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Interview

Experte über Sexsucht: "Die Motivation für solche Übergriffe ist sehr unterschiedlich"

Sexsucht - dieser Begriff fällt in der aktuellen Sexismus-Debatte immer wieder. Oft muss er herhalten, um das eigentlich Unerklärbare zu erklären: die Motivation hinter sexuellen Übergriffen. Ist es wirklich so einfach? Ein Sexualmediziner klärt die wichtigsten Fragen.

Sexsucht und sexuelle Übergriffe - besteht ein Zusammenhang?

Sexsucht und sexuelle Übergriffe - besteht ein Zusammenhang?

Herr Prof. Krüger, sobald Menschen das Wort hören, haben sie sofort einen Stereotyp im Kopf: den eines porno-süchtigen, lüsternen Mannes. Sie sind Leiter der sexualmedizinischen Sprechstunde an der Medizinischen Hochschule Hannover, betreuen das Präventionsprojekt "I Can Change" und arbeiten aktuell an einer Studie mit Betroffenen. Wie sind Ihre Erfahrungen im Umgang mit den Patienten?

Stereotype werden den Betroffenen und der Situation in der Regel nicht gerecht. Eine sogenannte Sexsucht oder exzessives Sexualverhalten kann eine ernstzunehmende Störung sein. Häufig schwingen zudem noch andere Probleme mit – das können etwa Depressionen sein, Persönlichkeitsstörungen oder Probleme in der Bindung zu anderen Menschen. Betroffene können sich selbst gefährden, aber auch ihren Partner, zum Beispiel durch ungeschützten Sex und das Risiko einer Infektion mit Geschlechtskrankheiten.

Was unterscheidet einen Sexsüchtigen von einer Person, die einfach gerne Sex hat?

Sexsüchtige können ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren. Sie haben durch ihr Verhalten oft soziale Probleme, zum Beispiel in der Partnerschaft oder im Freundeskreis. Sie vernachlässigen andere Hobbys oder gefährden ihren Arbeitsplatz, weil sie zum Beispiel auf pornografischen Seiten surfen. Auch eine Verschlechterung der Symptomatik im Verlauf ist typisch: Sexsüchtige verwenden zunehmend Zeit dafür, sich pornografischen Inhalten oder anderen sexuellen Reizen zu widmen. Viele Betroffene versuchen, dieses Verhalten abzulegen, scheitern aber.

Das erinnert an das Suchtverhalten eines Alkoholikers.

Es ist vergleichbar, ja. Auch der Alkoholiker versucht, von der abhängig machenden Substanz loszukommen, konsumiert aber immer mehr und hat dadurch soziale Probleme. Nur dass es bei einer Sexsucht nicht um einen Stoff geht, sondern um das Verhalten an sich.

Wie sieht dieses Verhalten aus?

Da gibt es eine große Bandbreite. Im Vordergrund steht meist der Konsum von Pornografie im Internet, weil die leicht zugänglich ist. Wir sehen immer wieder, dass Betroffene unglaublich viele Porno-Bilder herunterladen und regelrecht sammeln, ohne dass sie die Menge jemals konsumieren könnten. Andere Betroffene legen sich ein Netzwerk aus Bekanntschaften zurecht, und suchen diese immer wieder auf, wenn sie unterwegs sind. Einige Sexsüchtige gehen auch zu Prostituierten und geben dafür einen Großteil ihres Geldes aus. Grundsätzlich ist aber das Internet der einfachste Zugang zu sexuellen Reizen.

Das klingt so, als könnte das Internet eine bestehende Sexsucht verschärfen.

Das Internet erleichtert das Suchtverhalten. Früher gingen Betroffene in die Videothek und mussten -Kassetten ausleihen oder Porno-Hefte kaufen. Das war aufwändig. Die Seiten im Netz sind dagegen rund um die Uhr erreichbar, was einen exzessiven Konsum ermöglicht. Diese Problematik hatten wir vor zwanzig Jahren so noch nicht.

Was schätzen Sie: Gibt es heute mehr Sexsüchtige eben wegen der omnipräsenten Internet-Pornos?

Das ist schwer zu beurteilen, weil Studien fehlen, die die Häufigkeit heute mit der von vor 20 Jahren vergleichen. Klar ist aber: Der Sex-Exzess, wie wir ihn bei manchen Betroffenen sehen, war in dieser Form und Intensität vor einigen Jahren noch nicht denkbar. Das stellt auch uns vor neue Herausforderungen.

In den USA und Deutschland tobt aktuell eine . Viele Frauen sprechen offen über sexuelle Gewalt und Anmache im Alltag. Einige Beschuldigte – meist prominente Männer – geben an, sexsüchtig zu sein und sich in Behandlung begeben zu wollen. Gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Sexsucht und sexuellen Übergriffen - oder ist das nur eine Ausrede für Täter?

Männer können aus völlig unterschiedlichen Gründen sexuell übergriffig werden. Der eine hat vielleicht ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsanteile und dazu ein problematisches Frauenbild und meint, ihm stehe es zu, Frauen unsittlich zu berühren. Bei einem anderen spielen Machtgefühle eine Rolle. Und wieder ein anderer besitzt vielleicht sogar eine sogenannte Sexsucht. Er hat also den unglaublichen Drang, sich sexuell zu betätigen, und wird gegenüber Frauen anzüglich. Die Motivation für solche Übergriffe ist also sehr unterschiedlich. Das stellen wir auch in unserer Präventionsambulanz in fest.

