HOME

Pharmaindustrie: Druck über Drittmittel

Peter Sawicki, Chef des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), erzählt im stern.de-Interview, wie schwierig es für ihn ist, geeignete Gutachter zu finden. Die müssen entweder um Drittmittelgelder für ihre Forschungen bangen, oder sogar um ihre Karriere.

Von Jens Lubbadeh

Die medizinische Forschung in Deutschland ist finanziell so abhängig von Geldern der Pharmaindustrie, dass die den Hebel ansetzen kann, um Wissenschaftler von einer Zusammenarbeit mit dem IQWiG abzuhalten. Mediziner, die als externe Gutachter vom IQWiG angeworben werden, fürchten um Drittmittel-Gelder der Industrie, ohne die für sie Forschungen nicht mehr möglich wäre. Wie Sawicki berichtet, möchten viele Wissenschaftler ihre Abhängigkeiten auch gar nicht öffentlich machen - eine Bedingung für eine Zusammenarbeit mit dem Institut, das Medikamente und Therapien nach wissenschaftlichen Kriterien auf ihren wirklichen Nutzen hin überprüft. Unabhängigkeit ist für das IQWiG von großer Wichtigkeit, weil aufgrund seiner Beurteilungen Entscheidungen über Erstattungen der gesetzlichen Krankenversicherung getroffen werden, die gegen massive Interessen der starken Pharma-Lobby laufen können.

Doch nicht nur dem Druck der Pharmaindustrie sind das IQWiG und seine Mitarbeiter ausgesetzt - auch renommierten Ärztegesellschaften sind manche Gutachten unbequem. So müssen vor allem jüngere Wissenschaftler befürchten, dass die IQWiG-Zusammenarbeit zu einem Makel für ihre weitere Karriereplanung werden könnte - denn über die Vergabe von Professuren entscheiden Leute, die zumeist auch in den Ärztegesellschaften sitzen.

Herr Sawicki, Kritiker werfen Ihnen Intransparenz bei der Auswahl ihrer externen Sachverständigen vor. Wie wählen Sie aus?

Es gibt drei Kriterien für die Auswahl: Sie müssen in der Methode der evidenzbasierten Medizin versiert sein. Sie müssen mit dem Thema vertraut sein - ein Gynäkologe kann zum Beispiel nicht kardiologische Themen beurteilen. Das dritte ist eine unmissverständliche gesetzliche Vorgabe: Externe Sachverständige müssen mögliche Interessenskonflikte darlegen, einschließlich aller Finanzquellen und ihrer Höhe.

Sie machen eine öffentliche Ausschreibung und Leute können sich bewerben?

Ja.

Aber Sie wählen die Gutachter dann alleine aus?

Es gibt ein Gremium, das nach einem geregelten Verfahren vorgeht. Dabei werden die Kosten und die Qualifikationen berücksichtigt. Wir wählen nicht immer den Billigsten aus, sondern den Besten im Verhältnis zu den Kosten.

Verhandeln Sie dann das Honorar?

Das steht fest - es sind 500 bis 800 Euro pro Arbeitstag. Das ist im internationalen Vergleich nicht viel, aber für wissenschaftliche Institutionen zumindest kostendeckend.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Probleme haben Gutachter zu finden, weil sich eine Zusammenarbeit mit dem IQWiG rufschädigend auswirkt. Viele fürchten, dass ihnen dann Drittmittel aus der Industrie gestrichen werden.

Ja, das stimmt leider. Es gibt mehrere Gründe, warum wir Probleme haben Gutachter zu finden. Zum einen ist die Methode der evidenzbasierten Medizin nicht Bestandteil des Medizinstudiums - es gibt in Deutschland einfach nicht so viele Mediziner, die damit vertraut sind. International sieht das besser aus. Des weiteren ist ganz einfach die Zeit ein Problem. Ein Auftrag benötigt ungefähr 100 Arbeitstage, die nicht jeder Sachverständige für uns einrichten kann. Und dann gibt es viele, die in Abhängigkeiten stehen, die sie nicht offen legen wollen, oder tatsächlich Probleme mit der Industrie befürchten. Wichtig ist auch, dass eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis besteht. Mitglieder der Grazer Gruppe, die für uns die Insulinanaloga-Berichte miterarbeitet haben, arbeiteten auch praktisch in der Diabetes-Ambulanz. Für uns war das optimal, weil wir Leute wollen, die sowohl theoretisch arbeiten, als auch Patientenkontakt haben. Ich bin nicht sicher, ob es stimmt, aber ich habe gehört, dass die jetzt große Probleme haben mit der Insulin produzierenden Industrie.

