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Sterbehilfe: Pro und Contra: Sollen Ärzte Beihilfe zum Suizid leisten dürfen?

Der Bundestag beschäftigt sich in einer ersten Debatte mit der Sterbehilfe. Diskutiert wird auch die Rolle der Ärzte beim assistierten Suizid. Hier streiten zwei Experten zum Thema.

Der Bundestag debattiert an diesem Donnerstag über "Sterbehilfe", es soll eine erste Orientierungsdebatte sein, entschieden wird noch nichts. Klar ist: Aktive Sterbehilfe - die Tötung auf Verlangen - will niemand erlauben. Kontrovers diskutiert wird unter anderem die Beihilfe zum Suizid und damit verbunden auch die Regelung der Zulassung des ärztlich assistierten Suizids im Zivilrecht. Der stern hat vorab zwei Experten gebeten, ihre Ansichten zu diesem Thema aufzuschreiben.

Thomas Sitte ist Vorsitzender der Deutschen Palliativstiftung. Diese setzt sich für eine bessere Hospiz- und Paliativversorgung ein. Sitte arbeitet als Mediziner in dem Kinderhospiz "Sternenbrücke" in Hamburg.

"Suizid und Beihilfe zum Suizid sind in Deutschland - anders als die aktive Sterbehilfe - seit rund 130 Jahren nicht strafbar. Schon heute gilt, dass niemand gegen seinen Wunsch am Leben erhalten werden darf. Gleichzeitig darf kein menschliches Leben aktiv beendet werden. Deswegen hat die Gesellschaft die Aufgabe, über die Möglichkeiten von Hospizarbeit und Palliativversorgung als lebensbejahende Alternativen zu informieren und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass diese Möglichkeiten auch für jeden verfügbar sind.

Denn auch ohne Suizidassistenz, sei sie individuell, organisiert oder gewerbsmäßig, kann ein Patient in Deutschland am Lebensende angemessen begleitet werden, wenn die Versorgungsmöglichkeiten bekannt und entsprechend vorhanden sind.

Soweit die Fakten. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Viele Patienten fühlen sich schlecht versorgt, früher eher aus fehlenden Informationsmöglichkeiten, heute oft mehr angeheizt durch Aussagen in den Medien, die unbeabsichtigt oder vielleicht auch teils gezielt verunsichern. Sie glauben, der Arzt ihres Vertrauens sei bedroht durch Arzneimittelregresse, wenn er leidenslindernde Medikamente verschreibt, habe Haftungsprobleme, wenn er Therapien auf ihren Wunsch hin reduziert und man dürfe ihn keinesfalls mit dem dringendsten Problem, dem Wunsch zu sterben, belasten.

Immer wieder wird behauptet, einem Arzt, der im Einzelfall Sterbenden bei der Selbsttötung beisteht, würde von der Ärztekammer seine Zulassung entzogen. Das ist falsch. Ein Zulassungsentzug kann nur durch die zuständige Landesbehörde ausgesprochen werden. Selbst dies ist bislang in solchen Fällen von bekannt gewordener Beihilfe zur Selbsttötung noch nicht vorgekommen. Es ist Ärzten also schon heute möglich, Beihilfe zum Suizid zu leisten - wenn auch unter unsicheren Rahmenbedingungen.

"Es gibt immer eine medizinische Lösung"

Mitarbeiter von Palliative-Care-Teams durchleben schwierigste Sterbebegleitungen. Sie erfahren in der täglichen Arbeit, dass es immer eine medizinische Lösung gibt. Auch Leid, das die bislang bestehenden Erfahrungen des Patienten und seiner Zugehörigen übersteigt, kann gelindert werden. Von einer "Symptomkontrolle" zu sprechen, mag hierbei für manche Experten unangemessen klingen.

Dennoch: Immer vorausgesetzt, dass als Nebenwirkungen zunehmende Müdigkeit und schließlich dauerhafter Schlaf akzeptiert werden, ist es möglich in Extremfällen gerade durch diesen Schlaf die Belastung auszuschalten - ohne dem Patienten in verzweifelter Lage Suizidassistenz als Ausweg und damit den Tod anbieten zu müssen.

