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Stern Logo Medizin und Psychologie - Wege aus der Sucht

Alkoholabhängigkeit: Einmal Abgrund und zurück

Rund 1,6 Millionen Deutsche sind laut Schätzungen abhängige Trinker. Mit ihnen leiden ihre Partner und Kinder. Doch zur Selbstaufgabe besteht kein Grund: Denn die Chancen auf Heilung sind besser, als viele glauben.

Von Heike Dierbach

An der Kasse war es immer am schlimmsten. Schon beim Anstehen brach ihr der Schweiß aus. Und wenn sie die vier Flaschen Schnaps aufs Laufband legte, rebellierte der Darm. "Jetzt gucken mich alle an", hämmerte es in ihrem Kopf, "die denken, dass ich saufe." Das Bezahlen schaffte sie gerade noch, dann wurde der Druck so groß, dass sie die Kassiererin fragen musste, ob sie die Personaltoilette benutzen dürfe. Zurück im Auto, war sie fix und fertig. "Ich habe mich so geschämt, mich so schuldig gefühlt." Dabei trank Karin Sommer* kaum Alkohol: Der Schnaps war für ihren Mann Holger. Eine halbe Flasche verbrauchte er am Tag, samstags auch mal eineinhalb. Karin Sommer kaufte ihn, weil sie dachte, dass das besser sei: "So konnte ich doch wenigstens den mit weniger Alkohol nehmen. Er hätte sich den 40-Prozentigen geholt."

Zehn Millionen Deutsche trinken zu viel

Alkohol, wissenschaftlich Ethanol genannt, gehört in Wein und Bier und Spirituosen und ist für die meisten Erwachsenen nicht mehr als ein Genussmittel. Gleichzeitig zählt die farblose flüssige Verbindung aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zu den schlimmsten Suchtstoffen. Rund zehn Millionen Menschen trinken hierzulande so viel, dass sie ihre Gesundheit gefährden. Etwa 1,6 Millionen sind wegen einer Alkoholabhängigkeit dringend behandlungsbedürftig. Und die allermeisten von ihnen leiden nicht allein. Geschätzte acht Millionen Angehörige geraten mit in den Sog der Sucht, "co-abhängig" nennt sie die Wissenschaft. Jeder zweite Mann mittleren Alters hat Probleme im Zusammenhang mit Alkohol. Und seine Familie hat Probleme mit ihm.

Die Sommers gehörten zu diesen Fällen, vier Jahre lang. Richtig angefangen hat es 2002. Aber Warnsignale gab es schon sechs Jahre früher. Damals starb Holgers Mutter, und der Vater zog für vier Monate ein bei Holger, Karin und den beiden Kindern Andreas, 10, und Birgit, 12. Seine Trauer spülte der Witwer mit Rum hinunter. Irgendwann half ihm Holger dabei. Eine Flasche leerten sie so am Abend. Karin gefiel das gar nicht. Ihr Vater war Trinker, "seitdem ertrage ich schon den Ge- ruch nicht", sagt sie. Aber die Männer taten ihr auch leid. Als der Vater auszog, war das Problem beendet. Erst mal.

2002 starb dann Karins Mutter während eines Urlaubs in Ägypten. Die Überführung war kompliziert, Karin war traurig, Holger gestresst. "Da ist mir der Alkohol wieder eingefallen", sagt er. Er kaufte eine Flasche Schnaps und trank am selben Abend die Hälfte vor dem Fernseher aus. Das machte er dann drei-, viermal pro Woche. Schließlich jeden Feierabend, und am Samstag wurden es auch mal eineinhalb Flaschen. Mit Cola oder pur. "Ich habe da überhaupt kein Problem drin gesehen", erinnert er sich. Karin schon. Immer wieder sagte sie zu Holger: "Du trinkst ein bisschen viel." Er versprach: "Nächste Woche wird's weniger." Aber es wurde mehr. Unter Druck setzte Karin Holger nicht: "Dann hätte er doch nur dichtgemacht." Und im Grunde sah sie ihn ja auch gar nicht als Abhängigen: "Alkoholiker, das waren für mich die Penner am Hauptbahnhof, die gar nichts mehr auf die Reihe bekommen. Mein Mann ging ja noch jeden Tag zur Arbeit."

