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Vorsicht, Verwechslungsgefahr!: Warum sich dieses Jahr besonders viele Menschen mit Pilzen vergiften

In diesem Jahr häufen sich die Pilzvergiftungen. Der Toxikologe Andreas Schaper nennt die Gründe für den Anstieg - und gibt Tipps, die es beim Sammeln zu beachten gilt.

Wüssten Sie auf Anhieb, wie man einen Wiesenchampignon von einem Knollenblätterpilz unterscheidet? Links im Bild ein Knollenblätterpilz und rechts ein Champignon.

Wüssten Sie auf Anhieb, wie man einen Wiesenchampignon von einem Knollenblätterpilz unterscheidet? Links im Bild ein Knollenblätterpilz und rechts ein Champignon.

In den Herbstmonaten mit feucht-warmem Wetter fühlen sich Pilze am wohlsten und sprießen in Scharen aus dem Erdreich. Das freut Sammler, die im Unterholz des Waldes nach Maronenröhrlingen, Steinpilzen und Champignons suchen. Doch auch Giftexperten haben in Herbstmonaten gut zu tun. Der Toxikologe Andreas Schaper leitet das Giftinformationszentrum-Nord (GIZ-Nord), das für Vergiftungsfälle in den Bundesländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zuständig ist. Beinahe tagtäglich werden er und sein Team momentan mit Pilzvergiftungen konfrontiert.

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Herr Schaper, immer wieder ist die Rede von Pilzvergiftungen, scheinbar häufen sich die Fälle dieses Jahr. Stimmt das?

Das kann ich bejahen. 2015 ist zwar kein Jahr Rekordjahr, was die Anzahl der Pilzvergiftungen betrifft, aber wir haben etliche Notrufe. Erst vor wenigen Tagen gab es Großalarm bei uns in der Giftnotrufzentrale, die Telefone standen nicht mehr still. Diesen Monat wurden uns allein aus dem norddeutschen Raum 150 Vergiftungsfälle gemeldet. Im Jahr 2012 waren es im gleichen Monat unter 50 Fälle, 2013 rund 100. Und es ist zu befürchten, dass die Zahlen weiter steigen.

Woran liegt das?

Bei uns gilt die Regel: Wenn es viele Pilze gibt, gibt es viele Pilzvergiftungen. Und dieses Jahr sprießen die Pilze reichlich, wohl auch bedingt durch das warme und feuchte Wetter. Hinzu kommt: Viele Pilzsammler kennen sich nicht gut aus, gehen in den Wald, sammeln viele Pilze - und essen sie ohne genaue Kenntnisse.

In Lüneburg hat eine siebenköpfige Familie Knollenblätterpilze gegessen und liegt seitdem im Krankenhaus. Ein syrischer Flüchtling starb, nachdem er ebenfalls von dem giftigen Pilz gegessen hatte. Wie erklären Sie sich diese Fälle?

Offenbar spielen hier mehrere Faktoren eine Rolle: In Teilen der arabischen Welt scheint es keine Giftpilze zu geben. Wenn Flüchtlinge aus diesen Regionen nach Deutschland kommen, ist ihnen nicht bewusst, dass hier sehr giftige Pilze wachsen. Der Knollenblätterpilz insbesondere verfügt über keine "Warnfunktion": Er schmeckt also weder bitter noch eklig. Zurzeit sind es tatsächlich viele Flüchtlinge, die mit Knollenblätterpilzvergiftung zu uns kommen - aber eben nicht nur. Einheimische beispielsweise verwechseln den Giftpilz meist mit essbaren Wiesenchampignons.

Wie lässt sich solchen gefährlichen Verwechslungen vorbeugen?

Ich finde die Idee der Medizinischen Hochschule Hannover gut: Die Mediziner dort haben vorgeschlagen, Plakate in verschiedene Sprachen übersetzen zu lassen und in Flüchtlingsunterkünften auszuhängen. So kann auf die Gefahr durch Pilze aufmerksam gemacht werden.

Gibt es Merkmale, anhand derer giftige Pilze leicht zu erkennen sind?

Nein, leider gibt es keine verlässlichen Merkmale. Einige Sammler denken, es sei in Ordnung, Pilze zu essen, an denen schon Rehe geknabbert haben. Aber das stimmt nicht, das ist ein reiner Trugschluss. Sammler sollten sich in keinem Fall an Fraßspuren orientieren.

Was raten sie Pilzsammelneulingen?

Es ist immer ratsam, vor dem ersten Sammeln an Kursen mit Pilzsachverständigen teilzunehmen. In der Regel sind das Experten der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM). Und: Bitte nicht auf eigene Faust losziehen, mit Wissen, das man sich aus einem Pilzbestimmungsbuch angeeignet hat.

Wie äußert sich eine Vergiftung?

Auf vielfältige Art und Weise: Einige Patienten entwickeln Magen-Darm-Probleme, andere berichten über Halluzinationen oder ein verändertes Schmerzempfinden. Generell sollte bei jeder Auffälligkeit nach einer Pilzmahlzeit der Giftnotruf kontaktiert oder ein Arzt aufgesucht werden. (Die Telefonnummern der Vergiftungszentralen finden Sie hier - Anm. d. Red.)

Gibt es Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung?

Versuchen Sie in keinem Fall zu erbrechen oder den Patienten zum Erbrechen zu bringen. Auf diese Weise kann Erbrochenes in die Lunge gelangen. Bitte in diesem Zusammenhang auch die Hände von Salzwasser lassen. Suchen Sie stattdessen einen Arzt oder ein Krankenhaus auf.

Ilona Kriesl
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