Ich weiß, dass solche Behauptungen auf medizinische Laien, aber auch etliche ärztliche Kollegen, den Eindruck machen könnten, reichlich übertrieben zu sein. Ich selber habe mehr als 1000 Menschen bis in den Tod begleitet. Im Oktober - und damit erst vor kurzem - habe ich unter etwa 20 Palliativmedizinern eine kleine Umfrage gemacht, die zusammen mehr als 12.000 Menschen pro Jahr mit schwierigsten palliativen Problemen bis zum Ende begleiten. Das Ergebnis war frappierend: Bei allen behandelten Palliativpatienten mit zuvor hohem Leidensdruck und auch mit dem Wunsch nach lebensverkürzenden Maßnahmen wurde das Leiden auf ein erträgliches Maß reduziert. Es gab in den befragten Palliativteams in den letzten Jahren bei weit über 50.000 Palliativpatienten keinen einzigen Fall, in dem sich ein Patient wegen mangelnder Möglichkeiten der Symptomkontrolle für assistierten Suizid oder Tötung auf Verlangen entscheiden musste oder entschieden hat.

Deswegen fordere ich erst einen angemessenen Auf- und Ausbau der Palliativversorgung. Dann können wir über den Bedarf für eine (ärztliche) Beihilfe zur Selbsttötung reden.

Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland: "Der Arzt soll und darf nichts anderes tun als Leben erhalten, ob es ein Glück ist oder ein Unglück, ob es Wert hat oder nicht, das geht ihn nichts an, und maßt er sich einmal an, diese Rücksicht in sein Geschäft mit aufzunehmen, sind die Folgen unabsehbar, dann wird der Arzt der gefährlichste Mensch im Staate."

Rund 200 Jahre später, nach deutlich mehr palliativmedizinischer Erfahrung, ergänze ich es etwas:

Der Arzt soll und darf nichts anderes tun, als Patienten nach ihrem Willen beizustehen und deren Leiden zu lindern, ob es ein Glück ist oder ein Unglück, ob es Wert hat oder nicht, das geht ihn nichts an. Maßt er sich einmal an, diese Rücksicht aus Mitleid heraus durch aktive Lebensverkürzung in sein Geschäft mit aufzunehmen, sind die Folgen unabsehbar, dann wird der Arzt der gefährlichste Mensch im Staate."

Der Bundestag debattiert an diesem Donnerstag über "Sterbehilfe", es soll eine erste Orientierungsdebatte sein, entschieden wird noch nichts. Klar ist: Aktive Sterbehilfe - die Tötung auf Verlangen - will niemand erlauben. Kontrovers diskutiert wird unter anderem die Beihilfe zum Suizid und damit verbunden auch die Regelung der Zulassung des ärztlich assistierten Suizids im Zivilrecht. Der stern hat vorab zwei Experten gebeten, ihre Ansichten zu diesem Thema aufzuschreiben.

Professor Jochen Taupitz ist Medizinrechtler an der Universität Mannheim und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Gemeinsam mit dem Palliativmediziner Gian Domenico Borasio und den Medizinethikern Ralf J. Jox und Urban Wiesing hat er einen Entwurf für ein Gesetz zur Sterbehilfe vorgelegt. Demnach soll Beihilfe zur Selbsttötung verboten werden - allerdings unter Ausnahme von Ärzten, Angehörigen und nahen Freunden.

"Es sprechen gute Gründe dafür, dass Ärzte unter bestimmten Voraussetzungen Beihilfe zum Suizid leisten:

Erstens: Der ärztliche Berufsstand ist auf das Leben ausgerichtet. Zu seinen Aufgabe gehört daher auch der Versuch, schwer Kranke, die den Sterbewunsch äußern, durch das Aufzeigen von palliativmedizinischen und anderen Alternativen von ihrem Wunsch abzubringen. Der Patient kann deshalb darauf vertrauen, dass sein Arzt - anders als gegebenenfalls andere Sterbehelfer - kein eigenes Interesse an seinem Tod hat.

Zweitens: Ärzte sind auch dazu verpflichtet, Leiden zu mindern. Wenn Leben und Leiden in einem unauflöslichen Gegensatz zueinander stehen, ist Leidensminderung unter Inkaufnahme des Todes nicht unärztlich und auch juristisch erlaubt (sogenannte indirekte Sterbehilfe). Der Patient sollte deshalb darauf vertrauen können, dass Leidensminderung nicht einem Lebensschutz um jeden Preis untergeordnet wird.

Drittens: Ärzte sind viel besser als andere in der Lage, fachkundige Hilfe zu leisten. Sie kennen die Wirkungen der in Betracht kommenden Medikamente und wissen, wie sie zu dosieren sind. Der Patient sollte also darauf vertrauen können, dass ihm richtig und ohne vermeidbare Qualen geholfen wird. Der ärztlich assistierte Suizid kann "brutale" Suizide (und Suizide, durch die unbeteiligte Personen, etwa Verkehrsteilnehmer, gefährdet oder belastet werden) verhindern.

