Ratgeber Sex? Sprechen Sie darüber!


Dr. Stefan Zettl, Psychoonkologe an der Universität Heidelberg, über den Umgang mit Lust und Liebe nach der Brustkrebs-OP.

Welche sexuellen Probleme haben Frauen mit Brustkrebs?
Eine Amputation stellt einen gravierenden Eingriff ins Erleben ihres Körpers dar. Aber auch Frauen, die brusterhaltend operiert wurden, können Narben als entstellend und hässlich empfinden. Durch Verletzungen von Nerven bei dem Eingriff können Berührungen als unangenehm erlebt werden. Die Hormontherapie führt zu Wechseljahresbeschwerden. Dabei tritt häufig das Problem der trockenen Scheide auf, mit der der sexuelle Verkehr von Schmerzen begleitet sein kann. Dazu kommt das Chronic-Fatigue-Syndrom: Über Monate fühlen sich viele Frauen schlapp und ausgelaugt, was auch die Sexualität in Mitleidenschaft zieht. Ebenso beeinträchtigen krankheitsbezogene Ängste und depressive Verstimmungen das sexuelle Verlangen.

Das bedeutet: Auch der Partner hat bald sexuelle Probleme?


Ja. Zum einen ist für den Mann die weibliche Brust ein Objekt seiner Lust. Ist sie operiert oder amputiert, kann das auch ihn in seinen sexuellen Empfindungen beeinträchtigen. Selbst wenn er seine Partnerin zu beschwichtigen versucht, verbergen kann er seine wahren Gedanken kaum: Ein Hin- oder Weggucken im falschen Moment wird ihn entlarven.

Wie sollte sich der Partner verhalten?


Er sollte tun, was Männern oft schwer fällt: Gefühle zeigen und darüber reden. Und seiner Frau das Gefühl geben: "Ich bin da." Viele Männer reagieren leider mit Aktivismus: "Ich organisiere jetzt alles, dann muss ich nichts spüren." Ein weiteres Problem: Krebs ändert die Kommunikation in der Familie: Jeder versucht, den anderen zu entlasten; jeder meint zu wissen, was der andere denkt. Damit sind Missverständnisse vorprogrammiert.

Kommunikation ist ja gut. Was aber, wenn er Sex und sie immer nur kuscheln will?


Das ist natürlich ein Konflikt. Ich empfehle den Frauen, auf ihre innere Stimme zu hören. Und wenn die sagt: kuscheln, dann sollte sie beim Kuscheln bleiben.

Was sind typische Fehler der Frauen?


Viele versuchen, zu "funktionieren", statt auf ihre Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Oft trauen sie sich nicht einmal, das Thema Krebs und Sexualität anzusprechen.

Welche Hilfen bietet die Medizin den Frauen, um wieder mehr Spaß am Sex zu finden?


Viele - von externen Brustprothesen über operative Brustrekonstruktionen, Narbenkorrekturen und spezielle Schminktechniken, Gleitgele und Medikamente gegen das Chronic-Fatigue-Syndrom. Ärzte mit einer Weiterbildung zur Psychotherapie/Psychoonkologie unterstützen die betroffenen Frauen.

Kann auch Sex bei der Bewältigung von Brustkrebs helfen?


Wurde die Sexualität vor der Krankheit als etwas Schönes erlebt, kann sie auch dann heilsam wirken.

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