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Abhängige Eltern: Der Suff bleibt in der Familie

Wenn Eltern süchtig sind, leiden Kinder sehr - und behalten es meist für sich. Um ihren Kummer zu bewältigen, legen sie sich auf bestimmte Rollen fest oft greifen sie schließlich selbst zu Drogen. Einfühlsame Erwachsene können einiges tun, um die Not zu lindern.

Von Torben Müller

Kinder von Abhängigen haben ein sechsfach erhöhtes Risoko, später selbst süchtig zu werden

Kinder von Abhängigen haben ein sechsfach erhöhtes Risoko, später selbst süchtig zu werden

Sie nennt sich Cherry-Mausi, ist 15 und hat die Nase voll: "Meine Eltern trinken", schreibt sie in einem Eintrag auf Kidkit, einer Internetseite für Kinder drogenabhängiger Eltern. "Die älteren Schwestern sind lange ausgezogen, und mein Bruder hat sich um mich gekümmert: Essen gemacht, Wäsche gewaschen, mir in der Schule geholfen. Aber jetzt konnte ich einfach nicht mehr, da mein Vater mich ein paarmal geschlagen hat. Nun wohne ich bei meiner Schwester und schlafe auf dem Sofa."

Sabis Mutter trank 14 Jahre heimlich, "aber seit einem Jahr ist sie täglich betrunken. Ich traue mich gar nicht mehr, Freunde mit nach Hause zu nehmen, da es mir so peinlich ist. Kaum einer meiner Freunde darf noch zu mir, da ihre Eltern es ihnen verboten haben. Wir sind schon das Gespräch der ganzen Straße".

So wie Sabi und Cherry-Mausi geht es vielen in Deutschland: Nach Angaben des Kölner Suchtforschers Michael Klein von der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen leben 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Alkoholikerhaushalten.

Kinder in Suchtfamilien wurde lange übersehen

Bei weiteren rund 40 000 konsumiert mindestens ein Elternteil illegale Drogen. "Lange Zeit ist das Problem der Kinder aus Suchtfamilien übersehen worden", sagt Klein, Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychologie. Die Hilfsprogramme zielten auf die Süchtigen und eventuell noch auf deren Partner. An die Kinder dachte meist keiner. Die mussten sich selbst helfen.

Mal mit Fürsorge überschüttet, mal allein gelassen

Dabei leiden sie besonders, wenn Vater, Mutter oder sogar beide ihren Konsum nicht mehr unter Kontrolle halten können. Das Leben der Jungen und Mädchen ist meist von Unsicherheit, Enttäuschung und häufig auch von Gewalt in der Familie geprägt. Die Stimmung zu Hause ist angespannt. Die Abhängigen denken vor allem an den Nachschub, ihre Partner kümmern sich aus Sorge oft besonders um sie. Die Kinder geraten dabei in den Hintergrund, kämpfen vergebens um dauerhafte Aufmerksamkeit und Zuwendung. Meist erleben sie ein Wechselbad der Gefühle: Mal werden sie von den Süchtigen mit Fürsorge überschüttet, dann wieder allein gelassen.

Helden, Clowns und Sündenböcke

Auf die schwierige Situation in der Familie reagieren Kinder ganz unterschiedlich. Die US-amerikanischen Therapeutinnen Sharon Wegscheider Cruse und Claudia Black haben vier typische Rollenmuster bei Mädchen und Jungen in Alkoholikerhaushalten beschrieben:

> Da ist der Held, der versucht, die Familie mit herausragenden Leistungen zu retten und so die Liebe seiner Eltern zu gewinnen. Er glänzt mit besten Schulnoten, kümmert sich – wie Sabis Bruder – um seine Geschwister und übernimmt Verantwortung. Weil er jedoch an seinen Ansprüchen scheitern muss, fühlt er sich unzulänglich und schuldig.

> Sein Gegenstück, der Sündenbock, lässt kaum eine Gelegenheit aus, Streit und Unruhe zu stiften. Als Problemkind terrorisiert er seine Mitschüler, schwänzt die Schule oder klaut im Supermarkt. So hofft er, negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und von den Suchtproblemen der Familie ablenken zu können.

> Der Clown überspielt die Spannungen in der Familie mit Charme und Witz. Er quasselt ständig, spielt Streiche und schneidet Grimassen, nur um seine Mitmenschen zum Lachen zu bringen. Doch die gute Laune ist nur Fassade: Im Inneren verstecken diese Kinder ihre Traurigkeit und Angst. Schnell gehen sie mit ihren Albernheiten den Menschen in ihrer Umgebung auf die Nerven.

> Das stille Kind zieht sich aus dem Brennpunkt des Geschehens. Im Unterricht schweigt es, zu Hause hockt es meist in seinem Zimmer. Auf diese Weise entkommt es Konflikten und hat seine Ruhe. Oft leiden diese Einzelgänger unter Übergewicht, weil sie sich mit Essen belohnen, und isolieren sich noch mehr.

Michael Klein hat mit seinen Forschungskollegen noch einen weiteren Rollentyp entdeckt: das kranke Kind. "Diese Menschen entwickeln häufig Leiden wie Kopfschmerzen oder Allergien und erhalten so Zuwendung", sagt er.