Grenzen zur Sucht sind fließend

"Ich wundere mich immer wieder, wie viel Duldung trinkende Männer von ihrer Umgebung erfahren", sagt Sylvia Berke, Autorin des Ratgebers "Familienproblem Alkohol", "vor allem am Anfang der Erkrankung, wenn sie noch leichter aufzuhalten wäre." Die Ärztin und Suchttherapeutin führt das auch darauf zurück, dass Alkohol zu vielen Gelegenheiten in unserer Gesellschaft akzeptiert ist und dass die Grenzen zur Sucht so fließend sind. Viele merken gar nicht, wie sie nach und nach in die Abhängigkeit geraten - oder auch nur zu oft oder zu viel trinken.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen veröffentlicht Werte, an denen sich jeder leicht messen kann: Frauen sollten danach nicht mehr als 12 Gramm pro Tag trinken, Männer nicht mehr als 24 Gramm. Jenseits dieser Menge steigt das Risiko für zahlreiche Folgeerkrankungen. 24 Gramm Alkohol entsprechen etwa zwei 0,3-Liter-Gläsern Bier oder einem Viertelliter Wein - wobei man aber an zwei Tagen pro Woche nüchtern bleiben sollte. Durchschnittlich trinkt in Deutschland jeder Erwachsene unter 70 Jahren täglich knapp das Doppelte. Selbst wenn man diese Menge auf alle Bürger ab 15 Jahre umrechnet, macht das pro Jahr 12 Liter reinen Alkohol pro Kopf. Damit liegt die Bundesrepublik europaweit auf Platz 5. Mehr Alkohol trinken nur die Iren, Tschechen und Ungarn, am meisten die Luxemburger (15,6 Liter). Allerdings wird der Großteil dieser Menge nur von einer kleinen Gruppe konsumiert: den Abhängigen.

Als abhängig gilt, wer mindestens drei der folgenden Symptome aufweist:
• häufiger starker Drang nach Alkohol
• Unfähigkeit, Beginn und Ende des
Trinkens zu kontrollieren (etwa an einem Abend im Lokal)
• körperliche Entzugssyndrome wie Übelkeit oder Zittern
• Toleranzentwicklung (Es muss immer mehr Alkohol getrunken werden, um die gleiche Wirkung zu erzielen)
• Änderung des Tagesablaufs, um trinken zu können
• Fortführung des Konsums trotz schädlicher Folgen

Die Faustregel: Wer es nicht mehr schafft, mal zwei Wochen gar nichts zu trinken, hat ein gewaltiges Problem. Tückisch am Alkoholismus ist, dass er sich ganz langsam entwickelt. Der amerikanische Physiologe Elvin Morton Jellinek teilte die Entstehung der Krankheit bereits 1951 in folgende Stufen ein: In der ersten "symptomatischen Phase" erreicht der Trinker durch den Konsum einen Abbau innerer Spannungen. Weil er dies immer wieder erleben möchte, sucht er gezielt Situationen auf, in denen getrunken wird. Dadurch verlernt er nach und nach andere Strategien, mit Stress umzugehen. In der zweiten, der Vorläuferphase, hört Alkohol auf, ein Getränk zu sein, und wird zur Droge. Der Betroffene beginnt, heimlich zu trinken und Vorräte anzulegen. Es kommt zu ersten körperlichen Beschwerden wie häufigen Erkältungen. In der "kritischen Phase" folgt der Kontrollverlust. Hat der Kranke einmal mit dem Trinken angefangen, kann er nicht mehr aufhören, bis er zu betrunken ist, um weiterzutrinken oder bis er einschläft. Das Trinken entwickelt sich zum Lebensinhalt, für den andere Aktivitäten vernachlässigt werden.

