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Mittwoch, 07.05.2003: Eine misslungene Flucht aus Peking

Manche ertragen Peking in diesen Tagen nicht mehr. Vielen Ausländern schlägt die Stimmung in der Hauptstadt inzwischen so aufs Gemüt, dass sie lieber heute als morgen raus wollen.

Manche ertragen Peking in diesen Tagen nicht mehr: das pausenlose Gerede über SARS, das jedem Essen und Treffen den Charakter eines Arztbesuches gibt, die Angst vor dem Superspreader, der Passanten gleich dutzendweise anstecken könnte, die Geisterstadt-Atmosphäre in den vor Wochen noch so lebenslustigen Studentenvierteln. Rund um das Gelände der Parteihochschule beispielsweise haben alle Restaurants den Betrieb eingestellt. Hohe Funktionäre werden strikt von den Studenten ferngehalten, um die Gefahr einer Ansteckung möglichst klein zu halten. Nicht nur die Hörsäle, sondern auch die Kantinen bleiben geschlossen. Die Studenten bekommen ihr Essen in den Zimmern serviert.

Lieber heute als morgen raus

Vielen Ausländern schlägt die Stimmung in der Hauptstadt inzwischen so aufs Gemüt, dass sie lieber heute als morgen raus wollen. Daran haben selbst meine optimistischen Tagebucheinträge von Montag, den 28. April (SARS ist gut für meine Gesundheit und von Dienstag, den 29. April (Superstar - der deutsche SARS-Arzt Volker Klinnert) nichts ändern können. Peking den Rücken zu kehren aber ist in diesen Tagen nicht immer einfach (siehe meinen Tagebuch-Eintrag von Freitag, den 2. Mai: Einsam in Peking). Heute morgen holten Polizisten einen italienischen Gaststudenten aus dem Flugzeug. Er hatte lediglich seine Pekinger Aufenthaltsgenehmigung verloren. Das genügte, damit ihn die Behörden in Quarantäne nahmen und ausführlich auf SARS untersuchten.

Gestern Nacht scheiterte der Fluchtversuch einer jungen Amerikanerin. Bianca Otero, die seit einem Jahr in der chinesischen Hauptstadt lebt, wollte Abenteuer statt Langeweile. Sie berichtet folgendes:

Raus aus Peking. Mit dem Fahrrad

SARS, die gefährliche Lungenseuche, bringt das öffentliche Leben in Peking regelrecht zum Stillstand. Seit Tagen wurde ich den Gedanken nicht mehr los, etwas Verrücktes tun zu müssen. Dies ist die richtige Zeit für jemanden wie mich, der gerade 28 ist und vor nichts Angst hat. Ich beschließe von Peking nach Kunming zu fahren, die Hauptstadt der malerisch-schönen Yunnan-Provinz in Südchina. Nicht mit dem Zug und auch nicht per Flugzeug - sondern mit dem Fahrrad, Luftlinie: 3183 Kilometer.

Ein polnischer Freund, der in der Sichuan-Provinz unterwegs ist, hat mir am Telefon davon erzählt, wie er Tag für Tag mit Engelszungen und bisher erfolgreich dagegen anredet, irgendwo in der tiefsten Pampa in Quarantäne genommen zu werden. Die Provinzler fürchten, dass sie weit schlechtere Chancen haben, SARS zu überleben, wenn sie erst einmal erkranken. Auf dem Land gibt es nur wenige Kliniken. Die meisten Bauern sind zu arm, um sich teure Behandlungen zu leisten. Deshalb behandeln die Menschen im riesigen chinesischen Hinterland die Pekinger nun wie Aussätzige. Das schreckt mich nicht ab. An einem sonnigen Morgen schwinge ich mich in einem Pekinger Altstadtviertel auf mein Rennrad.

