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Teil 2: Kneipp & Sauna

Mit kleinen Mitteln Großes tun: Das war vor mehr als hundert Jahren die Idee des Allgäuer "Wasserdoktors" Sebastian Kneipp. Er verordnete kalte Güsse und warme Waschungen.

Sein Lehrmeister trug ein schwarzes Priestergewand, hatte weißes Haar und blickt auf Fotografien immer etwas streng drein. Er trägt ein weißes T-Shirt, Trainingshose und Turnschuhe, hat braune Haare und schaut überaus freundlich in die Welt. Trotzdem macht Joachim Bohmhammel dem Vermächtnis von Pfarrer Sebastian Kneipp alle Ehre. Im Sebastianeum, einer Kurklinik in Bad Wörishofen, arbeitet der Leiter der Physikalischen Abteilung in denselben Räumen und nach denselben Prinzipien wie Kneipp vor 113 Jahren: Er lässt warmes und kaltes Wasser aus einem Schlauch über Knie, Schenkel und Brustkörbe von Migräne- und Bronchitiskranken fließen. Er lockert in einer gigantischen Badewanne mittels Unterwassermassagen die verspannte Rückenmuskulatur von Kreuzgeplagten. Er verabreicht Fuß- und Armbäder bei Patienten mit zu hohem Blutdruck, Ohrenpfeifen oder Schlafstörungen.

Joachim Bohmhammel ist Experte für die Behandlung mit Wasser, für die so genannte Hydrotherapie (griechisch hydros = Wasser) - das wichtigste Teilgebiet der Kneippschen Heilkunde, die ansonsten auf klassische Kräuterbehandlungen, vollwertige Ernährung, ausreichende Bewegung und eine "Ordnungstherapie" setzt. Im Sebastianeum bekommen täglich 200 Kurgäste rund 800 so genannte Anwendungen: Güsse und Wickel, Waschungen und Bäder, feuchtwarme Heublumensäcke und Anweisungen zum Wassertreten. Sie lernen, dass "ein kaltes Armbad am Nachmittag die Tasse Kaffee als Wachmacher ersetzt". Und dass der Heublumensack, der hier noch von Schwester Cäcilia handgenäht und den Patienten morgens um fünf ins Bett gesteckt wird, auch "das Morphium in der Kneipptherapie" heißt, wegen der beruhigenden und schmerzlindernden Wirkung.

Wer nach Bad Wörishofen im Allgäu oder in einen der 66 anderen deutschen Kneippkurorte kommt, hofft auf Kräftigung der Gesundheit oder Linderung der Leiden durch Leitungswasser, sei es per Gesichtsguss oder Vollbad. Mit seinen nassen Kuriermethoden machte Sebastian Kneipp Ende des 19. Jahrhunderts aus dem kleinen Bauerndorf Wörishofen ein florierendes Kurbad, in das Prinzen, Kardinäle und Erzherzöge reisten, um zu gesunden.

Aha-Erlebnis mit Wasser

Sein erstes Aha-Erlebnis mit Wasser hatte Kneipp schon als junger Hütebub, sagt die Überlieferung. Demnach beobachtete er eine Kuh, die ihren kranken Fuß ins Wasser tauchte und danach wieder besser laufen konnte. Zum überzeugten Verfechter der Hydrotherapie wurde er aber erst nach einem verzweifelten Selbstversuch: Als 24-jähriger war Kneipp an Lungentuberkulose erkrankt und hustete Blut. Dem Todgeweihten fiel ein Buch des schlesischen Arztes Johann Siegmund Hahn in die Hände, über die "Kraft und Wirkung des frischen Wassers". Daraufhin wanderte der junge Theologiestudent im November 1849 von Dillingen aus eine Dreiviertelstunde zur Donau, sprang nackt hinein, zog sich wieder an und marschierte zurück - zwei- bis dreimal pro Woche. Tatsächlich wurde er gesund.