In der "chronischen Phase" werden die Rauschzustände immer länger und die körperlichen Folgen sichtbarer. Es kommt zu Zittern und Angstzuständen, manchmal auch Wahnvorstellungen. Ohne Therapie endet diese Phase tödlich. Die Entwicklungsabschnitte können sich überlappen, und nicht jeder Trinker durchläuft sie alle. Deshalb ergänzte Jellinek das Konzept durch die Unterscheidung verschiedener Trinker-Typen, etwa den Gelegenheitstrinker, den Quartalstrinker oder den Spiegeltrinker, der einen konstanten Blutalkoholspiegel anstrebt.

So weit die äußerlich sichtbaren Schritte in die Sucht. Inzwischen haben Forscher auch herausgefunden, was sich dabei im Gehirn des Trinkers abspielt: Alkohol stimuliert über die Ausschüttung von Endorphinen eine bestimmte Region im Vorderhirn, den Nucleus Accumbens. Dieser Gehirnteil ist dafür zuständig, Verhaltensweisen danach zu bewerten, ob sie positive Effekte bringen und daher wiederholt werden sollten, etwa das Essen einer leckeren Mahlzeit bei Hunger. Durch die wiederholte Stimulation dieser Region klassifiziert das Gehirn Alkohol fälschlich als extrem positiv, ja lebenswichtig. Folglich gibt es in Zukunft immer wieder den Befehl, Alkohol zu trinken. Um das zu erleichtern, wird die Wahrnehmung für genau diesen Reiz geschärft: Alkoholiker nehmen Alkohol in ihrer Umgebung besonders leicht wahr, so wie man eine bekannte Stimme besser aus einem Chor heraushört.

Genetische Veranlagung

Warum aber gerät der eine durch ein gelegentliches Glas Wein in diese Spirale und der andere nicht? Auf diese Frage gibt es noch immer keine vollständige Antwort. Die genetische Veranlagung spielt auf jeden Fall eine Rolle: In einer schwedischen Studie wurden von Männern, die man als Baby adoptiert hatte, 10,7 Prozent Alkoholiker, wenn auch ihr genetischer Vater abhängig war - ansonsten nur zwei Prozent. Die meisten Adoptionsstudien fanden derartige Zusammenhänge. Allerdings müssen zur ererbten Anfälligkeit äußere Stressoren kommen, die der Betroffene nicht besser zu bewältigen weiß als mit Alkohol. Frühe negative Lebenserfahrungen etwa. Oder, wie bei Holger Sommer, aktuelle Belastungen. Recht verbreitet ist auch die Hypothese, dass viele Alkoholiker in Wirklichkeit an einer sozialen Phobie leiden, also einer krankhaft gesteigerten Angst, abgelehnt zu werden. Um diese Angst zu bekämpfen und sich sicherer zu fühlen, greifen sie zur Flasche - Alkohol als psychopharmazeutische Selbstmedikation. Und nicht zu vergessen: Damit Alkoholismus entstehen kann, muss Alkohol verfügbar sein. Je mehr er in einer bestimmten Umgebung als gängiges Genussmittel und Entspannungsmethode akzeptiert ist, desto schwerer ist es für Gefährdete zu widerstehen.

Holger Sommer kam dennoch lange klar. Er hatte ursprünglich Bauarbeiter gelernt. "Da gab es ab und zu mal ein Feierabendbierchen", erinnert er sich, "aber man hat schon darauf geachtet, dass es nicht zu viel wurde." Seit 1988 arbeitet er als Gabelstaplerfahrer bei einem großen Hamburger Kosmetikkonzern, "da herrscht absolutes Alkoholverbot". Auf Familienfeiern hat er mal einen Schnaps genommen, "so alle drei Wochen war ich vielleicht mal angeschickert. Aber nicht besoffen."

