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Schweinegrippe: Impfaktion beginnt schleppend

Nur zögerlich haben in den meisten deutschen Bundesländern die Impfungen gegen die Schweinegrippe begonnen. Auch im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben sich einige Mitarbeiter gegen H1N1 immunisieren lassen. stern.de hat sich vor Ort umgesehen.

Von Ulrike Schäfer

Die Appelle der Behörden fanden nur wenig Gehör: Nur schleppend hat am Montag die Massenimpfung gegen die Schweinegrippe in Deutschland begonnen. Vor allem Beschäftigte im Gesundheitswesen, Polizisten und Feuerwehrleute sollten sich seit dem Morgen impfen lassen. Doch in vielen Gesundheitsämtern blieb der Ansturm auf die Impfung aus. Vor allem in den bevölkerungsreichsten Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Bayern meldeten viele Praxen eine geringe Nachfrage nach der Immunisierung.

Auch am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) gab es keine Warteschlange vor dem Impfzimmer. Jörg Werner ist der Erste, der sich morgens den Fragen der zahlreichen Medien stellt. Mikrofone und Kameras richten sich auf den Mitarbeiter des UKE. Dabei möchte sich der Stationsleiter eigentlich nur gegen das H1N1-Virus impfen lassen.

Zum Start der größten Impfaktion, die es je in Deutschland gab, haben sich Fernsehteams und Reporter der regionalen Radiosender und Nachrichtenagenturen am UKE eingefunden, um bei den ersten Impfungen gegen H1N1 live dabei zu sein. Auch hier wird seit dem heutigen Montag das so genannte Schlüsselpersonal in Medizin, Feuerwehr und Polizei geimpft. So soll im Fall einer Masseninfektion die medizinische Versorgung und die öffentliche Sicherheit gewährleistet werden. Zudem soll verhindert werden, dass Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern das Virus an Patienten weitergeben. Um das zu vermeiden, hat das UKE seinen Mitarbeitern die Impfung empfohlen, wie Ricarda Klein, Direktorin für Patienten- und Pflegemanagement, berichtet. Klein hofft, dass heute etwa fünf bis zehn Prozent der 4500 Angestellten zur betriebsärztlichen Untersuchungsstelle kommen werden. In den nächsten Wochen werde die Zahl der geimpften Mitarbeiter voraussichtlich auf etwa 50 Prozent steigen, meint sie.

Dreißig lassen sich in den ersten zwei Stunden impfen

In den ersten zwei Stunden seit Impfbeginn waren rund 30 Schwestern, Pfleger und Ärzte bei ihr, schätzt die Leiterin des betriebsärztlichen Dienstes Gabriele Andersen. Darunter auch Jörg Werner: Der 45jährige will sich impfen lassen, "weil ich eine Verantwortung habe für meine Familie und Patienten". Die drei Kinder seines in Kanada lebenden Stiefbruders sind an Schweinegrippe erkrankt. "Das möchte ich meinem persönlichen Umfeld ersparen", sagt Werner. Eine Schwester führt ihn in das Impfzimmer der betriebsärztlichen Untersuchungsstelle. Dort liegt bereits eine Packung mit den Pandemrix-Impfdosen bereit. Die Schwester zieht die Spritze auf und sticht Werner in den Arm. Verwundert schaut er auf: "Haben Sie wirklich schon gespritzt? Ich habe nichts gemerkt." Die Nadeln für die H1N1-Impfung sind extra dünn und kaum zu spüren. Die unangenehmen Nebenwirkungen setzen eventuell später ein: Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle zählen zu den häufigsten Folgen, auch Kopf- und Gliederschmerzen. Bedenken wegen der Nebenwirkungen hat Werner aber nicht.

Auch Janusch Wesolowski, Doktorand am Institut für Immunologie, hat sich zur Impfung entschlossen. "Als Immunologe kann ich mir nicht vorstellen, dass die Impfung schadet", so der 32-Jährige. Angst vor dem Virus hat er zwar nicht, doch er will nichts nach draußen tragen. "Die Freundin meines Bruders ist schwanger, für sie wäre es schlimm, sich anzustecken", sagt Wesolowski. Ein angehender Arzt, der nach ihm das Impfzimmer betritt, hat sich mit seinem Oberarzt beraten, ob er sich zu dem Schritt entschließen sollte: "Die Schweinegrippe als solche ist völlig unkompliziert, aber sie zieht häufiger als die gewöhnliche Grippe Komplikationen nach sich, etwa Herzmuskelentzündungen. Davor habe ich schon Angst", sagt er.

Ab nächster Woche sind die Risikogruppen dran

Nach Ärzten, Schwestern, Polizisten und Feuerwehrleuten sollen in den meisten Bundesländern ab der nächsten Woche die Risikogruppen geimpft werden, vor allem chronisch Kranke wie Asthmatiker oder Diabetiker. Schwangeren raten Experten dagegen eher dazu abzuwarten: Die Länder bemühen sich zurzeit für diese Gruppe und für Kinder um einen speziellen Impfstoff ohne die umstrittenen Wirkverstärker.

Ein Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde, der sich am UKE einen Eindruck vom Impfstart verschafft, stellt fest: "Theoretisch können sich ab nächster Woche auch schon normale Patienten impfen lassen. Es wird nicht kontrolliert, ob jemand zur Risikogruppe zählt oder nicht. Wir appellieren aber an die Bürger, den besonders gefährdeten Personen den Vortritt zu lassen." Jede Woche werden 40.000 bis 60.000 Impfdosen für die Hamburger bereitgestellt, insgesamt sollen es eine Million werden.

Ob überhaupt so viele gebraucht werden, ist noch völlig offen. Die Diskussion um den Impfstoff könnte viele Menschen von einer Impfung mit Pandemrix abhalten - ganz ohne Grund, wie Gerd Burchard, Leiter der Sektion Infektiologie und Tropenmedizin am UKE, versichert. Weltweit herrsche ein breiter Konsens darüber, dass Risikogruppen auf jeden Fall geimpft werden sollten. Eine übertriebene Panikmache sei aber nicht angezeigt. Sein Kollege Ansgar W. Lohse, Leiter der Medizinischen Klinik und Poliklinik, ist dagegen eher besorgt, dass die Deutschen die Schweinegrippe unterschätzen könnten: "Wir sind sicher, dass die Bedrohung durch das H1N1-Virus eine erhebliche ist."

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  • Ulrike Schäfer