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Schweinegrippe: Antworten auf die neuesten Leser-Fragen

Meldungen zu Todesfällen nach der Impfung gegen die Schweinegrippe verunsichern viele. Wie erprobt ist der Impfstoff "Pandemrix"? stern.de hat sich um Ihre Fragen gekümmert.

Von Lea Wolz

Immer neue Nachrichten von Todesfällen nach der Schweinegrippe-Impfung verunsichern viele. Ein Zusammenhang mit dem Impfstoff "Pandemrix" ist allerdings noch nicht bewiesen, Ärzte warnen vor Panikmache und raten weiterhin vor allem Risikogruppen, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen.

Unterdessen steigt die Zahl der Schweinegrippe-Infektionen weiter rasant an, fast 15.000 Menschen haben sich in der vergangenen Woche mit dem Schweinegrippe-Virus angesteckt - doppelt so viele wie in der Vorwoche. 21 Todesfälle infolge von H1N1 meldet das Robert-Koch-Institut. Viele Fragen zu dem Thema haben uns erreicht. Die interessantesten haben wir gesammelt und für Sie bei Experten nachgehakt. Nutzen und mögliche Risiken der Impfung sollten Sie auf jeden Fall noch einmal mit Ihrem Arzt besprechen.

Kann die Grippe auch ohne Fieber auftreten? (Julian W., USA)

In der Regel ist auch bei einem sehr milden Verlauf der Grippe Fieber mit dabei. "Wie bei jeder Infektionskrankheit kann es bei älteren Menschen und Neugeborenen allerdings auch ausbleiben", sagt stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern. Bei diesen Gruppen funktioniere oft die Temperaturregulation noch nicht oder nicht mehr.

Zählen Epilepsie-Patienten auch zur Risikogruppe? (Sarah J. aus Wilthen)

Die Ständige Impfkommission rechnet alle Menschen, die an neurologischen Erkrankungen leiden, zu den Risikopersonen. Daher sollten sich auch Epileptiker impfen lassen, rät der Infektiologe Winfried Kern vom Uniklinikum Freiburg. "Doch das sollte im Einzelfall unbedingt mit dem Arzt abgeklärt werden", sagt er.

Wie erprobt ist der Impfstoff Pandemrix? (Nico S. aus Suhl)

"In klinischen Untersuchungen wurden vor der Zulassung mehrere 1000 Menschen geimpft", sagt stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern. Diese Studien beziehen sich allerdings auf den Musterimpfstoff, der das Vogelgrippevirus enthielt. Für die aktuelle Pandemie wurde das Vogelgrippe- gegen das Schweinegrippe-Virus ausgetauscht. Ansonsten ist der Impfstoff identisch. Das Serum, das jetzt verimpft wird, wurde vor Beginn der Impfaktion tatsächlich nur an 62 Probanden getestet. Allerdings ist das bei den jährlichen Grippeimpfungen nicht anders - ein Gerüst des Impfstoffes ist zugelassen, der "Nachtest" mit dem aktuellen Virusstamm erfolgt an einer kleinen Gruppe. "Inzwischen sind es natürlich mehrere zigtausend Dosen", sagt Kern. Parallel zur Impfung beobachtet das Paul-Ehrlich-Institut, welche Nebenwirkungen wie häufig auftreten. Für Kindern im Alter von 3 bis 9 Jahren liegen der europäischen Arzneimittelagentur (Emea) zufolge nur begrenzt Erfahrungen mit "Pandemrix" vor, gar keine hat man laut Emea bei Kindern unter 3 Jahren sowie bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 17. Mittlerweile gibt es vereinzelt kleinere Studien. Bei einer spanischen mit etwa 200 Kindern in der Altersgruppe von 6 bis 36 Monaten hätten sich keine schweren Nebenwirkungen gezeigt, sagt stern.de Grippe-Experte Reinhard Berner. "Ich glaube persönlich, dass es keinen vernünftigen Grund gibt anzunehmen, warum diese Impfung bei kleinen Kindern Schäden hinterlassen sollte." Die Todesfälle seien natürlich beunruhigend. "Man muss sie allerdings zwingend im Kontext der jeweiligen Grunderkrankung sehen." Für Schwangere gibt es bis heute keine Studien-Daten zu "Pandemrix", da es aus ethischen Gründen nicht möglich ist, den Impfstoff an dieser Gruppe zu testen.

Als Krebspatient habe ich am 18.09.09 meine letzte Chemo erhalten- kann ich mich jetzt bereits impfen lassen oder sollte ich es gar nicht tun? (Ingrid M. aus Bordesholm)

"Auch bei Ihnen kann die Impfung sofort erfolgen", sagt stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern. Wer mitten in einer Chemo steckt, sollte allerdings besser noch warten.

Werden die Kosten für die Impfung durch die Krankenkasse übernommen? (M. B. aus Fröndenberg)

Die Schweinegrippe-Impfung ist für alle Bürger kostenlos - egal wie der einzelne versichert ist. Auch Privatpatienten bezahlen nichts, worauf der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) noch einmal hingewiesen hat. Falls einzelne Ärzte dennoch versuchen sollten, gesonderte Abrechnungen nach der Gebührenordnung zu stellen, wäre dies nicht zulässig. Der PKV rät Betroffenen, in diesem Fall ihre private Krankenversicherung zu informieren. Die Praxisgebühr entfällt bei der Schweinegrippe-Impfung ebenfalls. Private und gesetzliche Krankenkasse teilen sich die Kosten der Impfung für die Hälfte aller Versicherten. Für alles, was darüber geht, kommen Bund und Länder auf - und insofern auch wieder die Steuerzahler. Die gesetzlichen Versicherungen wollen auch dann Rückforderungen an die Länder stellen, wenn der georderte Impfstoff nicht verbraucht wird und sich nicht weiterverkaufen lässt. Ingesamt rechnen die Länder mit Kosten von rund 500 Millionen bis zu einer Milliarde Euro für die Impfaktion.

Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate der Schweinegrippe beim Menschen im Verhältnis zur saisonalen Grippe? (Sven L. aus Shanghai)

"Das ist derzeit noch unklar", sagt stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern. "Im statistischen Mittel scheint die Sterblichkeit allerdings nicht höher als 1:1000 zu liegen." Einer unter 1000 Erkrankten würde also sterben. Tödlicher als die jährliche Grippe ist die H1N1-Pandemie daher bis jetzt nicht.

Mein neun Monate alter Sohn hat die Schweinegrippe - auf was soll ich nun achten? (Eine Leserin aus Bayern)

"Eine ärztliche Untersuchung ist wiederholt notwendig", sagt stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern. Ihr Kinderarzt muss auch entscheiden, ob er antivirale Medikamente wie Relenza und Tamiflu verschreibt. Beide sind bei Babys in Deutschland eigentlich nicht zugelassen, da nicht ausreichend getestet ist, wie sie bei Säuglingen wirken. Im Einzelfall sind allerdings Nutzen und Risiko gegeneinander abzuwägen. Ansonsten sollten Sie Ihr Kind behandeln, wie Sie es bei einer normalen Grippe auch tun würden: Geben Sie ihm viel zu trinken und sorgen Sie dafür, dass es Ruhe und Schlaf bekommt.

Ich arbeite in einer Uniklinik und habe nachweislich eine Quecksilberallergie. Ist eine Impfung empfehlenswert? (Christiane aus Heidelberg)

"Die Impfung ist empfehlenswert", sagt stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern. Eine reine Kontaktallergie verbiete die Impfung mit "Pandemrix" nicht, da in 90 Prozent der Fälle keine Komplikationen auftreten würden. Patienten mit einer Quecksilberallergie rät der Mediziner trotzdem, gemeinsam mit einem Arzt über Risiko und Nutzen zu sprechen. "Vor allem sollte dabei geschaut werden, wie in der Vergangenheit Impfungen mit Thiomersal vertragen wurden", sagt Kern. Der Konservierungsstoff war zum Beispiel in älteren Impfstoffen gegen Hepatitis B und das Bakterium Hämophilus enthalten, das vorwiegend für Kinder unter fünf Jahren gefährlich ist und zu einer Hirnhautentzündung führen kann. Heute ist Thiomersal noch bestimmten Diphtherie-Impfstoffen beigefügt. Auch die europäische Arzneimittelagentur rät bei Menschen mit Quecksilberallergie zur Vorsicht. Im Gegensatz zu "Pandemrix" ist der Impfstoff "Celvapan" quecksilberfrei. Allerdings ist er bis jetzt für Teile der Bundesregierung und die Bundeswehr vorgesehen. Im Einzelfall müssten Sie mit Ihrem Arzt besprechen, ob eine Dosis dieses Impfstoffs erhältlich ist. Vorsicht vor der Impfung mit Pandemrix ist auch bei Allergien gegen Hühnereiweiß (Ovalbumin), Formaldehyd, Gentamicinsulfat (ein Antibiotikum) und Natriumdeoxycholat geboten.

Sind die Nebenwirkungen der Impfungen gegen das H1N1-Virus nicht schlimmer als das Erkrankungsrisiko? (Eine Leserin)

Da die Impfung gegen die Schweinegrippe Wirkverstärker enthält, fallen auch die möglichen Nebenwirkungen - wie Schmerzen im Arm, Rötungen an der Einstichstelle und Fieber - stärker aus als bei der normalen Impfung. Auch die schlimmeren, aber äußerst seltenen Nebenwirkungen - wie die Nervenkrankheit Guillain-Barré-Syndrom - könnten häufiger auftreten. Manche Ärzte gehen daher davon aus, dass die möglichen Nebenwirkungen den Nutzen bei einem milden Virus überwiegen. stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern sieht das allerdings anders: "Stärkere Nebenwirkungen sind sehr selten, das Risiko einer schweren Erkrankung ist größer", sagt er.

Stimmt es, dass im Impfstoff der Zusatzstoff Squalen zugesetzt ist, welcher für Spätfolgen geimpfter amerikanischer Soldaten im Golfkrieg negativ bekannt wurde? (Michael aus Frankfurt)

Ja, das stimmt. Squalen ist ein Inhaltsstoff von Pandemrix. "Bei rund 40 Millionen Impfdosen ist er allerdings bisher ohne große Wirkungen geblieben", sagt stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern. Squalen ist ein Bestandteil des Adjuvans AS03, es ist ein Zwischenprodukt des Cholesterin-Stoffwechsels im Körper und wird aus Haifischleber gewonnen.

Wie lange wird es noch dauern, bis die Schweinegrippe vorüber ist? (Jörg aus Rengsdorf)

Ungefähr Ende Februar ist damit zu rechnen, dass die Welle abebbt und weniger Fälle auftreten, sagt stern.de-Grippe-Experte Winfried Kern.

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