Ende 2002, einige Monate nach dem Tod der Schwiegermutter, gehörte Holger Sommer dann aber zu der Gruppe, die den bundesdeutschen Alkoholdurchschnitt hebt: Das erste Glas Schnaps trank er oft gleich, wenn er gegen 16 Uhr nach Hause kam, in der Küche. Bis 22 Uhr leerte er nach und nach eine halbe Flasche. Karin suchte die Schuld damals bei sich: "Ich dachte, vielleicht hab ich mich nicht genug um ihn gekümmert. Oder er trinkt, weil ich so viel zugenommen habe." Manchmal sagte Holger auch zu ihr: "Wenn du abnimmst, trinke ich weniger." Oder: "Wenn du aufhörst zu rauchen, höre ich auf zu trinken." Karin hörte auf - aber Holger trank weiter. Oft rief er sie vor dem Einkaufen an und sagte halb im Scherz: "Vergiss meinen Schnaps nicht." Karin ging immer abwechselnd zu Spar, Lidl und Aldi, "damit es nicht so auffällt".

Die Familie fühlt sich verantwortlich

"Scham breitet sich in einer Suchtfamilie aus wie eine ansteckende Krankheit", sagt Suchttherapeutin Sylvia Berke. "Die Angehörigen fühlen sich verantwortlich für das Verhalten des Trinkenden, obwohl sie es gar nicht beeinflussen können." Oft werden sie von diesem sogar explizit verantwortlich gemacht, weiß Hartmut Große, Geschäftsführer der Organisation Al-Anon, dem Angehörigen-Pendant zu den Anonymen Alkoholikern. "Wenn du immer nörgelst, muss ich ja saufen", "wenn du in der Schule bessere Noten hättest, könnte ich aufhören zu trinken" - solche Sätze sagen Alkoholabhängige zu ihrer Frau und ihren Kindern. Nicht, weil sie bösartig wären. Sondern weil sie sich für ihr eigenes Verhalten schämen.

So drastisch muss es aber nicht kommen und kommt es auch in vielen Alkoholikerfamilien nicht, meint Berke. "Die Veränderungen sind viel unauffälliger und feiner, fast unmerklich - aber deshalb nicht weniger tiefgreifend und schmerzhaft." Sie vergleicht Familien mit einem Mobile: Hängt man an eine Figur das Gewicht eines Flachmanns, geraten auch alle anderen Figuren aus dem Gleichgewicht. Die Rolle der Partnerin werde zugleich überhöht und überlastet, sagt Berke: "Sie übernimmt nach und nach immer mehr Verantwortung für die Familie. Damit erhält sie aber auch viel Macht. Der trinkende Partner wird zunehmend von ihr abhängig, wie ein weiteres Kind. Sein Platz in der Familie wird immer kleiner, vielleicht beziehen ihn die anderen auch gar nicht mehr mit ein."

Sie versteckte seine Flaschen

Holger Sommer war ganz zufrieden, dass Karin ihn mit Schnaps versorgte. Damit er nicht alles auf einmal trank, versteckte sie die Flaschen: unter den Sitzen im Auto, in der Eckbank in der Küche, im Kleiderschrank des Sohnes, unter dem Ehebett. Jede angebrochene Flasche verdünnte sie heimlich zur Hälfte mit Wasser. Noch immer sah Holger in seinem Konsum kein Problem. "Ich habe das Gefühl jedes Mal genossen, dass alles so weit weg war", sagt er. Sein Sohn aber wünschte sich den nüchternen Vater zurück: "Tagsüber konnten wir prima miteinander reden. Er hat sich dafür interessiert, wie es mir geht. Wenn er abends getrunken hatte, war ihm das offenbar egal."

"Der Trinker verschwindet als Gegenüber in den familiären Beziehungen", sagt Berke, "die Frau hat de facto keinen Partner mehr, die Kinder keinen Vater." Meist nehmen die Kranken selbst dies gar nicht wahr. Wie abwesend er als Betrunkener war, wurde Holger Sommer erst nach dem Entzug klar. "An einem Abend hat die ganze Familie Malefiz gespielt, und ich wurde gar nicht gefragt, ob ich auch Lust hätte", erinnert er sich. "Weil vier Jahre lang klar war, dass er sowieso nicht mitmachen würde", sagt Karin. Stattdessen wurde er mit jedem Glas stiller und verschwand meist schon gegen acht zum Fernsehen im Schlafzimmer. Manchmal stand er später noch einmal kurz auf und meckerte Karin an: "Warum kommst du nicht endlich ins Bett?" Am nächsten Morgen konnte er sich an nichts erinnern.