Kinder von Süchtigen sind auf ihre Rolle fixiert

In der Praxis erscheinen diese Typen selten in Reinform. Klein: "Oft sehen wir Mischungen aus Helden und stillen Kindern oder Sündenböcken und Clowns." Dass Kinder solche Rollenmuster annehmen, sei nichts Ungewöhnliches. "Das machen Jungen und Mädchen aus Familien ohne Suchtproblem ebenso." Doch im Normalfall könne ein Kind zwischen Rollen pendeln und zum Beispiel den Helden und dann wieder den Rebellen spielen. "Kinder von Süchtigen sind dagegen auf ihre Rolle fixiert und können sich selten auch einmal fallen lassen. Das ist der Grund, weshalb sie später häufiger psychisch erkranken."

Kinder von Abhängigen haben ein sechsfach erhöhtes Risoko, später selbst süchtig zu werden

Kinder von Abhängigen haben ein sechsfach erhöhtes Risoko, später selbst süchtig zu werden

Wenn Eltern Drogen nehmen, wirkt sich das oft dramatisch auf die Entwicklung ihrer Kinder aus: Diese erzielen meist schlechtere Schulleistungen, können sich schlechter ausdrücken und nicht so gut konzentrieren. Zudem sind sie ängstlicher als andere Kinder, neigen häufiger zu Depressionen und leiden unter einem extrem schwachen Selbstwertgefühl.

Doch vor allem "erben" die Nachkommen den Hang zur Sucht: Kinder von Abhängigen weisen ein sechsfach erhöhtes Risiko auf, später ebenfalls regelmäßig zur Flasche oder anderen Suchtmitteln zu greifen – obwohl sie die Folgen erlebt haben. Das sei kein Wunder, sagt Stefan Stark vom Blauen Kreuz in Marburg, der Kinder alkoholkranker Mütter gen und Väter im Arbeitskreis "Wenn Eltern Trinken" (WET) berät. "Schließlich haben sie von den Eltern gelernt, dass die Droge Stress abbaut."

Weg des Kindes ist nicht festgelegt

Immer wieder erlebe er Geschichten wie die des 17-Jährigen, dessen Mutter seit rund fünf Jahren trank. "Er wollte sie vom Alkohol fernhalten, hat immer wieder ihren Schnaps verdünnt oder die Flaschen versteckt. Neulich wurde er mit drei Promille ins Krankenhaus eingeliefert. Eine Erklärung dafür hatte er nicht. Und zu uns kommt er auch nicht mehr."

23 Heranwachsende betreuen der Diplompädagoge Stark und seine Kollegen derzeit regelmäßig einzeln und in Gruppen. Zudem beantworten sie Anfragen am Telefon und über das Internet. "Auf Wunsch bleiben die Kinder anonym. Das senkt ihre Hemmschwelle, sich bei uns zu melden", sagt er. Denn meist kostet es die Betroffenen viel Überwindung, sich zu öffnen. "In den Familien ist das Thema Abhängigkeit tabu. Die Kinder lernen früh, nicht darüber zu reden." Aus Loyalität zu den Eltern schweigen sie gegenüber Verwandten, Freunden und Nachbarn – und verschlechtern damit unbewusst ihre Chancen, mit dem Suchtproblem der Familie fertig zu werden.

Trinker zeugen Trinken

Denn das alte griechische Sprichwort "Trinker zeugen Trinker" gilt längst nicht immer: "Der Weg eines Kindes abhängiger Eltern ist trotz der Vorbelastung nicht festgelegt", sagt Stark. "Rund ein Drittel der Betroffenen schafft es, die Schwierigkeiten zu bewältigen und später ohne bemerkenswerte Störungen zu leben." Diese Menschen seien oft sehr kreativ, humorvoll und durchsetzungsstark. Resilienz nennen Psychologen das Phä¬nomen, das diese Fälle gestärkt aus solchen Krisen hervorgehen lässt.

Reden über das Problem ist erster wichtiger Schritt

Wenn Kinder über die Sucht ihrer Eltern reden, haben sie den ersten wichtigen Schritt schon getan. "Sie sollten das Thema auch in der Familie ansprechen", sagt die Familientherapeutin Corrina Koob von der Hamburger Kinderberatungsstelle Iglu, die sich vor allem um den Nachwuchs von Heroinsüchtigen kümmert. "Oft denken Eltern, ihre Kinder merken nicht, dass sie Drogen nehmen, und machen sich etwas vor. Außerdem müssen die Kinder erkennen, dass sie nicht schuld an der Abhängigkeit sind und keinen Einfluss darauf haben, ob Vater oder Mutter konsumieren." Wenn die Jungen und Mädchen es schaffen, Abstand zu gewinnen, sich nicht mehr für die Eltern verantwortlich zu fühlen und ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen, sind sie auf einem guten Weg.

Freunde und Verwandte können helfen, indem sie für die Kinder da sind, ihnen zuhören oder mit ihnen spielen. Was können Außenstehende noch tun, wenn sie ein Suchtproblem in einer Familie bemerken oder vermuten? "Am besten schalten sie professionelle Hilfe ein und wenden sich an eine Beratungsstelle wie Iglu", sagt Koob. "Dort stimmen sie die weiteren Schritte mit einem Experten ab. Wenn ein sehr guter Kontakt zu dem Kind besteht, könnten sie es auch vorsichtig auf das Thema ansprechen."

Mit den Eltern sollten sie nur reden, wenn deren Sohn oder Tochter damit einverstanden ist. Sonst wird sich das Kind übergangen fühlen und womöglich weitere Hilfsangebote ausschlagen. "Auf keinen Fall sollten Außenstehende jedoch die Augen verschließen und nichts tun", sagt die Beraterin. Denn falsche Scham und Diskretion helfen weder den Kindern noch deren Eltern.

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