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Pride Month Julia Shaw über Bisexualität: "Wir sind kaum sichtbar, obwohl wir die größte sexuelle Minderheit sind"

Autorin und Rechtspsychologin Dr. Julia Shaw
Autorin und Rechtspsychologin Dr. Julia Shaw hat vor wenigen Monaten ihr drittes Buch rausgebracht. In "Bi. Vielfältige Liebe entdecken" schreibt sie über wissenschaftliche Erkenntnisse über Bisexualität – und ihre eigene sexuelle Selbstfindung.
© Imago Images
Bisexualität ist im Vergleich zu anderen Formen der sexuellen Orientierung unterrepräsentiert. Psychologin Dr. Julia Shaw ist selbst bisexuell – und setzt sich für mehr Sichtbarkeit ein. Ein Gespräch über die Liebe zwischen veralteten Klischees und selbstgewählten Labels. 

Im Juni ist Pride Month. 30 Tage lang feiern wir weltweit die vielen Formen und Farben der Liebe. Sie setzen sich vor allem für mehr Sichtbarkeit von Bisexualität ein. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Dr. Julia Shaw: Sichtbarkeit ist so wichtig, weil bisexuelle Menschen meistens nicht out sind. Das heißt, sie sind im Vergleich zu schwulen und lesbischen Menschen auch eher allein mit ihrer Sexualität. Sie sind nicht unbedingt einsam, aber oft nicht wirklich Teil der queeren Community.

Und wie können wir das ändern?

Wir müssen auf jeden Fall mehr über Bisexualität sprechen. Wenn wir den Regenbogen schon benutzen, dann sollten wir auch über jede einzelne Farbe des Regenbogens sprechen – und da gehört Bisexualität auch dazu. Das passiert leider oft nicht. Und das merken bisexuelle Menschen natürlich. Wir fehlen in der sichtbaren queeren Welt, obwohl wir eigentlich die größte sexuelle Minderheit sind.

Was Bisexualität wirklich bedeutet

In Ihrem Buch "Bi. Vielfältige Liebe entdecken" schreiben Sie auch darüber, dass bisexuelle Menschen sich oft nirgends so richtig zugehörig fühlen und nicht als eigene sexuelle Minderheit wahrgenommen werden. Warum ist das so?

Bisexualität fühlt sich für viele oft so an, als sei das eben halb-schwul oder halb-lesbisch. Deshalb sieht man es im Zweifel nicht als eigene sexuelle Orientierung, sondern als etwas, das sich irgendwo zwischen heterosexuell und homosexuell bewegt. Wir denken: Wir wissen, was schwul und lesbisch ist, also wissen wir automatisch auch, was bisexuell ist. Aber das stimmt nicht.

Wie definieren Sie Bisexualität stattdessen?

Bisexualität ist für mich die sexuelle und/oder romantische Anziehung zu mehreren Geschlechtern.

Mittlerweile versehen wir alles mögliche mit einem Etikett, auch unsere Sexualität. Könnten wir nicht stattdessen einfach lieben, wen wir wollen, ohne das immer explizit thematisieren zu müssen?

Solange es nicht normal ist, dass Menschen frei lieben und leben können, müssen wir dafür immer noch kämpfen. Und um das zu tun, müssen wir sichtbar sein. Deshalb brauchen wir unbedingt ein Wort dafür, wie wir lieben. Und das macht Labels gerade leider noch sehr wichtig für uns.

Warum queere Menschen zum Feindbild werden

Leider sorgen die Labels auch manchmal dafür, dass queere Menschen Opfer von Anfeindungen oder sogar Gewalttaten werden. Warum sind schwule, lesbische, transsexuelle oder bisexuelle Menschen so ein Feindbild für manche?

Es gibt auf jeden Fall kulturelle und religiöse Zusammenhänge mit homofeindlichen Tendenzen. Auch in Regionen, in denen die Familie – ganz großgeschrieben – das oberste Gut ist, wollen die Menschen nur eine Konstellation sehen: Mann, Frau und Kind(er). Das ist natürlich ein sehr unromantisches Bild von Beziehungen. Denn auch homosexuelle und bisexuelle Menschen haben oft Kinder und können genauso gut eine Familie gründen, wie heterosexuelle Menschen.

Und das reicht als Grund für Anfeindungen aus?

Zu Anfeindungen kommt es denke ich vor allem dann, wenn sich Menschen durch die ihnen fremde Form der Liebe angegriffen fühlen. Entweder, weil ihr eigenes Heile-Welt-Bild dadurch ins Wanken gerät, oder weil sie in sich selbst vielleicht bisexuelle Tendenzen tragen, mit denen sie sich nicht auseinandersetzen wollen.

Sie vertreten ja ohnehin die These, dass sehr viele Menschen bisexuelle Tendenzen in sich tragen...

Das stimmt. Aber: Es gibt viele Menschen, die schonmal was mit dem gleichen Geschlecht hatten, sich aber trotzdem nicht als bisexuell identifizieren. Das wird dann oft als Phase abgestempelt. Hetero sein ist oft sicher, deshalb bleiben viele Menschen lieber dabei, statt sich als bisexuell zu identifizieren.

Waren Sie schon immer bisexuell, Dr. Julia Shaw ?

Sie haben sich trotzdem dafür entschieden, offen mit Ihrer Bisexualität umzugehen. Was hat sich durch das Outing geändert?

