Dirk. Er zog zu ihr auf einen Hof mit Hunden, Wiesen und Teichen. Sie heirateten, er hieß jetzt Dirk S., er reparierte die Maschinen und bastelte in seiner Werkstatt Zäune. Wenn sie miteinander schliefen, dann machte er die Augen zu und stellte sich vor, er sei die Frau. Er fühlte sich wie ein Betrüger.

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Ehefrau merkte neun Jahre nichts

Sobald er alleine auf dem Grundstück war, zog er halterlose Strümpfe an, Pumps, ein Kleid. Er tänzelte vor einem Spiegel herum und sang. Auf den Notfall war er vorbereitet. Als er seine Frau einmal kommen hörte, riss er sich die Kleider vom Leib und warf sie in eine Kiste. Er stand ganz nackt in der Werkstatt, rief: "Wunder’ Dich nicht, ich glaub ich hab Flöhe". Sie wunderte sich nicht.

Erst nach neun Jahren, im Urlaub, wunderte sie sich, sagt Hannah S. Beim Strandspaziergang in Dänemark sah sie ihrem Mann ins Gesicht und fragte ihn, ob er geschminkt sei. Er leugnete nicht. Er erzählte ihr alles. Hannah S. sagt, Anita sei sprachlos gewesen. Sie habe sich aber keine Enttäuschung anmerken lassen. Irgendwie habe sie auf professionell geschaltet, sie sei ja von Beruf Familienberaterin. Sie habe ihm lange zugehört, gesagt, sie werde ihm helfen, er habe geweint. Dirk S. wusste nach dem Urlaub, dass er eine neue Identität wollte. Zuerst sollte ein Frauenname her. Paddy gefiel ihm, Hannah am besten. Um auch im Pass offiziell zur Frau zu werden, musste er zu einem psychologischen Gutachter. Der hatte keine Bedenken. Er  begann eine Hormontherapie, änderte den Namen. Es wuchs ihr ein kleiner Busen, Dirk war weg, jetzt störte nur noch der Penis.

In Deutschland gibt es nur elf Kliniken, in denen Geschlechtsanpassungen vom Mann zur Frau vorgenommen werden. Der umgekehrte Eingriff von Frau zu Mann ist noch komplizierter, das bieten nur sechs Kliniken an. Hannah S. entschied sich für Osnabrück, denn dort in der Nähe wohnt sie. Als sie nach der Operation am Abend des 7. März aus der Narkose aufwachte, hatte sie keine Schmerzen; im Gegenteil, sie fühlte sich selig. Sie lag auf dem Rücken, die Beine hochgelagert, wenn sie an sich herunter blickte, sah sie einen dicken Verband. Drei Tage lang dürfe sie sich auf keinen Fall bewegen, hatten ihr die Krankenschwestern eingeschärft. Sie beteuert, daran habe sie sich gehalten. Sie habe da gelegen wie eine Tote. Sie habe sich keineswegs an Rücken und Steiß mit Rasierwasser eingerieben. Das ist wichtig für den Rechtsstreit, der bald begann.

Am Ende des dritten Tages hatte Hannah S. Schmerzen am Gesäß. Die Schwestern schauten nach, die Haut war rot und sah wund aus, eine große Blase hatte sich gebildet. Auch die neu geformte Vagina begann zu brennen. Hannah S. sagt, es seien die schlimmsten Schmerzen gewesen, die sie je gehabt habe, so müsse es sich anfühlen, bei lebendigem Leib in Flammen zu stehen. Die Schwestern entfernten den Verband, gaben ihr mehr Schmerzmittel. Sobald sie alleine im Zimmer war, schob Hannah S. die Vorlagen zur Seite und hielt sich einen Spiegel zwischen die Beine. Die Haut hatte sich schwarz verfärbt, Gewebe begann abzusterben. "Nekrose", sagte der Arzt bei der Visite. Sie wurde von Panik erfasst. "Ich habe geglaubt, ich beginne zu verwesen."

