HOME

Medizin: Brustkrebs - und trotzdem Frau

Die erste Sorge nach der Diagnose ist das Überleben. Und dann? Wie lernt eine Amputierte, ihren Körper zu lieben? Wie funktioniert Erotik? Fünf Frauen reden über ihr Leben nach der Operation.

Von Beate Flemming

Gerade hat Ute Bankamp ihren 32. Geburtstag gefeiert und mit ihrem Mann beschlossen, dass nun Zeit wäre für Kind Nummer eins; die Periode ist überfällig, und ganz heimlich macht sie sich schon Hoffnungen. Da entdeckt sie, dass ihre linke Brust größer ist als die rechte. Einen Knoten tastet sie nicht. Vorsichtshalber unterzieht sich die Ärztin einer Mammografie. Auf den Röntgenbildern sind winzige Kalksprengsel zu sehen. Der Kollege rät zur Gewebeuntersuchung.

Kaum aus der Narkose aufgewacht, greift Ute Bankamp unter ihr Kopfkissen nach dem OP-Bericht: "Da stand nichts Schlimmes drin." Einen Tag später betritt ihre Kollegin mit dem Befund der Gewebeuntersuchung Ute Bankamps Krankenzimmer. Allein der Blick der Freundin haut ihr "den Boden unter den Füßen weg".

"Inflammatorisches Mamma-Karzinom" lautet die Diagnose. "Eine der aggressivsten Arten von Brustkrebs. Wächst schnell und metastasiert früh. Die Überlebenszeit ab Diagnose betrug bisher im Schnitt zwei Jahre", sagt Bankamp.

Er gilt als eine der heimtückischsten Krebsarten

Brustkrebs ist die häufigste Todesursache bei Frauen im Alter zwischen 35 und 50, die häufigste Krebsart bei Frauen überhaupt. Rund 47 000 Frauen erkranken jährlich, knapp 18 000 sterben jährlich an seinen Folgen. Er gilt als eine der heimtückischsten Krebsarten. Bei jeder dritten Frau mit Brustkrebs sind schon im frühen Stadium Tumorzellen ins Knochenmark gewandert. Noch nach 20 Jahren können Metastasen auftreten.

Keine Frau darf sich sicher vor ihm fühlen. Zwar spielen genetische Veranlagung und ungesunde Lebensweisen teilweise eine Rolle. Zwar steigt das Risiko, je früher eine Frau menstruiert, je später eine Frau Kinder bekommt und je älter sie wird. Aber der Krebs kann auch junge, genetisch unbelastete Nichtraucherinnen treffen, die mit 28 schon drei Kinder gestillt haben. Bis der Tumor von Hand getastet werden kann, hat er sich mitunter schon über Jahre entwickelt.

Mit ihrem Mann, ebenfalls Arzt, schaut sich Ute Bankamp die Krebszellen unterm Mikroskop an. Sie erkennt: "Es geht ums nackte Überleben." Sie weint. tage-, abendelang. Die Ärztin in ihr aber nimmt sofort den Kampf auf. Sie recherchiert, und ihre Kollegen kontaktieren Spezialisten auf der Suche nach der besten Therapie. Und sie handelt: Chemo-therapie, Entfernung der linken Brust, sowie der Achsellymphknoten, erneut Chemotherapie und Bestrahlung.

Der Körper ist geschunden

Ute Bankamp verliert ihr Kopfhaar, die Augenbrauen und Wimpern, die Achselhaare, die Schamhaare, bis sie völlig nackt ist. Der Körper ist geschunden, angemalt für die Bestrahlungen, aufgeschwemmt durch das Kortison. Sie versucht, da hin zu fassen, wo vorher ihre Brust war. Sie schafft es nicht. Die eine Hand muss die andere am Handgelenk packen und zu der Stelle über ihrem Herzen führen. Wie soll sie sich noch attraktiv fühlen? Panikattacken überfallen Ute Bankamp: "Hoffentlich verlässt mein Mann mich nicht."

Weil die Östrogene in ihrem Körper eventuell noch verbliebene Krebsherde wieder anfachen könnten, wird Ute Bankamp medikamentös in die Wechseljahre versetzt, mit allen Nebenwirkungen: Depressionen, Hitzewallungen, mangelnde Libido, trockene Schleimhäute, die Schmerzen machen beim Sex. Ihr Mann soll sie in den Armen halten. Mit ihm schlafen will sie meistens nicht. Sie ist frustriert, weil sie ihn so häufig zurückweist. Er, weil nichts passiert. So ging das die vergangenen vier Jahre.