Alles, was die Sommers zuvor gemeinsam unternommen hatten, machte Karin jetzt allein: spielen, fernsehen, bummeln, Freunde besuchen. Das heißt: Sie versuchte es. Oft war sie kaum bei den Freunden angekommen, da klingelte schon das Telefon, und Holger beschwerte sich, dass sie ihn allein ließ. "Meist bin ich dann gleich zurückgefahren. Sonst wäre er den ganzen nächsten Tag gnaddelig gewesen." Wenn sie doch mal zusammen ihre Schwester in Uelzen besuchten - eineinhalb Stunden Autofahrt von Hamburg entfernt -, wollte Holger nach zwei Stunden schon wieder nach Hause. "Die Kinder waren dann natürlich furchtbar enttäuscht." Aber Holger bekam seinen Willen.

Sie spielte keinem etwas vor

Das Wort Co-Abhängigkeit ist unter Wissenschaftlern und Betroffenen umstritten. Tatsächlich dreht sich aber das Leben des Alkoholikers um die Flasche - und das des Partners um den Alkoholiker. "Für mich passte die Bezeichnung genau", sagt Karin Sommer heute. Dabei tappte sie noch nicht einmal in die gefährlichste Falle für Angehörige: Sie spielte Familie und Freunden nichts vor, wenn Holger mal wieder nicht mitkommen konnte, weil er betrunken war. Nur wenige Ehefrauen wagen so viel Offenheit, weiß Berke. "Oft werden die Grenzen nach außen dichtgemacht, damit nur keiner etwas merkt.

Dann ruft die Frau beim Chef oder bei Freunden an und erfindet für ihren Mann eine Ausrede - aus Angst, sonst abgelehnt zu werden." Karins Freunde und Familie hielten zu ihr: "Alle haben mich bedauert. Aber helfen konnten sie mir auch nicht." Sie suchte sich aus den Gelben Seiten die Telefonnummer einer Beratungsstelle. "Hundertmal hatte ich den Hörer schon in der Hand. Aber ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Und ich hätte Holger ja sowieso nie dazu gekriegt, da hinzugehen." "Was kann ich tun, damit mein Mann aufhört zu trinken?" Diesen Satz hört Hartmut Große am Info-Telefon von Al- Anon von verzweifelten Ehefrauen am häufigsten. Er beantwortet ihn immer gleich: "Sie können nur etwas für sich tun." Denn alle Bemühungen der Partnerin, den Trinkenden zu kontrollieren, stützen nur unbeabsichtigt seine Sucht: "Dadurch erspart man dem Abhängigen die Konsequenzen. Oft sind die aber genau der Anstoß, den er braucht." Wenn erst der Führerschein weg ist und der Chef mit Kündigung droht, kann der Kranke immer weniger leugnen, dass sein Verhalten problematisch ist. Sylvia Berke bestätigt das: "Manchmal muss es eben wehtun." Zwar ist man heute nicht mehr der Ansicht, dass der Alkoholiker erst "ganz unten" sein muss. "Aber er muss an einen Punkt kommen, wo er sich entscheiden muss zwischen dem Alkohol und dem, was ihm sonst noch im Leben wichtig ist." Denn auch wenn es oft so aussieht, als sei dem Trinker alles egal: "Die meisten haben noch viel, was sie nicht verlieren möchten."