Klage wegen Operation

Es folgten fünf weitere Operationen. Jedes Mal mit Vollnarkose. Immer wieder mussten abgestorbene Hautstücke entfernt werden. Erst nach der sechsten Operation kam der Verdacht auf: Sollte sie gegen Jod allergisch sein? Sie hatte ein Sitzbad verordnet bekommen, eine jodhaltige Lösung darin, ihre Haut reagierte so direkt und eindeutig mit Pusteln, Rötung und Brennen, dass die Schwestern ihr ein Antiallergikum verabreichten und kein Jod mehr verwendeten. Die Wunde begann jetzt zu heilen. Hannah S. wurde entlassen.

Was jetzt heilte, war ein wulstiges narbiges Patchwork aus Nähten und Hautfetzen, Bei beiden äußeren Schamlippen war die Hälfte Stück für Stück wieder amputiert worden, die Klitoris ist schräg darunter gerutscht, die Scheide war fast vollständig zugewachsen. Wasser lassen konnte sie nur mit einem Haushaltstrichter. "Ich habe gepinkelt wie eine Gießkanne", sagt sie. Sie deutet auf ihre Handtasche, da hatte sie den Trichter immer drin, wenn sie unterwegs war. 

In der Zeit nach der Entlassung ließ sie einen Allergietest machen. Jod: Positiv. Sie suchte sich  eine Anwältin in Berlin, die auf ärztliche Kunstfehler spezialisiert ist und eine schmetternde Klage verfasste. Ihre Ehe ging kaputt. Hannah S. sagt, sie sei psychisch in einer Ausnahmesituation gewesen. Sie wurde immer wieder in Depressionen gerissen, trank zu viel. Die Männerarbeit blieb liegen. Anita und sie stritten immer erbitterter. Hannah glaubt, dass aus Anita plötzlich die ganze, verdrängte Enttäuschung herausbrach. Sie weiß es nicht genau, Anita hat dazu nie etwas gesagt. Hannah bekam mit viel Glück die Wohnung, in der sie jetzt lebt. Nur ihren Hund nahm sie mit. Anita hat ihr verboten, noch einmal ihr Grundstück zu betreten.

Einige Monate nach der sechsten  Operation wandte sie sich an einen plastischen Chirurgen aus München, sie merkte sich den Satz, den der sofort sagte, als er sie untersuchte: "Da hätte man viel früher was machen müssen". Zu ihm hat sie Vertrauen. Er operierte sie zum siebten Mal. Das Wasserlassen ging anschließend besser, auch wenn ihr bis heute noch ein Teil des Urins am rechten Bein herunter läuft. Die Scheide wuchs bald wieder zu. Sie wurde zum achten Mal operiert.

Ein Foto vom jungen Dirk mit seiner Mutter

Ein Foto vom jungen Dirk mit seiner Mutter

In der Backsteinsiedlung begann sie, sich ein neues Leben aufzubauen. Sofort nach dem Einzug ging sie auf alle Nachbarn zu, Perücke auf dem Kopf, silberne Stiefeletten, roter Cashmiremantel. Sie erwähnte, dass sie technisch begabt sei und gerne helfe. "Hannah ist ein Mensch. Alles andere ist doch egal", so sollen die Leute über sie denken. Sie trat in einen Chor ein. Weil sie eine tiefe Stimme hat, stellt die Chorleiterin sie zu den Bässen. Sie wurde hin und hergeschoben, sie merkte: keiner der Männer wollte neben ihr singen. Sie ist freundlich zu allen, gießt den anderen in den Pausen Tee ein. "Auf die Dauer kann mir niemand widerstehen", ist ihre Idee. Es gibt immer wieder Rückschläge. Als sie in einer Jazz-Kombo mitsingen wollte, wurde ihr gemailt, einer aus der Gruppe wolle keine "Transe", aus religiösen Gründen. Meistens läuft es subtiler. Die Leute sind nett, aber Hannah spürt, dass sie innerlich zurückweichen. Früher war sie akzeptiert, aber lebte mit einer Lüge. Heute zeigt sie sich, wie sie ist, aber sie fühlt sich ungeschützt. Alles, sagt sie, hängt davon ab, ob es ihr gelingt, Menschen für sich zu gewinnen.

