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Psychiater im Interview: Hilft Pokémon Go gegen Depressionen?

Pokémon Go hält fit und scheint auch einen positiven Einfluss auf die Psyche zu haben. Ein Psychiater erklärt, woran das liegen könnte – und wann das Spiel nicht mehr hilft.

Ein Spieler spielt Pokémon Go.

Raus aus dem Haus: Kann Pokémon Go die Stimmung bei leichter Depression aufhellen?

Seit wenigen Tagen ist Pokémon Go auch in Deutschland erhältlich – und hat seitdem einen riesigen Hype ausgelöst. Ob im Park, auf Schulhöfen oder Spielplätzen: Überall sind Menschen auf der Suche nach den kleinen knuffigen Wesen, fangen sie mittels App, trainieren sie im Anschluss und lassen sie gegeneinander antreten. Ziel des Spiels ist es, möglichst viele Pokémons zu sammeln – und so zu einem erfolgreichen Trainer aufzusteigen. Dafür muss man an die frische Luft gehen, sich mit anderen Menschen treffen, gemeinsam spielen und Kontakte knüpfen.

Dass Bewegung guttut, ist klar. Doch das Spiel scheint über diese Wege auch die Stimmung aufhellen zu können. Auf Twitter berichten zahlreiche Pokémon Go-Spieler darüber, wie sehr sich ihr Alltag durch die App verändert habe. Userin Neil Tyson schreibt etwa: "Ich habe mich seit Jahren nicht mehr so wohl beim Verlassen des Hauses gefühlt. Pokémon Go hilft mir mit meinen Angstzuständen und meiner Depression, was großartig ist." Und ein anderer User berichtet: "Pokémon Go hat mir aus dem Bett geholfen, hält mich in Bewegung und hilft mir dabei, neue Leute kennenzulernen. Danke, Nintendo/Niantic, für dieses tolle Anti-Depressions-Tool."

Kann ein simples Spiel wie Pokémon Go tatsächlich die Symptome einer Depression lindern? Der stern hat mit dem Experten Ulrich Hegerl über Möglichkeiten und Risiken der App gesprochen. Er ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und leitet die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig.

Herr Professor Hegerl, wie äußert sich eine Depression?

Eine Depression ist eine schwerwiegende Erkrankung, die praktisch jeden treffen kann. Betroffene sind über mindestens zwei Wochen permanent erschöpft, innerlich angespannt, wie vor einer Prüfung. Sie finden nur schwer in den Schlaf, sind bedrückt und können keine Freude mehr empfinden. Hinzu kommen meist Appetitstörungen und die Neigung zu Schuldgefühlen. Wer depressiv ist, lehnt Einflüsse von außen ab und will sich auch nicht mit Freunden treffen. Im Grunde wollen sich Betroffene einfach nur unter einer Decke verkriechen und ihre Ruhe haben. Eine Diagnose sollte aber ein Arzt stellen.

Auf Twitter schildern Depressive, Pokémon Go habe ihnen im Alltag geholfen und sie zum Rausgehen motiviert. Kann das Spiel bei einer Depression tatsächlich helfen?

Eine Depression lässt sich nicht mit einem Spiel wie Pokémon Go behandeln oder heilen. Ob und wie das Spiel im Einzelfall hilfreich sein könnte, hängt von der Schwere der Depression ab. Bei leichteren Formen der Erkrankung sehe ich Möglichkeiten. Hier kann das Spiel einen Anreiz liefern, ins Freie zu gehen und sich zu bewegen. Aus Studien wissen wir, dass Bewegung bei der Behandlung einer Depression unterstützend wirken kann. Sport und Bewegung können eine Therapie jedoch nicht ersetzen, lediglich ergänzen.

Wie sieht es bei schweren Depressionen aus?

Menschen mit einer schweren Depression haben vermutlich keine Freude am Spiel, sondern nehmen es wohl eher als zusätzliche Belastung wahr. Es macht daher auch keinen Sinn, sie zum Spielen zu ermuntern. Eine Depression hemmt die Motivation – bei schweren Formen ist sie praktisch nicht mehr vorhanden.

Was würden Sie Betroffenen raten?

An erster Stelle steht eine professionelle Behandlung, meist mit Antidepressiva, manchmal auch mit Psychotherapie oder einer Kombination aus beiden. Depressionen mögen eine schwerwiegende Erkrankung sein, sie sind aber gut zu behandeln. Soweit die Kräfte reichen, kann der Patient die Genesung unterstützen, indem er seine Hobbies wieder aufnimmt oder ein neues beginnt. Wer gern Pokémon Go spielt und sich damit wohlfühlt, kann auch das machen.

Eine Depression kann auch mit Angstzuständen einhergehen.

In der Depression sind Ängste allgegenwärtig. Angststörungen können aber auch ohne eine Depression auftreten, zum Beispiel in Form von Ängsten vor Menschenmengen, vor offenen Plätzen bis hin zu Ängsten alleine aus dem Haus zu gehen. Hier kann es sein, dass Pokémon Go bei dem einen oder anderen eine Motivationshilfe ist, das Haus zu verlassen. Vielleicht nimmt man auch eher mal den Bus, um zu einem besonderen Pokémon zu gelangen, obwohl man sich in öffentlichen Verkehrsmitteln sonst unwohl fühlt. Aber auch hier gilt: Das Spiel kann eine professionelle Behandlung – bei Angststörungen am besten in Form von Psychotherapie – nicht ersetzen.

Können von Pokémon Go auch Risiken ausgehen?

Eine Depression ist keine Befindlichkeitsstörung oder Reaktion auf schwierige Lebensumstände, sondern eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung. Es wäre eine fatale Botschaft, so zu tun, als könnte man sie mit einem simplen Spiel wie Pokémon Go behandlen.

Interview: Ilona Kriesl

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