Nach der Flussheilung therapierte Kneipp sich weiter mit Güssen aus der Gießkanne und Halbbädern in der Waschküche und kurierte später sogar einen Kommilitonen. Danach, versetzt in das Dominikanerinnen-Kloster Wöris- hofen, behandelte der Pfarrer nahezu alles und jeden mit Wasser: unfruchtbare Frauen, Menschen, die unter nervösem Herzklopfen, Schwindel, Schlaflosigkeit und Blasenkrämpfen litten. Aus dem Gottesmann war ohne Medizinstudium ein Heiler geworden, mit dem Spitznamen "Wasserdoktor". Seine Instrumente waren denkbar einfach: Eimer, Schöpfkelle und Gießkanne. Er machte es populär, morgens barfuß über taunasse Wiesen zu laufen oder im Storchengang mit geschürzten Rocksäumen durch Bäche zu stapfen - Verweichlichung war out, Abhärtung durch kaltes Wasser in.

Kneipp schrieb Bestseller ("Meine Wasserkur", "So sollt ihr leben"), ließ vornehmlich aus Spendengeldern in Wörishofen Kurhäuser bauen, in denen er gemeinsam mit Ärzten Kranke behandelte. Er therapierte den völlig abgemagerten Papst Leo XIII. und wurde von der "Washington Post" Ende des 19. Jahrhunderts zur drittberühmtesten Person der Welt gekürt - nach dem amerikanischen Präsidenten und Fürst Bismarck. Bereits 1893 pilgerten mehr als 33 000 Kurgäste nach Wörishofen.

Kneipp hatte Erfolg, ohne genau erklären zu können, warum. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod begannen Forscher zu verstehen, über welche Mechanismen die Methoden des bayerischen Pfarrers auf den Körper wirken. Inzwischen weiß man:

- Wasser dient als Medium, das Wärme- und Kältereize auf die Haut bringt. Die Auswirkungen auf den Körper hängen davon ab, an welchen Stellen, wie lange, wie warm oder kalt, wie regelmäßig und auch wann die Anwendungen durchgeführt werden. So hat etwa Kneipps Regel "Nie kaltes Wasser auf kalte Haut, sondern den Körper vorher erwärmen" (zum Beispiel im weichen Bett, durch schweißtreibendes Holzhacken oder warmes Wasser) durchaus ihren Sinn. Denn wenn die Ausgangstemperatur des Körpers relativ hoch ist, wird der Kältereiz als weniger unangenehm empfunden.

- Damit der Mensch Wärme- und Kältereize wahrnehmen kann, verfügt seine Haut über so genannte Thermorezeptoren - wobei es durchschnittlich etwa sechsmal so viele für Kälte gibt wie für Wärme. Die Rezeptoren leiten Signale über verschiedene Nervenbahnen zum Rückenmark, von dort aus werden sie zum Gehirn weitergeschaltet, sodass wir den Reiz überhaupt merken. Reaktionen auf die Reize können nahezu im ganzen Körper auftreten - ausgehend vom Gehirn oder von den Nervenzellen des Rückenmarks. Vor allem das vegetative Nervensystem, das auf innere Organe und Blutgefäße wirkt, wird von den Kneippanwendungen beeinflusst.

- So bekommen etwa die Gefäße in der Haut nach einem Kältereiz zunächst das "Kommando", sich zusammenzuziehen, und stellen sich bei Abklingen des Reizes wieder weit. Der Effekt: Die Durchblutung wird besser. Das erklärt, warum bei einem kalten Guss die Haut erst blass, danach wieder rosig wird und sich ein wohliges Wärmegefühl ausbreitet.

- Nach einem als unangenehm empfundenen Kältereiz veranlasst das Gehirn die Hirnanhangsdrüse, das Hormon ACTH auszuschütten. Dieses wiederum sorgt dafür, dass die Nebenniere das Stresshormon Cortison freisetzt. Untersuchungen gaben Hinweise darauf, dass nach drei Wochen Kneippkur mit wiederholten Kaltwasseranwendungen ein Kältereiz keine Cortison-Ausschüttung mehr bewirkt - eine Art Abhärtung gegen Stress.

