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Wasserpfeifen: Fruchtig-milde Krankmacher

In immer mehr deutschen Cafés und Bars werden Wasserpfeifen geraucht. Sie blubbern leise, riechen exotisch, sind hübsch bemalt - doch harmlos sind sie nicht. Forscher warnen vor Lungenkrebs, Herpes und Tuberkulose.

Von Heike Sonnberger

Süßliche Rauchschwaden ziehen an den orientalischen Lampen vorbei. Sie wabern über die Kissen des Hamburger Cafés "1001 Nacht". Leise blubbert die Wasserpfeife, als Andrea aus dem langen Schlauch Rauch inhaliert und sich dann wieder über das Backgammon-Spiel beugt. Der nächste Zug auf dem Spielbrett, ein Schluck Pfefferminztee, der nächste Zug an der Pfeife.

Das Café ist sogar an einem Dienstagabend voll - und neben fast jedem Tisch steht eine Wasserpfeife. Auf den bunt bemalten Wasserbehältern steckt eine metallene Rauchsäule, an der ein Schlauch mit Mundstück hängt. Der Tabak liegt in einem Kopf aus Porzellan auf der Säule. Darüber ist etwas Alufolie gespannt, auf der Kohlestückchen vor sich hinglühen.

"Wasserpfeifen im Moment schick"

Shisha, Hookha, Goza, Narghile, Hubble-Bubble - die Namen für die Wasserpfeife sind so vielfältig wie ihre Verbreitungsgebiete. Seit 400 Jahren wird sie in Afrika, Asien und einigen mediterranen Ländern geraucht. Um 1600 soll ein türkischer Geschäftsmann die Pfeife entwickelt haben - so zumindest geht die Legende. In Studien wird geschätzt, dass heute täglich rund 100 Millionen Menschen an den schlangenartigen Schläuchen ziehen, vor allem in Ägypten und Indien.

Auch in Deutschland steigt die Zahl der Wasserpfeifenraucher. Die Internetseite Shisha-Guide listet landesweit 189 Cafés und 86 Geschäfte, die Wasserpfeifen anbieten. Das sind bereits acht mehr als Ende September. "Wasserpfeifen sind im Moment schick", sagt Barbara Bertram vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Der Rauch sei leichter zu inhalieren als der von Zigaretten, kühler und weniger kratzig. Außerdem habe das Rauchen ein ganz besonderes Flair, meint auch Thomas Schulz vom Bundesinstitut für Risikobewertung.

Nicht so harmlos, wie sie riecht

Populär wurde die Wasserpfeife in Deutschland mit dem Vormarsch der Aromastoffe in den Neunzigern. Der starke traditionelle Tabak wird hier kaum geraucht; Tabakkreationen wie Apfel, Melone, Kirsche, Honig oder Rose hingegen machen das Rauchen für junge Leute auf der ganzen Welt attraktiv - auch für Nichtraucher wie Andrea, der Apfeltabak viel besser schmeckt als Zigaretten.

Forscher warnen jedoch: So harmlos, wie sie aussieht und riecht, sei die Wasserpfeife keinesfalls. Zwar glauben viele Pfeifenfans, das Wasser, durch das der Rauch geleitet wird, filtere die meisten Schadstoffe heraus. "Das Wasser hat aber nur einen geringen Filtereffekt", sagt der Toxikologe Schulz.

Eine zweite Information, die gerne von Pfeifenverkäufern verbreitet wird: Wasserpfeifentabak enthalte null Prozent Teer. Das ist nicht falsch, aber irreführend - denn Teer entsteht wie andere Krebs erregende Substanzen stets erst bei der Verbrennung. Nach Aussagen des Deutschen Krebsforschungszentrums sind das bei der Wasserpfeife pro zehn Gramm Tabakmischung rund 240 Milligramm, bei der Zigarette für eine vergleichbare Menge Tabak zwischen fünf und 350 Milligramm.