Ende 2005, drei Jahre nachdem ihr Mann angefangen hatte zu trinken, bekam Karin Sommer einen Bandscheibenvorfall. "Das waren höllische Schmerzen", sagt sie, "ich konnte mich kaum noch bewegen." Psychosomatische Beschwerden sind häufig bei Angehörigen von Suchtkranken, sagt Berke: Rückenbeschwerden, Magen- Darm-Krankheiten, Schmerzzustände, Schlafstörungen und auch Depressionen. Unbewusst stecke darin oft auch ratlose Wut auf den Partner, die Botschaft: "Siehst du, wie krank du mich gemacht hast!" Wütend war Karin Sommer damals nicht, sagt sie, höchstens genervt. "Eigentlich habe ich gar nicht gemerkt, wie sehr ich gelitten habe." Trennung, der Gedanke kam ihr nie. "Holger hat mir ja nie etwas getan. Er war nur nicht mehr richtig da." Dass ihr Bandscheibenvorfall mit ihrem trinkenden Partner zu tun haben könnte, wurde ihr erst viel später klar, als der Therapeut in Holgers Suchtklinik sie darauf ansprach. Deutlich mehr Frauen als Männer halten ihrem Partner trotz Alkoholismus die Treue.

Im Januar 2006 näherte sich Holger Sommers Talfahrt ihrem Ende. Nach einer Routineuntersuchung in der Firma wurde er zur Betriebsärztin gerufen: Seine Leberwerte waren 20-fach erhöht. Die Ärztin redete Klartext: "Sie trinken deutlich zu viel Alkohol." Sein Chef gab Holger Sommer Zeit, um den Konsum zu reduzieren, der stimmte dafür unangekündigten Blutkontrollen zu - und trank weiter. Im Mai wurde eines Morgens ein Restalkohol von 0,24 Promille festgestellt. Die Firma ließ ihm die Wahl: Langzeittherapie oder Kündigung. Karin hatte Angst, dass er jetzt den Halt verlieren würde. Aber ihr fiel auch ein Stein vom Herzen: "Endlich passierte etwas!"

50 bis 60 Prozent werden trocken

Die Chancen, eine Alkoholabhängigkeit in den Griff zu bekommen, sind heute besser als allgemein angenommen: Mit der richtigen Therapie gelingt es immerhin 50 bis 60 Prozent der Behandelten, langfristig trocken zu werden. Die Krankheit an sich ist aber chronisch und nie ganz "heilbar" in dem Sinne, dass ein kontrollierter Umgang mit Alkohol später wieder möglich wird, sagt Falk Kiefer, Professor für Suchtforschung an der Universität Heidelberg und stellvertretender Direktor der Suchtklinik im Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim. Deshalb müsse man auch den Begriff Erfolg flexibler sehen: "Manchmal ist es schon ein Fortschritt, wenn der Kranke am Leben bleibt." Oder zumindest über lange Phasen keinen Alkohol trinkt. Einige von Kiefers Patienten werden pro Jahr einmal rückfällig, was aber nicht zwingend ein Misserfolg sei: "Wenn die Patienten schnell wieder in Behandlung kommen, sind sie nach drei Wochen Klinik wieder trocken und haben damit weniger krankheitsbedingte Ausfallzeiten als Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen wie etwa Multiple Sklerose oder Rheuma." Grundsätzlich "untherapierbare" Alkoholiker gibt es nicht, betont der Mediziner: "Oft schaffen es auch Leute, denen es niemand zugetraut hat."

Karin hat es Holger zugetraut, "von Anfang an". Warum? "Ich wusste es einfach." Seine Firma organisierte ihm einen Platz in einer Suchtklinik mitten im Wald, 50 Kilometer südlich von Hamburg. "Auf der Fahrt dorthin habe ich mich gefühlt, als ob ich in den Knast gehe", sagt Holger, "ich hatte total Angst." Angst wovor? "In mein Innerstes zu schauen." In der Klinik wurde ihm vor Augen geführt, was seine Zukunft mit Alkohol wäre: Von den 16 Männern in seiner Therapiegruppe war er als einziger noch verheiratet. Einer kam im Rollstuhl, ein anderer auf Krücken, fünf aus dem Knast. "Mir wurde klar, was Alkohol für eine Macht hat." Auch über ihn. In vielen, vielen Gruppen- und Einzelsitzungen tastete er sich an die Erkenntnis, dass er krank ist, abhängig. Dass der Alkohol eine Flucht war. In einem Gedicht hielt er seine Gedanken fest: "Ich war ein Träumer, der über brüchiges Eis gelaufen ist und sich oft nasse Füße geholt hat. Meine Familie hat das Knacken gehört. Ich nicht."