Jetzt aber hat ihr Mann einen Kombi gekauft, "für die geplanten Kinder". Denn jetzt hat Ute Bankamp, 36, die Anti-Östrogen-Therapie abgeschlossen, und genauso wenig wie ihren Mann hat sie ihr Kinderwunsch verlassen. Sie schließt ihre Facharztausbildung ab.

"Meine Ehe ist tiefgründiger geworden"

"Ich habe keine Angst mehr vorm Tod", sagt Bankamp, und manchmal denkt sie darüber nach "wie viel Positives mir der Krebs gegeben hat: Er hat mich reifen lassen, ich bin gelassener und selbstbewusster, ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen, ich habe wunderbare Frauen kennen gelernt, und meine Ehe ist tiefgründiger geworden". Vielleicht das Wichtigste: "Ich habe versucht, mein Leben zu ändern."

Schluss mit der Wochenendehe, Schluss mit der ständigen Müdigkeit durch 24-Stunden-Dienste. Vor drei Jahren zog sie zu ihrem Mann nach Frankfurt, "ohne Haare, ohne Freunde, ohne Job". Jetzt lebt sie gut mit ihrer Haftprothese, engagiert sich für den Verein Komen in Sachen Brustkrebs und überlegt nicht dreimal, ob sie den teuren Pulli kaufen soll. Sondern kauft ihn gleich.

Brustkrebs "stigmatisiert", schreibt die Ärztin und Psychotherapeutin Cora Creutzfeldt-Glees. Er wird zur Metapher des Todes und vor allem zur Metapher der Verstümmelung. Von klein auf vermittelt die Gesellschaft den Mädchen, dass Brüste einen wesentlichen Teil der weiblichen Attraktivität ausmachen. Als Frauen genießen sie ihre erotische Macht, Blicke und Bestätigung der Männer, die Intimität, die ihr Säugling mit ihnen beim Stillen teilt.

Mit der Brust verschwindet oft auch der Partner

"Nichts bereitet Frauen auf den Schrecken des Verlusts ihrer Brust vor", schreibt Creutzfeldt-Glees. Selbstverständlich opfern die Betroffenen die Brust, Hauptsache, leben. Aber wie sie lieben und leben können als verstümmelte Frau, mit dieser Frage sind die Frauen in unserer Gesellschaft weitgehend allein. War die Beziehung vor der Diagnose nicht einfach, verschwindet mit der Brust oft auch noch der Partner. Einen neuen zu finden, und vor allem zu halten, sobald er den BH geöffnet hat, gestaltet sich als äußerst schwierig, wie zahlreiche Betroffene berichten.

Aber auch eine glückliche Ehe wird durch Brustkrebs hart auf die Probe gestellt. Sechs Monate gaben die Ärzte Annette Rexrodt von Fircks. Ihrem Mann empfahlen sie diskret, sich nach einer neuen Mutter für ihre drei kleinen Kinder umzuschauen. Das war vor acht Jahren. Ein Satz, sagt die 44-Jährige, habe sie so weit getragen: "Entscheiden Sie sich für das Leben." Gesagt hat ihn damals ihre Therapeutin, als sie von der Diagnose erfuhr. Der Tumor war so groß wie ein Hühnerei. Die Lymphknoten befallen, auf den Röntgenbildern verdächtige Herde in den Hüftknochen.

Als ihr während der Chemotherapie die Haare ausfallen, lässt sie sich von ihrem Mann eine Glatze rasieren. Er macht sich auch gleich eine, aus Solidarität. Ganz nackt, ganz ohne Brüste, stellt sich Annette Rexrodt von Fircks vor den Spiegel und sieht, "wie ich wirklich bin". Zum Vorschein kommt eine "unglaubliche Traurigkeit". Aber auch eine "innere Schönheit. Bin ich nur weiblich, wenn Männer mir auf Brust und Po gucken? Und wenn andere Frauen nicht gucken?", fragt sie, und beschließt, dass es keinen Grund gibt, sich unter einer Perücke zu verstecken.

Brustaufbau ist eine langwierige Prozedur

Das hart errungene Selbstbewusstsein verfehlt nicht seine Wirkung. "Du warst so sexy mit Glatze", schwärmt ihr Mann noch heute. Wie mit der Perücke ging es ihr auch mit dem Thema Brustaufbau. Eine langwierige Prozedur, bei der erst die Haut mit Expandern gedehnt wird, bevor ein Implantat gemacht wird. Die Brüste können zu chirurgischen Kunstwerken geraten, im besten Fall fühlt ihre Trägerin nichts, wenn sie an ihnen berührt wird, denn bei der Amputation werden oft auch Nervenstränge gekappt.

