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Geschlechtsunterschiede bei Covid-19: Sterblichkeit beim Coronavirus: Das Leiden der Männer

Mediziner sprechen von einer "extrem auffälligen Beobachtung": Männer erkranken im Vergleich zu Frauen häufiger schwer am neuartigen Coronavirus. Die Fachwelt rätselt über die Gründe.

Ein neuartiger Erreger unterschiedet nicht nach sozialen Schichten, macht nicht Halt vor jungen oder alten Menschen - das gilt auch für das Coronavirus Sars-CoV-2. Weil es derzeit keine Impfung oder Grundimmunität in der Bevölkerung gibt, kann sich das Virus rasend schnell ausbreiten. Die gute Nachricht ist: Bei den meisten Infizierten verläuft die Infektion harmlos. Sie entwickeln keine oder nur leichte Symptome. Einer von sechs Erkrankten erleidet dagegen einen schweren Verlauf.

Wissenschaftler weltweit forschen zu den Faktoren, die das Risiko für kritische Krankheitsverläufe erhöhen. Schon jetzt ist bekannt: Das Alter der Patienten spielt eine Rolle, und auch, ob sie unter Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs leiden. Die steigenden Fallzahlen offenbaren zudem ein weiteres Phänomen: Mehr Männer als Frauen erkranken schwer an Covid-19 - und sterben auch häufiger. Ist das Geschlecht, insbesondere das männliche, ein weiterer Risikofaktor?

Neu ist diese Vermutung nicht. Das "Chinese Centre for Disease and Prevention" hatte bereits Mitte Februar einen Bericht zu Covid-19 vorgelegt, der erste Hinweise lieferte. Er enthielt Daten von rund 44.600 Infizierten aus China, die zeigten: Ältere Patienten, insbesondere hochbetagte über 80 Jahre, hatten eine besonders hohe Sterblichkeitsrate von 14,8 Prozent aufzuweisen. Erhöht war das Risiko auch bei vielen chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und Atemwegserkrankungen. Aber eben auch bei Männern. Mit 2,8 Prozent lag die Sterblichkeitsrate über der von Frauen mit 1,7 Prozent. Dabei waren die Geschlechter in etwa gleich häufig infiziert.

Coronavirus: Personal kümmert sich um einen Patienten

Medizinisches Personal kümmert sich um einen französischen Patienten mit Verdacht auf Covid-19

AFP

Landesspezifische Daten liefern wertvolle Hinweise, sollten aber mit entsprechender Vorsicht interpretiert werden. Nicht zuletzt wegen gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Unterschiede können sie oft nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen werden. Auffallend ist aber, dass sich der Trend aus China auch in anderen Ländern fortsetzt, darunter Deutschland. Und das sehr deutlich.

In Deutschland sterben mehr Männer am Coronavirus

Laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) mit Stand 01. April haben in Deutschland 732 Patienten eine Covid-19-Infektion nicht überlebt. Darunter sind 479 Männer (65 Prozent) und 252 Frauen (34 Prozent). Bei einer Person ist das Geschlecht unbekannt. Auch sind mehr Männer (52 Prozent) als Frauen mit dem Coronavirus infiziert. Allerdings zeichnet sich bei den Infektionszahlen keine so eindeutige Tendenz wie bei der Sterbestatistik ab.

Der Mediziner Christian Karagiannidis betreut in der Klinik Köln-Merheim Patienten mit schwerem Lungenversagen und bestätigt den Trend. Es erkrankten "deutlich mehr" Männer schwer an Covid-19, sagte der Mediziner gegenüber dem stern. Karagiannidis sprach von einer "extrem auffälligen Beobachtung", wie man sie selten bei Erkrankungen sehe. Was könnte die Ursache sein? "Darüber kann ich nur spekulieren. Aber das Phänomen dürfte in den kommenden Monaten sicher näher untersucht werden."

Konkreter wird der Virologe Alexander Kekulé gegenüber der "Bild"-Zeitung. Mit Blick auf die RKI-Zahlen sagte er, möglicherweise kämen Männer aufgrund ihres Verhaltens "häufiger mit dem Virus in Kontakt" - zum Beispiel weil sie häufiger vor die Tür gingen.

Wahrscheinlicher sei aber, dass der allgemeine Gesundheitszustand von Männern eine Rolle spiele. Dieser sei in einem fortgeschrittenen Alter oft etwas schlechter als bei Frauen, was sich auch in der Lebenserwartung niederschlage. Kekulé vermutet, dass Männer im höheren Alter deshalb auch eine höhere Sterberate aufweisen könnten, betont aber, dass es sich dabei um keine gesicherten Erkenntnisse handle. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien jedenfalls "sehr auffallend", so der Virologe.

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Ähnliche Beobachtungen gab es auch bei den Ausbrüchen von Sars und Mers, die ebenfalls durch Coronaviren verursacht wurden. Als denkbare Ursache werden eine ganze Reihe von Faktoren diskutiert, darunter genetische, aber auch solche, die mit dem Lebensstil zusammenhängen. So ist bekannt, dass das Immunsystem von Frauen grundsätzlich besser mit vielen Viren - vor allem solchen, die Atemwegserkrankungen auslösen - zurechtkommt. Möglicherweise entfaltet dabei das Sexualhormon Östrogen eine schützende Wirkung.

Zahlreiche Studien legen außerdem nahe, dass Frauen gesundheitsbewusster leben, sich ausgewogener ernähren und auch früher als Männer medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, was auch zu einer geringeren Sterblichkeitsrate beitragen könnte. 

Risikofaktor Rauchen

Ein anderer Faktor, der zunächst diskutiert wurde, scheint allerdings weniger stark ins Gewicht zu fallen: In China rauchen deutlich mehr Männer als Frauen. War die höhere Sterblichkeit dadurch zu erklären? Dieser Verdacht lag zunächst nahe, da Rauchen zu vielen Folgeerkrankungen führt, die wiederum das Risiko für schwere Covid-19-Verläufe erhöhen.

Doch die Geschlechtsunterschiede bei der Raucherquote fallen in Deutschland deutlich geringer aus. Hierzulande raucht etwa jeder vierte Mann und etwa jede fünfte Frau. Und doch zeigt sich die erhöhte Sterblichkeit auch hierzulande.

Klar ist bereits jetzt: Allein mit Blick auf die Raucherquote lässt sich die statistische Auffälligkeit nicht erklären. Es ist denkbar, dass ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren dafür sorgt. Das wird und muss nun Gegenstand weiterer Forschung sein. 

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