Wir haben bislang nur über Sexsucht bei Männern gesprochen. Betrifft das Problem auch Frauen?

Ja, auch wenn Frauen deutlich seltener betroffen sind als . Bei vielen sexsüchtigen Frauen steht zudem eine Beziehungsproblematik im Vordergrund: Manche von ihnen neigen zu einer emotional instabilen Persönlichkeit, sind eigentlich auf der Suche nach einer verlässlichen Bindung und gehen dabei viele Beziehungskontakte ein, die sie aber schnell wieder auflösen. Bei Männern steht dagegen oftmals der sexuelle Aspekt, der Sexualtrieb im Vordergrund.

Wie entsteht eine Sexsucht?

Es scheinen mehrere Faktoren eine Rolle zu spielen, zum Beispiel die Veranlagung. Dazu zählt, wie stark der Einzelne auf sexuelle Reize reagiert, wie ausgeprägt seine sexuellen Fantasien sind. Hinzu kommen biographische Faktoren, etwa die Umwelt, in der man aufgewachsen ist, die Rolle von Sexualität im Elternhaus und damit auch erlerntes Verhalten: Einige Betroffene haben gelernt, emotionales Unwohlsein mit Sexualität zu regulieren. Das sehen wir manchmal bei depressiven Menschen, die viel und lange masturbieren, um möglichst lange auf einer Art Welle des Wohlbefindens zu "surfen", ehe sie wieder in den Alltag zurückkehren.

An welchem Punkt sollten sich Betroffene Hilfe holen?

Immer dann, wenn sie selbst merken, dass etwas nicht in Ordnung ist und sie ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren können. Oder wenn Freunde, Partner, Arbeitskollegen oder Verwandte sie auf ihr Verhalten ansprechen. Das ist meist ein guter Hinweis darauf, dass tatsächlich ein Problem vorliegt und sollte ein Anlass sein, sich zu informieren und Hilfe zu holen.

Ist jede Sexsucht automatisch therapiebedürftig?

Das hängt immer vom Einzelfall ab. Nicht jede Auffälligkeit muss gleich Zeichen einer psychischen Krankheit sein. Bei einigen Patienten reicht eine kurze Beratung mit zwei, drei Sitzungen. Bei anderen Patienten bedarf es einer längerfristigen Therapie.

Wie kann diese aussehen?

Wir therapieren nicht nach einem festen Schema, sondern richten uns nach den Bedürfnissen der Patienten. Am Anfang steht üblicherweise eine diagnostische Phase, in der wir über die Biografie des Patienten sprechen. In einem zweiten Schritt folgt eine Phase der Wissensvermittlung über Sexualität. Wir sprechen mit dem Patienten darüber, was Sexualität bedeutet und ab wann sie auffällig ist. Im Anschluss analysieren wir konkrete, problematische Situationen, bearbeiten emotionale Defizite und sehen uns typische Gedankenmuster an. Dabei fließen Elemente der Verhaltens- und Sexualtherapie ein.

Kommen in der Therapie auch Medikamente zum Einsatz?

Auch das, ja. Leiden Menschen sehr stark unter ihrem sexuellen Drang, können Medikamente eine vorübergehende Unterstützung sein. Wir geben Medikamente meist nur kurz, für die Dauer eines halben bis ganzen Jahres. Dabei kommen Antidepressiva oder Mittel zum Einsatz, die das Testosteron-System blockieren. Langfristig versuchen viele Patienten aber, ihre Sucht mithilfe einer Therapie in den Griff zu bekommen – eben weil die langfristige Einnahme von Medikamenten auch Nebenwirkungen haben kann, zum Beispiel auf den Stoffwechsel.

Ist eine Sexsucht grundsätzlich heilbar?

Die Prognose vieler Patienten ist gut. Bei einigen Betroffenen empfiehlt sich eine anschließende Erhaltungstherapie, in der sie in losen Abständen noch einmal mit ihrem Therapeuten oder Arzt sprechen können.

An welche Stellen können sich Betroffene wenden?

In Hamburg, Berlin und Hannover gibt es sexualmedizinische Institute. Allerdings sind dort die Behandlungskapazitäten begrenzt. Ich würde mir wünschen, dass sich auch niedergelassene Psychotherapeuten häufiger mit dem Thema auseinandersetzten. Hinter einem gestörten Sexualverhalten verbergen sich oftmals Probleme, die auch im Rahmen von anderen Therapien eine große Rolle spielen – zum Beispiel Bindungsprobleme, Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation oder andere psychische Erkrankungen wie Angst, Depression oder Persönlichkeitsstörungen. Das sind Störungsfelder, mit denen sich jeder Psychotherapeut auskennt. Leider ist es manchmal so, dass Therapeuten Betroffene weiterverweisen und sagen, dass sie sich mit Sexualität zu wenig auskennen würden. Das ist schade, da es kaum Sexualtherapeuten gibt.

Klingt nach einem großen Tabu-Thema, auch in medizinischen Kreisen.

Leider, ja. Sobald das Thema Sexualität fällt, tun sich viele Menschen einfach schwer damit.


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