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Immer mehr Infektionen: Nordkorea hat ein HIV-Problem – behauptete aber frei von dem Virus zu sein

Das diktatorisch regierte Nordkorea hat lange Zeit behauptet, dass es frei von HIV und Aids sei. Doch nun haben Mediziner aus den USA und Nordkorea herausgefunden, dass es einen massiven Anstieg an Infektionen gab – und das isolierte Land Probleme damit hat.

Links: Nordkoreaner feiern den Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung. Rechts: Die Aids-Schleife

Links: Nordkoreaner feiern den Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung. Rechts: Die Aids-Schleife

DPA / AFP

Noch im Dezember 2018, beim Welt-Aids-Tag, feierten nordkoreanische Regierungsbeamte und Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation WHO in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang etwas, was kaum ein anderes Land der Welt von sich behaupten kann: Nordkorea ist frei von dem Menschlichen Immunschwäche-Virus, besser bekannt als HIV. Der Arzt Thushara Fernando, Vertreter der WHO in Nordkorea, sagte damals, dass in dem isolierten Land keine HIV-Infektionen gemeldet wurden – zumindest nach seinem Wissenstand. Er verbuche dies als Erfolg der Prävention im Land und den weitverbreiteten HIV-Tests, wie das Magazin "Science" berichtet.

Doch die Realität sieht wohl ganz anders aus, wie das Magazin weiter schreibt. So sollen nordkoreanische Gesundheitsbeamte heimlich eine wachsende Zahl an HIV-Infektionen und Aids-Erkrankungen festgestellt haben. Demnach habe es 2018 schon knapp 8400 HIV-Infizierte gegeben, wie ein Bericht eines Forscherteams aus den USA und Nordkorea feststellt. Die erste bestätigte Infektion eines nordkoreanischen Bürgers sei demnach schon im Januar 1999 registriert worden. Seitdem seien die Infektionen in dem 25-Millionen-Einwohner-Land stetig gestiegen. Zum Vergleich: In Deutschland lebten Ende 2017 rund 86.000 Menschen mit HIV, bei rund 2700 Neuinfektionen im selben Jahr.

HIV-Rate höher als erwartet

Laut dem Epidemiologen Chris Beyrer von der John Hopkins Universität in Baltimore sei dies ein "beeindruckender Start". Zunyoun Wu, Chef-Epidemiologe am chinesischen Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten in Peking, fügte hinzu, dass Nordkoreas HIV-Rate "viel höher ist als erwartet". Die Autoren der Studie warnten nun davor, dass die nordkoreanische Regierung "strenge Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit" ergreifen könnte, zum Beispiel die Kriminalisierung des HIV-Status und die Inhaftierung oder Abschiebung von Menschen mit HIV oder Aids.

Beachtlich bei der Untersuchung ist, dass US-amerikanische und nordkoreanische Forscher zusammengearbeitet haben. Begonnen hatte die Zusammenarbeit bereits 2013, als sich nordkoreanische Forschungskollegen an DoDaum, eine gemeinnützige Organisation in New York, die Gesundheits- und Bildungsprojekte in Nordkorea betreibt, wandten - und zwa von sich aus, so Taehoon Kim, Mitbegründer der Organisation: "Wir haben begonnen, in weiter entfernte Teile des Landes zu reisen, um uns mit Patienten zu treffen und die aktuellen Probleme zu verstehen." Er sprach auch von einem "guten Verhältnis". Dennoch wollten die Nordkoreaner zuerst die Ergebnisse nicht bekannt geben. 

Zehn Fakten über Nordkorea

Nordkorea kämpft mit HIV-Infektionen

Das Team musste feststellen, dass interne Berichte in Nordkorea ein weitaus dunkleres Bild zeichneten, als es der Öffentlichkeit bekannt war. So hätte Nordkoreas Zentrum für Kontrolle von Krankheiten schon 2015 einen stetigen Anstieg der Infektionen verzeichnet. 2018 beendete die Nationale Aids-Kommission Nordkoreas eine landesweite Untersuchung, die auf einen starken Anstieg der Infektionen mit HIV hinwies. Die nationale HIV-Infektionsrate liege demnach bei 0,069 Prozent. Zum Vergleich: In den USA sind es laut dem Epidemiologen Beyrer etwa 0,6 Prozent, in Deutschland rund 0,1 Prozent, so das Robert Koch-Institut.

Trotz der im Vergleich zu anderen Ländern eher geringen HIV-Rate in Nordkorea habe das kommunistisch regierte Land mit Problemen zu kämpfen, so der Bericht. "Die zuverlässige Diagnose und Behandlung von Patienten bleibt ein schwer fassbares Ziel", sagt Kim von DoDaum. So gebe es im ganzen Land nur drei Labors mit modernen HIV-Tests. Laut Kim habe seine Organisation etwa 3000 nordkoreanische Patienten einer kombinierten antiretroviralen Therapie (ARV) unterzogen. Verschärfte internationale Sanktionen gegen Nordkorea hätten es jedoch schwieriger gemacht, Medikamente zu importieren. Zusätzlich erschwere die hohe Tuberkulose-Rate im Land eine Behandlung.

Forscher befürchten Repressalien für Infizierte

Ein Mitarbeiter des nordkoreanischen Gesundheitsministeriums erklärte "Science": "Einerseits kann die Meldung der Existenz dieser Patienten zu einer Reaktion der Zentralregierung führen, da sie im Allgemeinen große Angst vor übertragbaren Krankheiten hat. Auf der anderen Seite wird das Problem, keine Behandlungen zu haben, fortbestehen, wenn nicht berichtet und die Existenz nicht erkannt wird."

Laut Nordkoreas Nationaler Aids-Kommission werde das HI-Virus im Land am häufigsten bei Blutspenden oder beim Injizieren von Drogen übertragen. Auch weibliche Prostituierte seien häufiger betroffen. In Deutschland ist der häufigste Übertragungsweg bei HIV Sex zwischen Männern. Übertragung durch Spritzen beim Drogenkonsum oder durch Blutprodukte sind in Deutschland deutlich seltener, kommen aber vor. Laut Chris Beyrer sei die hohe Infektionsrate bei Blutprodukten in Nordkorea "sehr besorgniserregend". Ein Grund könnte laut ihm die Wiederverwendung von kontaminierten medizinischen Instrumenten sein.

Der Bericht fordert die internationale Gemeinschaft dazu auf, eine Sonderkampagne zu starten, um Menschen in Nordkoreaner mit den nötigen Medikamenten zu versorgen und das stark rudimentäre Gesundheitssystem des Landes wiederaufzubauen. Denn wenn sich die HIV Epidemie weiter ausbreite, könnte die Führung im Land drakonische Maßnahmen ergreifen, "um die Krankheit um jeden Preis einzudämmen". Nordkoreanische Gesetze erlauben der Regierung, Kranke gegen ihren Willen umzusiedeln oder sie zu deportieren, bemerkt Taehoon Kim in "Science".

Quellen: "Science", "Ars Technica", Deutschlandfunk Nova, Robert Koch-Institut, Deutsche Aidshilfe

rw

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