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Kinder von Alkoholikern: Wenn Mami zu viel trinkt

Alkoholabhängigkeit belastet nicht nur den Süchtigen selbst - ganze Familien leiden, wenn Vater oder Mutter trinken. Im stern.de-Interview erklärt Psychologie-Professor Michael Klein, welche traumatisierenden Erfahrungen Kinder von Alkoholikern machen. Und wie ihnen besser geholfen werden könnte.

Herr Klein, wie sieht die Zukunft für Kinder aus, deren Vater oder Mutter alkoholabhängig ist?

Sie sind viel stärker gefährdet, selbst süchtig zu werden. Etwa ein Drittel wird später abhängig von Alkohol oder Drogen. Ein weiteres Drittel entwickelt psychische Störungen - Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen etwa. Nur ein Drittel geht vergleichsweise unbeschadet aus dieser Kindheit hervor.

Was erleben Kinder, deren Eltern Alkoholiker sind?

Zum einen gibt es einzelne Ereignisse, die Kinder erschrecken - etwa wenn der Vater den Job verliert, betrunken einen Unfall verursacht oder wenn ein Elternteil gewalttätig wird. Entscheidender ist allerdings, dass die Abhängigkeit die Atmosphäre in der Familie dauerhaft prägt. Kinder kommen schwer damit zurecht, wenn sich das Verhalten von Eltern abrupt unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen verändert. Ein Vater kann zum Beispiel dem Kind sehr zugewandt sein und sich sehr fürsorglich verhalten, wenn er nüchtern ist. Trinkt er dann, ohne dass dem Kind dies auffällt, kann er in der nächsten Situation extrem gereizt oder aggressiv reagieren. Für Kinder ist dieses unvorhersehbare Verhalten sehr belastend.

Schon Kinder im Vorschulalter nehmen die Situation in der Familie als bedrohlich, als unsicher, wahr. Wenn man sie zeichnen lässt, zeigt sich das in den Bildern, die sie malen. Viele Kinder aus Alkoholikerfamilien werden ungewöhnlich früh selbstständig, weil sie Aufgaben in der Familie übernehmen, die die Eltern nicht mehr meistern. Es gibt zwölfjährige Mädchen, die den gesamten Haushalt schmeißen - kochen, putzen, einkaufen und so weiter. Kinder bringen ihre betrunkenen Väter ins Bett, schirmen Mütter vor den Nachbarn ab. Das ist nicht altersgerecht und schadet den Kindern langfristig. Und was man nicht vergessen darf: In jeder dritten Familie, in der ein Elternteil Alkoholiker ist, kommt es zu physischer Gewalt.

Ist es dann in manchen Fällen nicht besser, wenn das Kind nicht mehr bei den Eltern lebt?

Ja, in Deutschland wird vielerorts zu lange gewartet, bevor ein geschädigtes Kind aus der Familie genommen wird. Das Kinderhilfegesetz geht zu stark von dem Idealbild der psychisch gesunden Eltern aus, denen man mit erzieherischen Unterstützungsmaßnahmen ausreichend helfen kann. Tatsache ist aber, dass viele Eltern schwere Probleme mit sich selbst haben! Das wird zu wenig beachtet. Das Kindeswohl ist weit häufiger gefährdet, als eingegriffen wird. Wenn ein Kind körperlich misshandelt wird, ist die Situation klar - oder sollte es immerhin sein. Unterschätzt wird aber die psychische Misshandlung, die es ebenso gibt und die auch schwerwiegende Folgen hat. Wenn eine Mutter betrunken zu ihrem Kind sagt, sie habe es nie gewollt, es würde ihr Leben zerstören, sie hätte abtreiben sollen - dann wird das Kind ganz klar traumatisiert. Besonders schlimm ist es dann, wenn die Mutter diese Aussage im nüchternen Zustand wieder verleugnet. Natürlich sollte man stets erst versuchen, die Familie zu unterstützen. Aber manchmal ist es für das Kindeswohl besser, wenn es nicht mehr bei den Eltern bleibt.

Wer kümmert sich überhaupt um die Probleme von Alkoholiker-Kindern?

Das ist leider ein großes Problem: Die Jugendämter kümmern sich zwar um aktenkundige Problemfamilien, aber gerade die Alkoholabhängigkeit eines Elternteils wird ja so oft verheimlicht, so dass die Familie nach außen hin gar nicht auffällt. Und es fehlt ein Frühwarn- und Präventionssystem in Kindertagesstätten und Grundschulen. Einzelne Personen, die sich in diesem Bereich engagieren, erhalten zu wenig Unterstützung.

Aber wenn ein Elternteil in Therapie geht, werden die Kinder sicher mit betreut?

Viel zu selten. Pro Jahr werden etwa zehn Prozent der Alkoholiker von den Hilfsangeboten erreicht. Bei den Therapien wiederum werden die Kinder in etwa zehn Prozent der Fälle mit einbezogen. Also nur jedes 100. Kind aus einer Alkoholikerfamilie findet so Aufmerksamkeit im Suchthilfesystem! Das ist dramatisch schlecht.

Sie sagten, ein Drittel der Kinder von Alkoholikern geht trotz aller Widrigkeiten relativ unbeschadet aus dieser Kindheit hervor. Wie schaffen diese Menschen das?

Sie verfügen über eine psychische Widerstandsfähigkeit, die ihnen hilft. Es gibt eine Reihe von Faktoren, die in dieser Hinsicht wichtig sind. Welche das sind, wissen wir recht genau. Etwa die Fähigkeit, Beziehungen zu gesunden Menschen aufzubauen. Initiative zu ergreifen - zum Beispiel Sport zu treiben. Auch Humor ist wichtig, weil man damit das eigene Schicksal anders betrachten kann. Und Kreativität in jeder Form - vom Tagebuch schreiben bis zum malen oder musizieren. Und bisweilen gibt es eine Person im sozialen Umfeld, die das gefährdete Kind bedingungslos liebt und ihm damit eine unschätzbare Hilfe leistet.

Mit einem systematischen Präventionsprogramm könnten wir es schaffen, dass mehr als ein Drittel der Kinder diese Möglichkeiten für sich nutzen kann - und psychisch gesund bleibt. Das wäre nicht nur für jedes einzelne Kind wichtig, dem damit geholfen wird, sondern auch gesundheitspolitisch der beste Ansatz: weil man psychische Krankheiten verhindern kann, statt sie später zu therapieren. Es gibt bereits Programme für betroffene Kinder, etwa 80 bis 100 Gruppen existieren in Deutschland, aber die werden finanziell schlecht gefördert. Denn Prävention im psychischen Bereich ist hierzulande keine Kassenleistung - wie sie es sein sollte. Das Bundesgesundheitsministerium lässt nun bundesweit ein Präventionsprogramm für diese Kinder entwickeln und überprüfen, das hoffentlich bald flächendeckend umgesetzt und eingeführt werden kann.

Interview: Nina Bublitz
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