Kühler, aber nicht gesünder

Der Rauch der Wasserpfeife ist erheblich kühler als der einer Zigarette. Der Tabak der Wasserpfeife wird laut Schulz auf nur 120 Grad erhitzt, während Zigarettentabak rund 800 Grad erreicht. Wasserpfeifentabak wird also eher verschwelt als verbrannt, zumal die glühende Kohle nicht direkt auf dem Tabak liegt.

Das macht den Wasserpfeifenrauch aber nicht unbedingt gesünder: Grundsätzlich seien die Substanzen im Rauch von Wasserpfeifen und Zigaretten die gleichen, schreibt Barbara Bertram in einer Risikobewertung für das WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle. Die Werte von Leicht- und Schwermetallen wie Beryllium, Chrom, Kobalt, Blei und Nickel im Wasserpfeifenrauch lägen bei Wasserpfeifen teilweise sogar bedeutend höher als bei Zigarettenrauch.

Mangel an Daten und Informationen

Die Daten lassen sich allerdings schwer vergleichen. Das liegt vor allem am Rauchverhalten: Während ein Wasserpfeifenkopf mit fünf bis zehn Gramm Tabakmischung in der Regel eine Stunde lang geraucht wird, paffen manche Zigarettenraucher 20 Zigaretten am Tag. Schon allein wegen des enormen Zeitaufwandes ist ein vergleichbar exzessiver Wasserpfeifenkonsum schwer vorstellbar.

Andererseits ist das Rauchen einer einzelnen Wasserpfeife intensiver als das einer Zigarette. Der Rauch der Wasserpfeife muss tief inhaliert werden, um ihn durch die Rauchsäule, den Wasserbehälter und den Schlauch zu ziehen - Paffen reicht nicht aus. Und so atmet ein Wasserpfeifenraucher pro Zug einen halben bis einen Liter Rauch ein. Zum Vergleich: Ein Zug an der Zigarette befördert 35 Milliliter Rauch in die Lunge.

Jeder zweite Befragte hielt sich für süchtig

Vor allem machen es die vielen Tabaksorten und die uneinheitlichen Testmethoden schwer zu sagen, wie schädlich die Wasserpfeife wirklich ist. Das größte Problem aber ist der Mangel an Daten und Informationen. "Wir haben bisher nur ein fragmentarisches Wissen", räumt Schulz ein.

Deutsche Studien gibt es bisher nicht, die Erkenntnisse stammen vorwiegend aus Syrien, Ägypten und dem Libanon. Immerhin haben syrische Forscher bereits herausgefunden, dass sich fast die Hälfte der täglichen Wasserpfeifenraucher, die für die Studie befragt wurden, selbst als "süchtig" bezeichnet.

Ein weiteres Gesundheitsrisiko: Eine Wasserpfeife wird meist von mehreren Rauchern geteilt. Das kann zur Ansteckung mit Krankheiten wie Herpes, Hepatitis oder Tuberkulose führen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt deshalb unbedingt Einmalmundstücke, die in den meisten Cafés bereits angeboten werden. Zudem bestünde die Gefahr, dass Nichtraucher über die Wasserpfeife an Zigaretten herangeführt würden, die handlicher und überall verfügbar seien, sagt Bertram.

Untersuchungen dringend nötig

Die Forscher sind sich einig, dass Untersuchungen zu Schadstoffgehalt und Abhängigkeitspotenzial dringend vorangetrieben werden müssen. Über die Auswirkungen der Aromen und Sirupe zum Beispiel, die dem Tabak beigemischt werden, ist bis jetzt kaum etwas bekannt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung bringt deshalb erstmals eine Reihe eigener Experimente auf den Weg. Mit Hilfe einer Wasserpfeife mit einem vorgeschalteten Filter und zehn freiwilligen Testrauchern will man eigene Erkenntnisse zur Schädlichkeit der Wasserpfeife gewinnen. 26.000 Euro stehen dazu bereit. Ergebnisse werden im kommenden Frühjahr erwartet.

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