- Weil die Nervenbahnen viele Punkte des Körpers miteinander verbinden, wirkt kaltes oder warmes Wasser nicht nur an der Stelle, an der es die Haut berührt - sondern kann auch Veränderungen in anderen Regionen des Organismus auslösen. Die Wissenschaftler nennen das "konsensuelle Reaktionen". Erwiesen sind etwa folgende Effekte: Nach einem kalten Knieguss steigt reflektorisch die Durchblutung in den Händen. Ein Essigwickel am linken Arm fördert zugleich die Zunahme der Hauttemperatur am rechten Arm. Ein Armbad mit steigender Temperatur lässt auch die Durchblutung in den Unterschenkeln ansteigen. Und warme Fussbäder erweitern die Blutgefäße in der Nasenschleimhaut.

So selten wie Goldstaub

Was die Wissenschaft bislang nachgewiesen hat, sind erst Bruchstücke der heilenden Mechanismen. So ist etwa noch nicht ganz klar, wie durch regelmäßige Kneippsche Anwendungen der Blutdruck gesenkt wird oder wie es zur Linderung von Gelenkschmerzen kommt. Annette Kreutzfeldt von der Abteilung für Physikalische und Rehabilitative Medizin der Martin-Luther-Universität in Halle bringt es in einer wissenschaftlichen Arbeit auf den Punkt: "Bis heute erfolgt der Einsatz vieler Methoden vorwiegend aufgrund empirischer Erfahrung. Zum genauen Wirkmechanismus bestehen unzureichende Vorstellungen, und ein exakter Wirknachweis steht oftmals noch aus."

"Gute Studien zu dem Thema sind so selten zu finden wie Goldstaub", sagt auch Professor Edzard Ernst, Direktor des Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der britischen Universität Exeter. Das habe mehrere Gründe: Zum einen dächten viele Kneipp-Anhänger, ihre Methoden, die über mehr als ein Jahrhundert überliefert worden sind und mit denen sie immer gute Erfahrungen gemacht haben, müssten sich nicht noch mal in Studien beweisen. Die Kurorte hätten es größtenteils verschlafen, gute, kontrollierte Untersuchungen zu dem Thema durchzuführen. "Eine Unterlassungssünde", sagt Ernst.

Zum anderen sei es heutzutage für einen jungen Wissenschaftler nicht gerade karrierefördernd, wenn er über Kneipp forsche. "Das ist schade. Ich glaube, dass man mit der Methode dem Patienten viel Gutes tun kann", sagt Ernst. "Ich habe selber früher in der Klinik viel damit gearbeitet."

Trotz der Wissenslücken sind die Kneippschen Anwendungen fest in der Schulmedizin verwurzelt und werden - anders als andere alternative Verfahren - von den Klinikern nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung empfunden. So verordnen Intensivmediziner etwa Kaltreize am Brustkorb, um die Atmung zu stimulieren und Lungenentzündungen vorzubeugen. Und Internisten nutzen Wadenwickel gegen Fieber, wechselwarme Arm- und Fußbäder bei Patienten mit Durchblutungsstörungen und kalte Kompressen gegen Gichtschmerzen.

"Die Hydrotherapie ist zudem sinnvoll bei chronischen Schmerzen, Erschöpfungssyndromen, Schlafstörungen und Missempfindungen der Beine bei venösen Erkrankungen", sagt Professor Christoph Gutenbrunner vom Institut für Balneologie (Bäderkunde) und Medizinische Klimatologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Neuere Forschungsergebnisse zu den einzelnen Anwendungsformen helfen, das Puzzle der Wasserwirkungen langsam zu vervollständigen:

- Ärzte des Klinikums Benjamin Franklin in Berlin und der Kliniken Essen-Mitte wiesen im vergangenen Jahr nach, dass wechselwarme Wasseranwendungen zu Hause (dreimal täglich, sechs Wochen lang) bei Patienten mit Herzinsuffizienz sowohl das Gefühl der Lebensqualität verbesserten als auch die Krankheitssymptome verminderten. Erklärungsansatz: Erhöhung der Stresstoleranz.

