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Überfüllte Notaufnahmen: Mit Schnupfen in die Notaufnahme – Sanitäter rechnet mit Patienten ab

Zuerst mit einem Wehwehchen in die Notaufnahme und dann auch noch das Personal anpöbeln, weil man nicht gleich rankommt. Einem Rettungssanitäter ist auf Facebook der Kragen geplatzt.

Man kommt am Wochenende in die Notaufnahme und die ist komplett überfüllt. Stundenlanges Warten ist die Folge. Betroffen sind davon auch Patienten mit sehr ernsten Beschwerden – zumindest dann, wenn die Schwere der Erkrankung nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Für diese Patienten birgt das Warten ein gesundheitliches Risiko, außerdem vergiftet die ewige Wartezeit die Atmosphäre in den Notaufnahmen. Es herrscht eine angespannter, aggressiver Ton. Das Problem entsteht erst, weil viele Patienten mit kleineren Wehwehchen in die Krankenhäuser drängen. Sie verstopfen die Notaufnahme mit ihren Bagatellerkrankungen. Sie strömen ins Krankenhaus, weil sie erst in Wochen einen Termin beim Facharzt bekommen, oder einfach aus Bequemlichkeit, weil es am Wochenende terminlich passt.

Diese Wehwehchen-Patienten hat ein Rettungsassistent aus Baden-Württemberg mit einem Post auf Facebook attackiert und eine ungeahnte Diskussion angeschoben. Kay Müller postete das Bild einer blutüberströmten Unfallaufnahme aus Israel und einen kernigen Beitrag dazu. "Wenn mich mal wieder ein wartender Patient vor der Notaufnahme fragt, warum er hier seit zwei Stunden warten muss (10 min) (und ja das wird man gefragt, auch wenn man vom Rettungsdienst ist und nicht vom Krankenhaus.) WÜRDE ich gerne manchem dieses Bild zeigen."

Aggressive Stimmung

Man sieht, die Nerven liegen blank. Kay Müller zieht genervt vom Leder: "Ich bin sicher er hat Verständnis, dass sein eingerissener Zehnagel oder Schnupfen noch weitere seiner 3 Stunden warten kann. Das liebe Leute ist die Aufgabe einer Notaufnahme (Schockraum) nicht Euer seit 2 Tagen anhaltender verkackter Schnupfen, den schon längst der Hausarzt hätte therapieren können."

"Sorry für die Wortwahl aber die Faulheit und die fehlende Selbstständigkeit der Menschen ist so erschreckend das ich mich frage wie, finden solche Menschen die nächste Notaufnahme aber nicht den Weg zum eigenen Hausarzt." (sic, Originalzitat)

Lieber ins Krankenhaus statt zum Hausarzt

Mit dem Post hat Müller in ein Wespennest gestochen. Die Fronten sind klar, die Krankenhausangestellten unterstützen Müller. Daniela H. postete: "Ich habe 3 1/2 Jahre Notaufnahme hinter mir... mindestens 2-3 mal die Woche, sah unser Schockraum so aus...  (…) Und ja es gehen Leute mit Dinge in die Notaufnahme die zu 100% zum Hausarzt oder in die Notfallpraxis gehören... es stand schon mal jemand vor mir und sagte er hätte Krampfadern... (keine Blutung... nix gar nix, einfach nur Krampfadern)." Die Patienten benehmen sich auch nicht so, wie man es sich wünscht: Von "Patienten, angespuckt und beleidigt werden gehört schon zum guten Ton... mein Respekt für alle die diesen Job machen." Patientin Ana C. sieht das genauso: "Ich kann nur bestätigen, dort ständig auf Leute zu treffen mit Erkältung, Ohrenschmerzen, etc." 

Umgekehrt schießen Patienten zurück, die trotz Schmerzen und schweren Erkrankungen stundenlang warten mussten, weil sie offenbar fälschlich zuerst als Wehwehchen-Patienten eingeschätzt worden waren.

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Neuer Kurzcheck

User Michael H. dürfte den wahren Grund der Wartezeit erkannt haben: Zu wenig Personal für zu viele Fälle. Er schrieb: "Der Grund für exzessive Wartezeiten in Deutschland dürften seltener multiple Schusswunden sein, als schlichter Personalabbau".

Gelöst werden soll das Problem durch eine sogenannte Abgeltungspauschale, die seit dem 1. April 2017 gilt. Nach einem Kurzcheck sollen Patienten, die keine Notfallbehandlung brauchen und durch einen Vertragsarzt in der normalen Sprechstunde versorgt werden können, herausgefunden und wieder nach Hause geschickt werden. Die Pauschale beträgt 4,74 Euro am Tag und 8,42 Euro in der Nacht. Laut Statistik ist das Problem allerdings nicht so groß, wie der Post von Kay Müller nahelegt. Nur etwa zehn Prozent der Patienten, die eine Notfallambulanz im Krankenhaus aufsuchen, benötigen keine dringende Diagnostik und Therapie.

Es wird sich zeigen, ob der eingeführte Kurz-Check das Problem löst. Denn nur sehr eindeutige Fälle wird man zurückschicken können – etwa den eingerissenen Zehennagel. Nach einer Zwei-Minuten-Diagnose besteht immer die Möglichkeit, dass der Patient vielleicht doch ernsthafter erkrankt ist, als der Mediziner erkennen konnte. Ein Risiko, das kaum ein Arzt wird eingehen wollen.

First Aid Ladies 22.20

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