An den Posten vermeide ich jeden Augenkontakt

Ich habe von den vielen Straßensperren und Gesundheitskontrollen gehört. Trotzdem ist es leichter als gedacht, die Hauptstadt zu verlassen. An den Posten vermeide ich jeden Augenkontakt und sause mit meinem Rad an allen Kontrollen vorbei. Ich sehe, wie Männer in weißen Ganz-Körper-Anzügen und mit doppelten Gesichtsmasken einen Lastwagen stoppen. Sie untersuchen die Fracht und sprühen Desinfektionsmittel auf jedes Paket.

Ich lasse die Stadtgrenze hinter mir und tauche in die Hebei-Provinz ein, die Peking umschließt wie früher die DDR Ostberlin. Ich genieße die frische Luft. Endlose Felder, wenig Bäume, ab und an ein Truck, der laut hupend an mir vorbeidröhnt. In Hebei sind offiziell 113 SARS-Kranke registriert. Über die Toten schweigen sich die Zeitungen aus. Keiner der Bauern, die auf den Feldern arbeiten, trägt eine Maske. Und auch sonst erinnert nichts hier an die tödliche Krankheit. Bis mich plötzlich am Mittag eine Autokolonne überholt, zwei Krankenwagen mit schrillen Sirenen, ein Dutzend anderen Autos. Wenn kein Funktionär gestorben ist, muss es sich bei einem derart großen Aufgebot bestimmt um einen SARS-Transport handeln, denke ich.

Bürgerwehren sollen jeden Hauptstädter verjagen

Bis zum Abend sehe ich ein halbes Dutzend Krankenwagen. Ich stoppe in einer kleinen Stadt, deren Namen ich schon wieder vergessen habe. Im einzigen Hotel handele ich den Zimmerpreis auf 40 Yuan herunter, umgerechnet vier Euro. Ein SARS-Rabatt, denn in der Sechzig-Zimmer-Herberge bin ich zunächst der einzige Gast. Später mieten sich noch zwei Fernfahrer ein. Der Mann an der Rezeption, ein hagerer Mitvierziger, misst mein Fieber. "Sie sind gesund, alle anderen hier auch", versichert er mir.

Am nächsten Mittag kaufe ich in einer Kleinstadt, 150 Kilometer von Peking, Proviant: drei Wasserflaschen, zwei Orangen und Sojabohnenquark. Drei Polizeiautos preschen heran. Die Beamten teilen mir mit, dass ich die Stadt sofort verlassen muss. Sie verfolgen mich noch bis zum Ortsausgang, um ganz sicher zu sein, dass ich aus ihrem Verantwortungsbereich verschwinde. Freunde hatten mir erzählt, dass einige Dörfer rund um Peking Bürgerwehren aufgestellt haben, die jeden Hauptstädter verjagen. Hier sorgt die Polizei dafür, dass ihre Stadt frei von Pekingern bleibt.

Ich werde zurück nach Peking gebracht

Es sollte noch schlimmer kommen. Am Nachmittag zwingen mich zwei Polizeiwagen anzuhalten und bringen mich zum Verhör in die nächste Polizeistation. Alle Beamten tragen Gesichtsschutz und Gummihandschuhe. Dann kommt die Chefin der Ausländerbehörde aus der nächstgelegenen Stadt. Sie besteht darauf, dass ich zurück nach Peking gebracht werde. Mitten in der Nacht setzen mich die Polizisten am Stadtrand von Peking aus. Ein Taxifahrer weigert sich, mich ins Zentrum zu bringen. "SARS, sie wissen schon", entschuldigt er sich, ehe er das Weite sucht. Ein anderer Taxifahrer hat Mitleid. Gegen vier Uhr morgens falle ich todmüde ins Bett.

Ich schlafe wie ein Stein. Beim Frühstück entscheide ich mich, es bald noch einmal zu versuchen. Schließlich bin ich Fotografin. Ich will dokumentieren, wie die Bauern mit SARS umgehen. Alles aufschreiben, alles fotografieren. Denn dort auf dem Land, bei den 900 Millionen Bauern, lauert - von der westlichen Welt bisher weitgehende unbemerkt - die nächste SARS-Katastrophe.

Matthias Schepp/Bianca Otero

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