- Im Jahre 2001 zeigten Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover, dass kalte Gesichtsgüsse kombiniert mit kalten Nackenwickeln die kognitive Hirnleistung bei älteren Probanden verbessern. Erklärungsansatz: Durch die Kältereize an Gesichts- und Nackenhaut werden die Blutflussgeschwindigkeit und der Stoffwechsel in Gehirn beeinflusst.

- Gerade ist eine Untersuchung an der Herz- und Kreislaufklinik der LVA Schwaben in Bad Wörishofen abgeschlossen worden, die positive Effekte von Wasseranwendungen auf den Blutdruck nachweist. "Wir haben gezeigt, dass bei Patienten mit zu hohem Blutdruck kleine hydrotherapeutische Maßnahmen wie regelmäßige wechselwarme Arm- und Kniegüsse über drei Wochen die Werte signifikant senken konnten - im Vergleich zu Patienten, die diese Kneippschen Anwendungen nicht erhielten", sagt Chefarzt Professor Eberhard Volger.

Gerühmt wurden die Kneippmethoden schon vor mehr als 100 Jahren, besonders wegen der Abhärtung, die sie bewirken. Kneipps eigene Heilung von der Tuberkulose erklären Wissenschaftler heute so, dass die wiederholten Kaltwasserreize in der eisigen Donau jenen Teil des Immunsystems aktiviert haben müssen, der die Tuberkelbakterien vernichtet.

Professor Edzard Ernst führte 1990 an der Medizinischen Hochschule Hannover eine Art Kneippstudie durch, die zu folgendem Ergebnis kam: Sowohl Wechselduschen (mindestens fünfmal pro Woche) als auch Saunagänge mit anschließender Kaltwasseranwendung (ein- bis zweimal die Woche) vermindern die Häufigkeit von Erkältungskrankheiten signifikant, wenn sie länger als drei Monate regelmäßig durchgeführt werden. "Durch welche genauen Mechanismen im Körper schließlich weniger Infekte auftraten, bleibt Spekulation", resümierte Ernst damals.

Licht in die Dunkelheit

Inzwischen hat eine Untersuchung der Medizinisch Immunologischen Laboratorien München und des Instituts für Angewandte Immunologie in Bad Wörishofen etwas mehr Licht ins Dunkel gebracht: In einer Studie bekamen Probanden vier Wochen lang täglich morgens einen wechselwarmen Vollguss über den ganzen Körper; zudem wurde ihnen regelmäßig Blut abgenommen. Die Wissenschaftler konnten signifikante Veränderungen in einem bestimmten Teil des Immunsystems nachweisen: Die Aktivität der so genannten CD4-Abwehrzellen stieg deutlich an, was vermutlich sowohl durch Botenstoffe als auch durch Nervenimpulse ausgelöst wurde.

Wie häufig in der Wissenschaft kommen andere Forscher teilweise zu anderen Ergebnissen - vor einem Jahr konnten Mediziner der Berliner Charité in einer Untersuchung an Kindern, die im Aufbau der von Edzard Ernst ähnelte, bei heiß-kalten Waschungen keine positiven Effekte für die Abwehr feststellen. Dafür gilt aber immerhin der Nutzen von Saunagängen inzwischen als belegt - nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch für Kinder. Wer regelmäßig zum Schwitzen geht, rüstet seinen Organismus gegen Viren und Bakterien. "Ein- bis zweimal in der Woche in die finnische Sauna mit 90 Grad - das verbessert die Abwehrkräfte", sagt Rainer Brenke, Chefarzt der Akutabteilung für Naturheilmedizin in der Hufeland-Klinik in Bad Ems. Ausschlaggebend dafür sei aber nicht das Schwitzen an sich, sondern der anschließende Wechsel zum Kältereiz unter der Dusche oder im Tauchbecken. Da dort der Blutdruck durch die plötzliche Verengung der Arterien besonders bei Menschen mit Bluthochdruck sehr stark steigen kann, sollten jene allerdings aufs Tauchbecken verzichten.