Drittmittelaufträge sind wichtig für Universitätskliniken, darüber finanzieren sie eine Menge. Und viele Drittmittel kommen in der klinischen Forschung in Deutschland nicht aus unabhängigen Quellen - auch das ist ein wesentlicher Nachteil. Es gibt auch Kollegen, die Angst haben, sich möglicherweise mit Vorständen von Fachgesellschaften anzulegen. Verständlich - viele externe Gutachter befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Karriere und wollen sich noch weiter bewerben. Die Gremien, die Professorenstellen besetzen, bestehen aus einflussreichen Vertretern der Fachgesellschaften. Und es kann sein, dass, wenn sich jemand stark aus dem Fenster lehnt, nachher dann keine Chance mehr hat.

Noch ein Vorwurf: Sie legen zu strenge Kriterien an Studien an, bevorzugen Langzeitstudien. Wenn nun aber ein wirklich innovatives Medikament neu auf den Markt kommt, können ja naturgemäß noch keine Langezeitstudien vorliegen?

Wieso? Ein Präparat wird doch erst auf den Markt gebracht, wenn es an Patienten über Jahre hinweg getestet wurde. Es kommt darauf an, wo man den patientenrelevanten Endpunkt einer Therapie frühzeitig festsetzt. Außerdem fordern wir nicht immer Langzeitstudien, nur sagen wir, dass manchmal Langezeitstudien erforderlich sind für bestimmte Fragestellungen. Zum Beispiel bei den Insulinanaloga, die die Patienten ja jahrelang einnehmen: Wie diese Medikamente über mehr als 12 Monate wirken, wissen wir gar nicht? Wenn man nun keine Studien dazu gemacht hat, wäre die ehrliche Antwort: wir wissen es nicht. Und das sollte man den Patienten dann auch so sagen.

Sie fordern auch eine dementsprechende Kennzeichnung auf den Packungen...

Zum Beispiel. Zumindest muss man es in die Beschreibung mit hineinsetzen. Das müssen die Patienten doch wissen, dass es Wissenslücken gibt. Die Pharmaindustrie macht auch dann keine Langzeitstudien, selbst wenn Präparate schon lange auf dem Markt sind. Im Falle der Insulinanaloga war das ein Zeitraum von zehn Jahren, bei wichtigen Blutdrucksenkern sind es zwanzig Jahre.

Ab nächstem Jahr soll das IQWiG auch Kosten-Nutzen-Analysen für Medikamente vornehmen - zurzeit machen Sie das nur für nicht-medikamentöse Verfahren. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Eigentlich machen das alle vergleichbaren europäischen Institute. Andere Länder, zum Beispiel Großbritannien, verfolgen da einen ganz anderen Ansatz: Da wird gesagt, wie viel ein Lebensjahr maximal kosten darf, in England ca. 30.000 Pfund. In Deutschland wäre das undenkbar. Zudem ist es für einen jungen Menschen viel leichter und günstiger ein Jahr mehr Lebenszeit nachzuweisen, als für einen alten. Man würde also die Älteren dadurch benachteiligen. Wir müssen uns nun Methoden anschauen, die Angemessenheit eines Preises für einen Nutzen gerecht beurteilen.

Da stecken doch aber auch viele ethische Fragen dahinter. Kann das Ihr Institut überhaupt leisten?

Wir können nur die wissenschaftliche Vorbereitung dafür treffen. Aber in unserem Kuratorium sind viele wesentliche soziale Gruppen vertreten - Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Kirchen und natürlich ganz stark die Patienten. Die werden die moralisch-ethischen Fragen dabei erörtern. Wir müssen uns überlegen, wie viel wir als Solidargemeinschaft bereit sind zu zahlen für welchen medizinischen Nutzen.

Aber ist da nicht auch das Innovationsfeindliche? Nehmen wir mal das Beispiel Brustkrebs. Das neue Präparat Herceptin hilft einigen Patientinnen sehr gut, es ist aber sehr teuer. Und meist sind das alle neuen und wirklich innovativen Präparate. Mal angenommen, das IQWig belegt nun tatsächlich diesen Zusatznutzen von Herceptin. Könnte es nicht passieren, dass der GBA dann sagt: Ja, Herceptin ist innovativ und nützlicher als andere Krebsmedikamente, aber es ist zu teuer für die gesetzliche Krankenversicherung. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass das bei ganz vielen neuen, innovativen und zugleich teuren Präparaten so laufen könnte?