Karin fuhr Holger besuchen, jeden Samstag und Sonntag, eine Stunde morgens hin und abends zurück, obwohl sie sich davor fürchtet, im Dunkeln Auto zu fahren. "Aber ich habe gemerkt, dass er mich brauchte." Auch Karin hatte Besuch: Die Sozialtherapeutin der Firma kam zu ihr nach Hause, mit Blumenstrauß. Worüber die beiden Frauen geredet haben, weiß Karin schon gar nicht mehr, "aber es hat mir sehr gutgetan".

Alternative Entspannung finden

Nach vier Wochen in der Klinik wurde Holger Sommer Gruppensprecher und begleitete andere bei Behördengängen in Hamburg. Gemeinsam übten sie, wie sie am besten reagieren, wenn der Drang nach Alkohol wieder über sie kommt. Was sie stattdessen machen können, um zu entspannen. Wie man einen Drink freundlich, aber bestimmt ablehnt.

Zum Ende der Therapie stellten sich die verschiedenen Selbsthilfegruppen in der Klinik vor. Holger gefielen gleich die Guttempler am besten, "die waren sehr sachlich und haben uns mehr reden lassen als dass sie selbst geredet haben". Er schrieb sich die Adresse auf. Am 2. Januar 2007 wurde er entlassen, nach vier Monaten. Ein Vorzeigepatient. Denken alle. "Aber tief drinnen habe ich mich immer noch gesträubt. Ich wollte mir beweisen, dass ich nicht abhängig bin." Am 26. Januar 2007 sollte Holger Sommer zur Blutentnahme bei der Betriebsärztin kommen. Am Abend vorher kaufte er eine Flasche Schnaps und trank sie komplett aus. Eine Katastrophe? Bis heute ist es bei dieser einen Flasche geblieben. "Das war für mich der endgültige Beweis: Ich bin Alkoholiker. Ich darf nie wieder Alkohol trinken."

Daran hat sich Holger Sommer bis heute gehalten. Wenn er jetzt nach Hause kommt, fragt er Karin: "Hast du einen Kaffee?" Dann sitzen sie am Esstisch und reden über den Tag. Sie spielen wieder zusammen Malefiz und Mau-Mau, unternehmen etwas. "Neulich haben wir gemeinsam den Keller aufgeräumt", sagt Karin, "das wäre früher undenkbar gewesen." Regelmäßig gehen die Sommers zur Guttempler- Gruppe. "Das hilft mir, nicht zu vergessen, dass ich immer vor einem Rückfall auf der Hut sein muss", sagt Holger. Mit der Krankheit gehen die beiden offen um, auch ihre Vornamen haben sie für diese Geschichte nicht ändern lassen, "wer uns kennt, weiß es sowieso". Die allermeisten Freunde und Verwandten zeigen Verständnis, haben sogar Respekt, dass Holger es geschafft hat. Nur zu Feiern von Kollegen geht er lieber nicht mit. Er hat Angst: "Wenn die selbst zu viel getrunken haben, kommen vielleicht doch die Sprüche, Holger, einen kannst du doch."

Karin glaubt fest daran, dass die Plage Alkohol für sie und Holger vorbei ist. "Noch mal würde ich das auch nicht mitmachen." Nächstes Jahr haben die beiden Silberhochzeit. Ist Holger seiner Frau dankbar für alles, was sie mit ihm durchgehalten hat, in diesen schlechten Zeiten? Er sieht Karin an und schluckt: "Tierisch. Das kann man gar nicht in Worte fassen."

* Nachname der Familie sowie die Vornamen der Kinder geändert

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.