Wie bei Kneippschen Wasseranwendungen trainiert der wiederholte Kältereiz nach den Saunagängen das Herz-Kreislauf-System und regt die Durchblutung in Händen und Füßen an. "Das steigert reflektorisch den Blutfluss in der Nasen- und Rachenschleimhaut", erklärt Brenke, "wodurch mehr Zellen des Immunsystems zu den Orten gelangen, die permanent den Attacken von Viren und Bakterien ausgesetzt sind." Darüber hinaus fördern Saunagänge das Gefäßspiel, tragen so langfristig zur Blutdrucksenkung bei, verbessern die Atmung und regen die Schleimsekretion der Nase an. Ärzte empfehlen das Schwitzen Erwachsenen mit chronischem Rheuma, Durchblutungsstörungen, Blutdruckproblemen und depressiven Verstimmungen. Bei Schulkindern mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen oder Nervosität haben sich Saunagänge als Behandlungsansatz bewährt.

Kneipp hat zu Lebzeiten mit Wasser nahezu alles bekämpft, vom Schnupfen bis zum Leistenbruch, von Bauchfellentzündungen bis zum Veitstanz. Und nach wie vor behandeln die Ärzte mit den Kneippschen Anwendungen eine breite Palette von Erkrankungen. "Hauptindikationen für Kneippanwendungen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psycho-vegetative Leiden wie Schlafstörungen und Herzrasen, depressive Verstimmungen und orthopädische Erkrankungen", sagt Tassilo Albus, Allgemeinmediziner in Bad Wörishofen und Vorstandsmitglied des Kneippärztebundes. Ungeeignet seien die Methoden zum Beispiel für Patienten mit Psychosen und Schilddrüsenüberfunktion.

Über die Langzeiteffekte der klassischen Kneippkur führte Tassilo Albus mit Kollegen eine Studie durch. 363 Patienten wurden während ihres Aufenthalts untersucht und einige Monate später noch einmal befragt. "Wir haben nachgewiesen, dass das Befinden der Patienten noch drei bis sechs Monate nach der Kur deutlich besser ist als zuvor", sagt Albus. Schmerzen und Schlafstörungen nahmen bereits während der Behandlung deutlich ab, die Stresstoleranz zu, und die Besserung in diesen Punkten hielt lange vor. Außerdem sank der Medikamentenverbrauch, ebenso wie die Infektanfälligkeit. Bad Wörishofen (das "Bad" bekam der Ort 1920) hat Kneipp viel zu verdanken - immerhin lässt sich mit dem Namen Gesundheit gut und teuer verkaufen. Vielleicht auch ein Grund, warum Kneipp dort so allgegenwärtig scheint wie Honecker in der DDR: als Büste oder Denkmal, als Ölgemälde in den Wirtsstuben und als Namenspatron für Straßen, Apotheken und Menüs. Der Hauptsitz der Kneipp-Werke allerdings ist Würzburg, dort werden zum Beispiel Baldrian-Dragees und Gute-Nacht-Badeöl aus Melisse und Hopfen produziert. Neuerdings bieten die Werke auch Zeitgemäßeres: "Kneipp-Spa"-Produkte, gedacht für die Frau zwischen 20 und 49 - etwa Sanddorn-Duschgel, das nach Multivitaminbonbons duftet.

Kneippen ist bei Jüngeren out

Neue Geschäftsfelder zu entwickeln tut Not, denn: Kneippen scheint aus der Mode zu kommen und eher etwas für ältere Semester zu sein. Weiße Kacheln und Emaillewannen turnen Jüngere ab, die auf Wellness stehen. Bezeichnend: Wörishofen hat keinen McDonald's. In den Wirtsstuben ist es normal, wenn man abends Kamillentee bestellt. Das Interieur vieler Kurhotels ist braun bis moosgrün und verströmt den verstaubten Charme der siebziger Jahre. Und auch der professionelle Nachwuchs wird rar. Die Sebastian-Kneipp-Berufsfachschule existiert seit 1958, die einzige ihrer Art in Deutschland; ein Jahr dauert die Ausbildung zum Kneipp- und Kur-Bademeister, derzeit hat die Klasse 23 Schüler. "In den letzten drei Jahren haben wir einen Einbruch erlebt", sagt German Schleinkofer, seit 23 Jahren Kneipp-Lehrer.