"Mache ich das für meinen Mann? Oder für mich?", fragte Annette Rexrodt von Fircks ihren Spiegel. Und ihren Mann. Der konnte sich nicht vorstellen, Brüste zu streicheln, die nichts fühlten, und so entschied sie sich dagegen. Nicht einmal an den Narben durfte er sie an-fassen, denn das verursachte einen Schmerz, der sich bis in den Rücken zog. Unter diesen Umständen Lust auf Sex zu entwickeln verlangt Mut. Aber sie verabredet sich ungefähr wöchentlich mit ihrem Mann, eine Packung Scheiden-Gel liegt auf dem Nachttisch bereit, und "der Appetit kommt beim Essen", schwärmt sie hinterher.

Nur ein einziges Mal hat sich Annette Rexrodt von Fircks nach neuen Brüsten gesehnt: Das war, als sie mit ihren Kindern auf einem holländischen Campingplatz im Swimmingpool umhertobte und nicht nur ihre Kontaktlinsen verrutscht waren, sondern auch ihr Badeanzug. Sie sah die Leute nicht, aber "plötzlich herrschte Totenstille am Pool". Das war das letzte Mal, dass sie über einen Brustaufbau nachgedacht hat. Meint mal eine Mutter am Strand: "Wie können Sie sich hier nur umziehen und meinen Kindern diesen Anblick zumuten?", dann schießt Annette Rexrodt von Fircks zurück: "Gehen Sie zur Früherkennung" - und genießt das darauf folgende Schweigen.

"Bei Krebs gibt es keine Kompromisse"

"Bei Krebs gibt es keine Kompromisse", sagt Manuela Haake-Theegarten. Vor den Operationen sagte sie ihrem Freund: "Hast du die Kraft, das mit mir durchzustehen, dann zieh's durch. Wenn nicht: verabschiede dich jetzt. Aber verlass mich nicht auf halber Strecke. Ich bin ab sofort nur noch für mich da." Thomas Haake, inzwischen mit ihr verheiratet, entschied sich für seine Liebe und war bei jedem Verbandswechsel anwesend.

Auf Sex wollte die 50-Jährige die ganze Zeit hindurch nicht verzichten. Sie findet ihn durchaus interessanter, weil sie durch die Chemotherapie zu einer ganz anderen geworden ist: "Plötzlich allergisch gegen Avocados, die Haut viel heller, die Haare dunkler." Sie hat sich verändert, und Sex ist auch ein Mittel, ihren Mann auf ihre Seite zu ziehen, damit er sich mit ihr verändert. "Außerdem ist es doch ein schönes Gefühl, zu wissen: "Aha, krieg ich doch noch einen Orgasmus."" Angst - natürlich hat sie die, ihr Rezept dagegen lautet: Offenheit. "Der Krebs ist nämlich so 'n heimlicher. Schleicht sich rein und macht sich breit. Nicht mit mir. Mein Vertrag lautet: Leben!"

GesundLeben
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity

Ich bin Freiberufler und werde diskreditiert!
Ich habe als Freiberufler für eine Firma gearbeitet wo bis zur letzten Minute alles super in Ordnung war. Der nächste Auftrag stand für einen Sonntag und der wurde mir ohne Begründung entzogen ohne Angaben von Gründe und das zwölf Stunden vor Antritt. Nun gut Gespräch mit der Leitung hat ergeben das eine leitende Person ein Statement abgeben hat über die Verkaufs Menge bzw Umsatz. Damit muss ich leben an diesem Tag war nicht los. Habe mich dann bei einer anderen Promotion Agentur beworben und heute ein Gespräch gehabt mit Vorführung meiner Kenntnisse. Bei dieser Präsentation wurde die mir zur Seite gestellte BC während dem Gespräch informiert von Mitarbeitern der anderen Agentur das ich nicht zu gebrauchen wäre und sogar sehr unfreundlich meinen Job verrichten. Aus diesem Grund bin ich dann nicht genommen worden. Als ich Zuhause war habe ich die alte Agentur zur Rede gestellt was das für eine Vorgehensweise wäre dort wurde ich von der Leitung mehr oder weniger kalt gestellt mit den Worten das wäre in der Branche normal man könnte nicht dulden mich dort im Store arbeiten zu lassen das wäre nicht gut für die eigene Mannschaft. Also folgender Problem ergibt sich nun. Da ich in Düsseldorf zuhause bin und dort auch meine Tätigkeit ausübe werde ich in allen Stores nun keine Aufträge mehr erhalten wenn es dieser Agentur gestattet ist ohne ein klärendes Gespräch meinen Ruf zu beschädigen. Bitte um Hilfe da meine LebensGrundlage mir gerade dadurch entzogen wird. Ich glaube es hat etwas damit zutun das ich homosexuelle bin und einer Dame das nicht passt.