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Schmerzhafter Trend: Knochen brechen für die Schönheit

Im russischen Kurgan lassen sich junge Frauen die Beine brechen und verlängern. Ein erschreckender Trend, denn das in Russland angewendete Verfahren ist nicht nur schmerzhaft und langwierig, sondern auch gefährlich, wie ein deutscher Spezialist bestätigt.

Von Nina Bublitz

Lange Beine gelten als sexy. Erst vor kurzem ermittelten polnische Wissenschaftler, dass Menschen mit überdurchschnittlich langen Beinen attraktiver eingestuft werden als Menschen mit kürzeren Beinen. Mehr Chancen in der Liebe und im Beruf, das erhoffen sich wohl auch junge Russinnen, die sich in der sibirischen Stadt Kurgan die Unterschenkel erst brechen und dann verlängern lassen. Mit bis zu 15 Zentimeter mehr Beinlänge gehen die Frauen danach durchs Leben. "Beine aus Kurgan", berichtet die Deutsche Presse-Agentur, sind in Russland zum festen Begriff geworden. Auch in China und Japan soll sich die Methode zunehmender Beliebtheit erfreuen.

Als der Orthopäde Gavril Ilizarov die Methode entwickelte, mit der sich Beinknochen dehnen und die Gliedmaßen verlängern lassen, dachte er sicher nicht an Schönheitsoperationen. Ilisarow behandelte Mitte des vergangenen Jahrhunderts vor allem Kriegsverletzte und Menschen mit Geburtsfehlern - verkrümmten oder unterschiedlich langen Beinen. Der menschliche Knochen, das wusste Ilizarov, schließt einen Spalt, indem er in diesen hinein nachwächst. Wird etwa der Unterschenkel gebrochen und der dabei entstehende Spalt kontinuierlich vergrößert, verlängert sich der Knochen dementsprechend. Um den Knochen zu dehnen, entwickelte Ilizarov den Ringfixateur - eine Metall-Konstruktion, die für die Behandlungsdauer fest um das Bein montiert wird. Drähte und Schrauben ragen in den Körper hinein, durch das Drehen der Schrauben wird der Knochenspalt immer wieder vergrößert. Die Behandlung bringt also offene Wunden mit sich - samt starken Schmerzen durch die Wunden sowie dem Risiko, schwere Entzündungen zu bekommen. Und das Strecken dauert monatelang.

Komplikationen bis hin zum Rollstuhl

"Ilizarov hat mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Großes vollbracht", sagt Professor Rainer Baumgart vom Zentrum für korrigierende und rekonstruktive Extremitätenchirurgie in München. Er warnt jedoch vor den möglichen Risiken des Eingriffs: "Wenn ein Chirurg kein Spezialist für diese Methode ist oder billige Instrumente verwendet werden, drohen schwere Komplikationen bis hin zum Rollstuhl."

In Kurgan werden Patienten noch immer mit dem Ringfixateur behandelt. Eine Technik, die Baumgart nicht anwendet. "Die modernste Methode zur Beinverlängerung wurde in Deutschland entwickelt", erklärt er: "Wir verwenden einen Distraktionsmarknagel der komplett implantiert wird. Man sendet dreimal am Tag einen Impuls an den Nagel, so wird der Knochen kontinuierlich gedehnt." Der vom Ringfixateur verursachte Wundschmerz fällt dadurch weg. Und weil keine offenen Wunden bleiben, ist das Infektionsrisiko minimiert. Auch das kosmetische Ergebnis sei deutlich vorteilhafter, sagt Baumgart. Weil bei der Anwendung des Marknagels kaum Narben zurückbleiben.

Schmerzfrei ist die Prozedur - auch ohne Ringfixateur - nicht: Die Gelenke stehen unter Druck, Patienten können während der Dehnungsphase die Beine nicht komplett belasten und müssen Gehstöcke benutzen. "Regelmäßige Krankengymnastik ist Pflicht, damit das Bein nicht an Beweglichkeit verliert", sagt Baumgart. Geduld brauchen die Patienten auch: Der Knochen kann pro Tag um einen Millimeter gedehnt werden, zusätzlich braucht er Zeit, um sich wieder zu festigen. Wenn ein Knochen um fünf Zentimeter verlängert werden soll, nimmt das etwa 150 bis 200 Tage in Anspruch. Mit dem Marknagel lassen sich Ober- und Unterschenkel verlängern. In Kurgan werden nur die Unterschenkel gedehnt - weil es kaum möglich ist, die dort verwendete Metallkonstruktion monatelang an den Oberschenkeln zu tragen.

Kosten: weit über 100.000 Euro

Im Münchner Zentrum, das sich ganz auf Beinverlängerungen spezialisiert hat, werden laut Baumgart pro Jahr 100 Operationen durchgeführt. "Viele Patienten haben eine Beinfehlstellung, die durch einen Unfall entstanden ist. Oder ein Bein ist kürzer gewachsen als das andere. Nur etwa fünf bis Prozent sind kleinwüchsig - oder fühlen sich zu klein. Die wenigsten Patienten lassen sich aus rein kosmetischen Gründen operieren." Dabei spielen die Kosten sicher eine Rolle. Die werden bei Schönheitsoperationen nicht von den Krankenkassen übernommen - und das Verfahren mit dem Marknagel ist extrem kostspielig, da allein die Implantate pro Stück mit 12.000 Euro zu Buche schlagen. "Eine beidseitige Beinverlängerung kostet - je nach Ausmaß der Verlängerung - weit über 100.000 Euro", sagt Baumgart

Und was hält er von 15 Zentimeter längeren Unterschenkeln? "Es gibt keine kritische Grenze. Solange der Knochen gedehnt wird, wächst er nach. Allerdings beansprucht dies das umliegende Gewebe und nimmt viel Zeit in Anspruch. Die Frage ist auch, ob die Proportionen noch schön wirken, wenn zum Beispiel nur die Unterschenkel um 15 Zentimeter verlängert würden." Das Ergebnis der "New Scientist" veröffentlichten Studie spricht jedenfalls dagegen: Während Menschen, deren Beinlänge fünf Prozent über dem Durchschnitt lag, am attraktivsten eingeschätzt wurden, galten zehn Prozent längere Beine "nur" als genauso anziehend wie durchschnittliche. Um 15 Prozent längere Beine wurden dagegen deutlich unter dem Durchschnitt eingestuft.

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