Ich habe mich mit 30 Jahren in meinem zweiten Buch geoutet. Danach auf Social Media und natürlich mit meinem Buch über Bisexualität. Und es kamen unendlich viele Menschen auf mich zu, die gesagt haben "Hey, uns geht es genauso". Ich habe also eine tolle Community dazugewonnen. Und ich wusste bis dahin gar nicht, dass mir das gefehlt hat. Aber es ist so schön, sich mit Menschen auszutauschen, denen es ähnlich geht wie einem selbst.

Wie haben Sie überhaupt rausgefunden, dass Sie bisexuell sind?

Ich wusste schon immer, dass ich nicht hetero bin. Woher, das weiß ich nicht. Ich wusste aber, ich liebe Menschen und die Idee von der klassischen Familienstruktur war für mich eher sehr abstrakt und unlogisch. Es gibt aber auch viele, die erst als Erwachsene merken, dass sie bisexuell sind.

Was raten Sie denn Menschen, die bisexuelle Tendenzen bei sich selbst vermuten, aber noch nicht sicher sind?

Wenn man das Etikett bisexuell benutzen möchte, dann soll man das tun. Man kann nur selbst wissen, welche Menschen man sexuell oder romantisch attraktiv findet. Experimentieren gehört dazu, sich selbst kennenzulernen und herauszufinden, was und wen man mag. Ich glaube, vor allem in der Pandemie haben sich ganz viele Menschen mit ihrer eigenen sexuellen Identität befasst. Und man kann bisexuell sein, ohne jemals was mit dem eigenen Geschlecht gehabt zu haben.

Würden Sie denn sagen, es gibt heutzutage mehr bisexuelle Menschen als früher?

Ich werde häufig gefragt, ob es heute mehr bisexuelle Menschen gibt oder einfach mehr dazu stehen, es zu sein. Die Antwort ist glaube ich ein bisschen von beidem. Wenn es mehr Menschen gibt, die offen mit ihrer Bisexualität umgehen, dann sehen das wiederum mehr Menschen, die sich dahingehend dann vielleicht selbst hinterfragen und feststellen: Hey, so geht es mir eigentlich auch.

Wie Social Media der queeren Community hilft

In der öffentlichen Wahrnehmung sind es überwiegend Frauen, die sich als bisexuell identifizieren. 

Genau, es gibt definitiv mehr bisexuelle Frauen als Männer, die out sind. Das liegt auch daran, dass das Bild einer bisexuellen Frau ein anderes ist, als das eines bisexuellen Mannes. Wenn bisexuelle Frauen daten, dann sagen die meisten Männer “cool“. Weil sie direkt denken, dass die Frau das nur macht, um ihn anzumachen. Bei Bi-Männern hingegen ist es vor allem das Klischee, dass sie in Wirklichkeit schwul sind.

Auf Social Media versuchen immer mehr Menschen, mit genau diesen Klischees zu brechen und über die vielfältigen Formen der Liebe aufzuklären. Macht das auch das Leben von bisexuellen Menschen einfacher?

Durch Social Media kann man sich viel einfacher outen, findet viel schneller Gleichgesinnte und sieht Vorbilder, an denen man sich orientieren kann. Ohne das Netz wüsste man oft nicht, wohin mit seiner Sexualität. Es gibt ja Regionen und Kulturen, in denen es für Queerness nicht so viel Verständnis gibt. Da hilft das Internet schon sehr.

Apropos Aufklärung: Können Sie erklären, wie unsere sexuelle Orientierung eigentlich entsteht?

Ich habe versucht, herauszufinden, wie genau unsere Sexualität entsteht. Ich konnte es nicht. Es gibt zu viele Aspekte, die Genetik, die Bildung, Erziehung und Erfahrungen – aber keiner weiß, wie genau das alles zusammenpasst, sodass am Ende eine sexuelle Orientierung dabei rauskommt. Es scheint am Ende eine individuelle Mischung aus vielen verschiedenen Faktoren zu sein.

Ist Monogamie noch zeitgemäß?

Also könnte sich die sexuelle Identität jedes einzelnen auch noch, sagen wir, im Alter von 70 Jahren ändern?

Klar, es gibt oft den Fall, dass Menschen erst im Erwachsenenalter sagen, sie sind bisexuell. Die sexuelle Orientierung ist nicht statisch, wir verändern uns ständig, und damit auch unsere Sexualität. Nur, weil wir heute hetero sind, heißt das nicht, dass das für immer so bleiben muss.

In Sachen Sexualität ist also nichts für immer gesetzt. Trifft das auch auf Monogamie zu?

Monogamie ist was Schönes für viele Menschen. Für mich ist wichtig, dass die Menschen darüber nachdenken, warum sie Beziehungsstrukturen eingehen. Ich glaube, viele Menschen denken durch unsere Sozialisierung, dass Monogamie die einzige Option für eine Liebesbeziehung ist – egal, ob sie damit glücklich sind oder nicht. Wenn man sich aber anschaut, wie viele Menschen fremdgehen, dann wären bestimmt viele Leute glücklicher, wenn sie offener über ihre Bedürfnisse sprechen könnten.

Lassen Sie uns zum Schluss in die Zukunft schauen: Wie lieben wir in zehn Jahren in einer idealen Welt?

Immer mehr Menschen unter 25 Jahren identifizieren sich schon jetzt als bisexuell. Und wenn sie das Etikett nicht nutzen, sagen viele trotzdem, dass sie nicht hundert Prozent hetero oder homosexuell sind. Ich glaube, das wird sich noch ausweiten. Weil wir immer offener diesbezüglich werden und queer sein immer normaler wird. 

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