Es sollte ihr erstes Mal werden, als Frau

Vor einigen Wochen war in der Bäderlandschaft im Nachbarort  ein Mann, der sie immer wieder anguckte. Sie nahm ihren Mut zusammen, tippte mit dem Finger auf seinen Oberschenkel, flüsterte: "Du interessierst mich". Sie verabredeten sich für den darauf folgenden Sonntag. In einem portugiesischen Restaurant am Stadtrand von Osnabrück saßen sie sich gegenüber, Hannah machte ihre Stimme so hell wie möglich, auf roten Nagellack hatte sie verzichtet, um ihre großen Hände nicht zusätzlich zu betonen, sie trug einen wallenden hellen Rock, eine tief ausgeschnittene Bluse, die den Blick auf einen spitzenbesetzten BH freigab. Sie erzählte von ihrem Leben, dem als Hannah und dem als Dirk. Sie sagte ihren Lieblingssatz, sie liebt die Theatralik: "Egal wie schlimm alles ist, ich trage das Glück in mir!" Er erzählte, dass er bei seinen Eltern im Haus wohne, sie auf keinen Fall dorthin mitnehmen werde und auch nicht zu seinen Freunden. Ein Abenteuer könne er sich aber vorstellen.

Hannah S., geboren als Dirk, bekannte sich erst spät dazu, lieber eine Frau zu sein

Hannah S., geboren als Dirk, bekannte sich erst spät dazu, lieber eine Frau zu sein

Hannah S. sagt, für einen Augenblick flackerte die Angst auf, sie würde jetzt zu einem Sexualobjekt für Perverse, dabei suche sie doch einfach nur einen, der sie als Frau liebt. Dann überwog die Aufregung. Es sollte ihr erstes Mal werden, als Frau. Er kam mit zu ihr, sie schlängelten sich durchs Chaos, an den Fahrrädern vorbei, zwischen den Türmen aus Umzugskisten durch, hin zu einem schmalen Bett, das sie mit bunten Kissen geschmückt hatte wie einen Thron. Nur ein Lämpchen brannte, Details waren nicht zu erkennen. Dann die niederschmetternde Situation. Schmerzen. Peinlichkeit. Das narbige Gewebe war wieder zusammengewachsen.  

Der Mann sagte, sie könnten sich ja trotzdem wieder verabreden, er sei richtig nett gewesen, sagt sie. Sie selbst kämpfte, als er gegangen war, mit Verzweiflung. Sie rief am nächsten Morgen den Chirurgen in München an. Er empfahl eine weitere Operation, die er aber nicht mehr selbst vornehmen könne, weil er dann im Ruhestand sei. Hannah S. sagt, sie habe Angst.

Sie kann inzwischen nicht mehr arbeiten, sie lebt vom Existenzminimum. Was bei dem Rechtsstreit herauskommen wird, ist offen, das weiß sie. Die Folgen einer Jodallergie sind nicht einfach zu greifen, für eine Wundheilungsstörung kann es verschiedene Gründe geben, die zusammenwirken. Die Gegenseite hat inzwischen schweres Geschütz aufgefahren und eigene Sachverständige bemüht. Möglicherweise habe Hannah S. auf ihr Rasierwasser allergisch reagiert, schreibt der Anwalt. "Was für ein Unsinn!!!" hat Hannah S. mit rotem Stift in ihre Kopie gekritzelt - ihre Frau, sagt sie, habe ihr am zweiten Tag nach der Operation doch nur das Gesicht und nicht den Hintern rasiert. 

Ein aktuelles Foto von Hannah S.

Ein aktuelles Foto von Hannah S. 

Der Hund will jetzt raus. Sie zieht die derben Stiefel an, die einmal Dirk S. gehörten. Manchmal, sagt sie, male sie sich aus, wie es in einem Gerichtsprozess wohl zugehen werde. Sie stelle sich vor, dass der Richter sie fragen würde, ob sie ihren Entschluss zur Operation bereue. Und dass sie dann wie in einem großen Drama antworten würde: "Hohes Gericht! Nein! Ich bin immer noch lieber eine Frau mit acht Operationen und bald einer neunten - als eine Frau mit einem Penis". Vielleicht würde der Richter ihr nicht glauben - wie solle einer wie er sich auch vorstellen, was man alles auf sich nimmt, um einfach nur man selbst zu sein.

Sie geht los in Richtung Wald, summt, wie fast immer beim Spazierengehen, den Sopranteil eines Stückes, das sie gerade im Chor üben. Diesmal ist es ein "Kyrie Eleison", ein "Herr erbarme Dich".     

 

* Name geändert

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