Viertens: Ärzte müssen tagtäglich die Selbstbestimmungsfähigkeit ihrer Patienten prüfen. Ihnen ist deshalb auch am ehesten die Beurteilung zuzutrauen, ob der Sterbewunsch wirklich freiverantwortlich gefasst wurde. Der Patient und die Gesellschaft sollten deshalb darauf bauen können, dass dem Wunsch des Patienten nur dann Rechnung getragen wird, wenn das Selbstbestimmungsrecht und damit die Menschenwürde eine hinreichende Grundlage darstellen.

Fünftens: Ärzte unterliegen einem strengen Berufsrecht mit Berufsaufsicht und einer festen Gebührenordnung. Damit kann kommerziellem Wildwuchs und unkontrolliertem Treiben entgegengewirkt werden. Damit sollte der Patient sichergehen können, dass der Sterbehelfer nicht nur am schnellen Geld interessiert ist - und die Gesellschaft sich darauf verlassen, dass Missbrauch so weit wie möglich unterbunden wird.

"Palliativmedizin kann nicht alle Leiden lindern"

Sechstens: Die Palliativmedizin kann nicht alle Leidenszustände lindern. Dank medizinischen Fortschritten mag sich das eines Tages ändern. Heutige Patienten darauf zu verweisen, auf diesen Tag zu warten, erscheint allerdings zynisch.

Die befürchteten Gefahren, die beschworen werden, unterschätzen das Differenzierungsvermögen des ärztlichen Berufsstandes und der Gesellschaft:

Kein Arzt ist verpflichtet, Suizidbeihilfe zu leisten; dies bleibt vielmehr seiner persönlichen Gewissensentscheidung vorbehalten. Nicht anders verhält es sich bei der Abtreibung. Und ebenso wenig wie die Tötung ungeborenen Lebens das ärztliche Berufsethos unterminiert hat, ebenso wenig untergräbt die ärztliche Suizidbeihilfe das ärztliche Berufsethos.

Der ärztlichen Suizidbeihilfe wird nicht als nächster Schritt die Zulassung aktiver Tötung (Euthanasie, Tötung auf Verlangen) folgen. Diese ist in Deutschland aus guten Gründen verboten. Der Unterschied besteht darin, dass bei der Beihilfe zum Suizid der Suizident selbst den zum Tod führenden Akt vollzieht, also etwa das tödlich wirkende Medikament selbst einnimmt, während bei der aktiven Tötung diese Handlung von einer anderen Person durchgeführt wird.

Ethisch und rechtlich ist die Fremdtötung eines anderen Menschen völlig anders zu bewerten als die freiverantwortliche Selbsttötung. Vor allem aber besteht auch psychologisch ein großer Unterschied. Denn der Selbsterhaltungstrieb des Menschen bildet eine erhebliche Hemmschwelle gegenüber der "eigenhändigen" Selbsttötung, ist aber nicht gleichermaßen wirksam gegenüber dem Einverständnis, durch die Hand eines anderen getötet zu werden.

Dies zeigt sich auch in den Ländern, in denen sowohl die Tötung auf Verlangen als auch die Beihilfe zum Suizid erlaubt ist. In den Niederlanden und in Belgien etwa ist die Zahl der Tötungen auf Verlangen in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen; die Zahl der bloßen Beihilfe zum Suizid ist dagegen konstant niedrig. In Ländern, in denen nur die Beihilfe zum Suizid erlaubt ist (wie etwa im US-amerikanischen Bundesstaat Oregon), ist die absolute Zahl sehr niedrig, und es zeigt sich ein nur geringfügiger Anstieg der Fälle von Suizidbeihilfe.

Die Ermöglichung des ärztlich assistierten Suizids wehrt somit auch die Gefahren ab, die eine Freigabe der Tötung auf Verlangen mit sich bringen würde. Erfahrungen im Ausland zeigen zudem, dass viele Patienten das todbringende Mittel letztlich nicht einsetzen, sondern nur die Gewissheit haben möchten, es "im Ernstfall" zur Hand zu haben.

Dem befürchteten Druck, dass Menschen aus der Sorge heraus, anderen (finanziell) zur Last zu fallen, in den Tod flüchten, muss dort entgegengewirkt werden, wo der Druck entsteht - nicht aber durch Einschränkungen des Selbstbestimmungsrechts. Und soweit schlechte Lebensbedingungen der Anlass dafür sind, den eigenen Tod herbeizuführen, müssen diese Lebensbedingungen verbessert werden. Es darf aber keinesfalls ein Zwang zum Leben, gar ein Zwang zum Leben unter menschenunwürdigen Bedingungen, postuliert werden."

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