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Modellversuch Palmers Corona-Sonderweg: Tübingen will ab kommender Woche wieder Kinos, Museen und Außengastronomie öffnen

Schnelltests
Corona-Schnelltests in Tübingen: Die Stadt strebt Öffnungen an. Wichtigster Eckpfeiler: die Ausweitung der Tests.
© Sebastian Gollnow/ / Picture Alliance
Tübingen will raus aus dem Lockdown und träumt von einem Modellprojekt. Stimmt das Land zu, macht die Stadt in der kommenden Woche nicht nur die Außengastronomie wieder auf, sondern auch Kinos, Theater, Museen - und die Chancen stehen gut.

Endlich wieder ins Kino, einen Cappuccino im Café genießen? Ganz Deutschland wartet auf weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Ganz Deutschland? Nein. Eine kleine Studentenstadt in Baden-Württemberg trotzt den Bestimmungen: Tübingen. Geht es nach Oberbürgermeister Boris Palmer sollen dort ab Dienstag Außengastronomie und Kultureinrichtungen wieder öffnen. Ein entsprechendes Konzept hat die Stadt dem Land bereits vorgelegt und möchte damit einen Modellversuch starten. Wie das "Schwäbische Tagblatt" berichtete, werde der Antrag derzeit geprüft, eine Entscheidung soll schnell getroffen werden. Hinter den Kulissen gelte es "als nahezu beschlossene Sache", das Tübingen ab Dienstag starten darf.

Bereits am vergangenen Mittwoch waren Öffnungspläne bekannt geworden, wie diese umgesetzt werden sollen, war zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Mittlerweile steht fest: Die Schnelltests sollen es richten. Im gesamten Stadtgebiet sollen in der kommenden Woche Gastronomie, Hotellerie und Kultur öffnen. Zudem sollen laut Palmer alle Menschen, die den Einzelhandel in der Innenstadt nutzen, einen Schnelltest vorweisen. Dafür sei keine Genehmigung erforderlich. Ausnahmen seien Buchhandlungen und Lebensmittelgeschäfte. "Wir sind startklar", sagte Palmer bei der Pressekonferenz,  die Allgemeinverfügung sei entwickelt und liege in Stuttgart vor.

Mehr Schnelltests, mehr Freiheit

Wie wahrscheinlich ist es, dass Tübingen wirklich öffnen darf? Die Stadt erfüllt seit dem 21. Januar stabil die Grundvoraussetzung einer Inzidenz unter 50. Am 9. März hatte das Landratsamt für den Landkreis eine Inzidenz unter 35 festgestellt. Allerdings sehen Epidemiologen und Virologen in der Ausbreitung der Variante B.1.1.7 und der bundesweit wieder leicht ansteigenden Inzidenz ein erhebliches Risiko, dass die begonnene Öffnung die Rückkehr zu einem exponentiellen Wachstum auslösen könnte. "Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, sind Ersatzmaßnahmen für die aufgehobenen Kontaktbeschränkungen erforderlich", sagte Palmer.

Bekommt Tübingen das Go vom Land, soll der Versuch drei Wochen lang dauern und unabhängig von Inzidenz-Werten durchgesetzt werden. Liegt ein tagesaktueller Schnelltest vor, könnten die Tübinger ab Dienstag wieder die Theater, Kinos und Museen der Stadt besuchen, ein Bewirtung in der Außengastronomie wird wieder möglich sein. In Tübingen werden inzwischen sogenannte Popeltests genutzt. Diese sind leicht anzuwenden, müssen nur ein paar Zentimeter tief in die Nase geschoben werden. 

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Bis zu 25.000 Tests täglich

Die Pandemiebeauftragte der Stadt, Lisa Federle, appellierte bei der Pressekonferenz am Freitag an die Bereitschaft der Bevölkerung. Der Versuch könne nicht funktionieren, wenn die Menschen nicht mitzögen, "das wäre eine Katastrophe". Sie glaubt aber, dass die Menschen sich nach vier Wochen an das Test-Prozedere gewöhnt habe,  "dass sie das zuhause machen können wie Zähneputzen".

Palmer will bis zu 25.000 Tests pro Tag möglich werden. Dort könnten 1000 Tests pro Stunde vorgenommen werden. Man müsse mit einem täglichen Bedarf von anfangs 10.000 Tests pro Tag ausgehen. Zur Kontrolle der Pandemie müssten aber 25 000 Testungen pro Tag vorgenommen werden. So könnte jede Person, die sich in Tübingen aufhalte, pro Woche zweimal unter Aufsicht getestet werden. Ein negatives Ergebnis werde durch ein Zertifikat - das sogenannte Tübinger Tagesticket - belegt. Bis Dienstag sollen insgesamt sechs Teststationen in der Stadt einsatzbereit sein, vier weitere Stationen seien denkbar. 

Das Projekt sei "einzigartig in Deutschland, wahrscheinlich sogar darüber hinaus", sagte Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin am Tübinger Uniklinikum. Er begleitet das Projekt wissenschaftlich. Die Stadt habe alle Vorbereiten getroffen, das Konzept sei gut.  "Wir dürfen nicht vergessen, dass gerade die jungen Menschen asymptomatisch sind, deshalb müssen wir testen, testen, testen", sagte er. Kremsner erhofft sich, dass die Erkenntnisse des Versuchs dazu beitragen, dass künftig nicht mehr nur stoisch auf Inzidenz-Werte geschaut werde Laut Kremsner seien die Positivraten der Schnelltests ein besserer Indikator.

tpo / dpa

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