Es kommt darauf an, was die pharmazeutische Industrie produziert. Einen großen Zusatznutzen, zum Beispiel durch Produktion von neuen Antibiotika, die keine Resistenzen der Bakterien verursachen, könnte man preislich auch gut vertreten. Ich verspreche mir, dass die Forschung zukünftig wieder mehr in Richtung Nutzen geht. Für einen echten Nutzen kann man auch einen höheren Preis verlangen. Ich denke, dass der G-BA dem folgen würde.

Sie werden von der Solidargemeinschaft bezahlt, haben somit auch den Auftrag, mit Ihren Erkenntnissen die Solidargemeinschaft zu informieren. Bislang hat das IQWiG die Website www.gesundheitsinformation.de. Meinen Sie nicht, dass Sie noch viel direkter an die Patienten herantreten müssten?

Das kann das IQWiG momentan nicht leisten. Es gibt Patienteninformationszentren, z.B. der des DKFZ in Heidelberg, die hervorragend arbeiten und wo man sich speziell informieren kann - in diesem Falle zum Thema Krebs. Wir haben den Auftrag, allgemein zu informieren.

Warum geben Sie nicht eine eigene Zeitschrift heraus? Der Trend geht doch immer mehr zur Selbstvorsorge- und Information. Und überall wimmelt es von selbsternannten Experten. Woher soll der Patient wissen, dass die auch unabhängig sind? Wäre es nicht Ihre Verantwortung, mit dem Gütesiegel der Unabhängigkeit zu informieren?

Ja, absolut. Wir wollen die Patienteninformation auch ausbauen im Jahr 2007 - nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Sondern einfach zu sagen, wie es ist. Die Entscheidung liegt dann beim Patienten.

Ich war schon bei unserem Online-Angebot skeptisch, aber es wird gut angenommen - auch von den Ärzten. Für den Ausbau der Patienteninformation benötigen wir natürlich auch die entsprechenden Mittel. Wenn wir die bekommen, werden wir vielleicht auch mal eine Zeitschrift herausgeben.

Und planen Sie auch mehr Informationen für Ärzte? Werden Sie Weiterbildungen machen?

Das ist gesetzlich nicht vorgesehen. Wir machen einmal im Jahr, im Herbst, ein Symposium, wo wir aktuelle Themen beleuchten. Die ärztliche Fortbildung ist Aufgabe der Ärztekammern und die sollen das bitteschön auch nicht der Pharmaindustrie überlassen. Da kommt immer wieder der Einwand der hohen Kosten, dass die Professoren ja Tausende von Euros für Vorträge verlangten, was man ja irgendwie finanzieren muss. Vielleicht sollten sich die Professoren, die mithilfe von Steuergeldern auf ihre Positionen gekommen sind, einfach mal selbst fragen, ob sie nicht eine Verpflichtung ihrer Ärztekammer gegenüber haben, pro Jahr ein paar Vorträge zu halten - und zwar unentgeltlich. Professoren profitieren auch von der Allgemeinheit - die Unis werden auch aus Steuergeldern finanziert.

Sie haben auch gesagt, dass Sie sich unabhängige Pharmavertreter wünschen, die in die Praxen gehen und die Ärzte informieren.

Ja, aber auch das müssten die Ärztekammern machen, oder vielmehr die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV, d. Red.). Über neue Medikamente zu informieren und zu den Ärzten hinzugehen. Wirtschaftlicher wäre es aber vielleicht, wenn umgekehrt die Ärzte regional zu den KVen gingen. Auf jeden Fall kann man solche Veranstaltungen nicht zusammen mit Pharmafirmen und auch nicht mit Berufsverbänden machen. Pharmakonzerne sponsern solche Veranstaltungen natürlich nur, wenn sie sich auch einen Gewinn dadurch versprechen. Besser wäre es, einen Fonds für Fortbildungsveranstaltungen z.B. bei der Bundesärztekammer einzurichten, in den jede Pharmafirma freiwillig einzahlen kann - ohne Hintergedanken und ohne Forderungen. Nur glaube ich nicht, dass da irgendein Betrag eingehen wird...

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(