Den Methoden treu bleiben, aber den alten Muff verscheuchen will Helga Pischel, Naturheilkunde-Ärztin am Kurhaus in Bad Münstereifel, die sowohl in den Kneipp-Werken als auch in Bad Wörishofen gearbeitet hat. Sie träumt von "Kneippness", einer Mischung aus Kneipp und Wellness: Statt dröger Kachelmuster in den Behandlungszimmern will sie ihre Patienten in Klang- und Farbräumen therapieren. Und statt Drei-Wochen-Aufenthalten, für die Jüngere weder Zeit noch Geld haben, Drei-Tage-Kuren anbieten. Im Kopf haben ihre Ideen längst Gestalt angenommen, doch noch scheitert das Projekt an den fehlenden Geldgebern.

Derweil hat Hubertus Holzbock in Bad Wörishofen Millionen in sein Hotel Fontenay gesteckt, um Kneipp light anzubieten: Schenkelgüsse von geprüften Kneipp-Bademeisterinnen in Tausendundeinenacht-Atmosphäre plus Lüftelmalerei, Althergebrachtes in Märchenambiente. Das Vollbad gibt's unterm Kronleuchter, mit Farblichtspielen in der Wanne und Heublumenessenz aus der Kristallkaraffe. Die Hähne, aus denen das kalte Wasser für Schenkel- und Brustgüsse sprudelt, schimmern golden, und die Dusche nach der Sauna duftet wahlweise nach Maracuja oder gefriert zu eisgekühltem Eukalyptusnebel. "Was nutzt die beste Schokolade, wenn man sie nicht richtig verpackt", sagt Hubertus Holzbock, der am liebsten an jeder Autobahnraststätte Armbadebecken installieren lassen würde, weil "das zum Wachwerden mehr bringt als hundert Kniebeugen". Er selbst schlüpft, so oft er kann, mittags aus seinem Brioni-Anzug, nimmt die Cartier-Brille von der Nase und hält seinen Mittagsschlaf eingemummelt in kalte Beinwickel und Federbett. Ein Ort, an dem mit Kneipp kein Geld verdient werden soll, findet sich aber doch in Bad Wörishofen. Der Kindergarten "Gartenstadt". Dort lernen insgesamt 100 Mädchen und Jungen in Bären-, Sonnenstrahlen-, Regenbogen- und Marienkäfergruppen, wie kalte Armbäder, Wassertreten im Becken und Taulaufen auf der Wiese im Herbst funktionieren. Ganztagsbetreuung der besonderen Art, für 55 Euro im Monat. "Kinder lieben es, im Wasser zu plantschen, die muss man gar nicht großartig überreden", sagt Karla Schübel, die Kindergartenleiterin. In Deutschland gibt es inzwischen 22 Kneipp-Kindergärten, deren Methoden vom Kneipp-Bund zertifiziert worden sind; der Großteil von ihnen liegt in den neuen Bundesländern. In manchen lernen die Kinder sogar die richtige Technik von Saunagängen und Rückenbürstungen und halten auch im Winter Mittagsschlaf im Freien.

Kneipp selbst machte übrigens bis ins hohe Alter täglich ein kaltes Sitzbad. Immerhin, er wurde damit 76 Jahre alt. Doch dem Krebs, der sich schließlich in seiner Blase einnistete, konnte das kalte Wasser nichts anhaben. Der Pfarrer lehnte eine Operation ab und starb 1897.

Anika Geißler

Wissenschaftliche Beratung: Prof. Edzard Ernst, Lehrstuhl für Komplementärmedizin,Universität Exeter

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