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Tödliche Therapie in Berliner Praxis: "Es ist erschreckend, was da gelaufen ist"

Wer war der Berliner Arzt Garik R., der am Wochenende bei einer so genannten Psycholyse-Sitzung mehreren Menschen Drogencocktails verabreichte? Ärzte warnen vor seinen unseriösen Therapien.

Von Georg Fahrion, Laura Himmelreich und Lea Wolz

Nach der tödlichen Therapiesitzung im Berliner Stadtteil Hermsdorf zeigen sich Kollegen und Bekannte des Arztes Garik R. schockiert. Selbst der umstrittene Schweizer Arzt und Psychiater Samuel Widmer, der Garik R. ausgebildet hat, ist entsetzt: "Er hat sich zu Experimenten hinreißen lassen", sagt Widmer stern.de. Wie es zu der Überdosierung kommen konnte, sei ihm ein Rätsel. "Ich habe ihn als sehr vorsichtigen Menschen erlebt und als seriös eingeschätzt", sagt der Schweizer über Garik R. "Er war überhaupt kein Draufgänger."

Der Arzt hatte am vergangenen Samstag zwölf Patienten einen Drogencocktail verabreicht - angeblich zu Therapiezwecken. Ein 59-Jähriger starb noch in der Praxis, ein 28-Jähriger wenige Stunden darauf im Krankenhaus. Garik R. behandelte seine Patienten nach der so genannten psycholytischen Methode. Bei dieser in Deutschland nicht zugelassenen Behandlungsmethode setzen Therapeuten auch Rauschgifte wie LSD oder Ecstasy ein. Sie sollen verborgene Traumata zurück ins Bewusstsein holen, damit die Patienten diese dann verarbeiten können. Garik R. lernte die Behandlungsmethode vor 15 Jahren in der Schweiz bei Widmer kennen.

Gruppensitzungen, wie sie auch in Berlin-Hermsdorf stattfinden, seien in der psycholytischen Therapie gängig, sagt Widmer. Bei solchen Sitzungen träfen sich vormittags zehn bis zwölf Personen. Über einen Zeitraum von bis zu zehn Stunden nähmen sie in einem ruhigen Raum gemeinsam Drogen. Nach eigenen Angaben unterrichtet Widmer jedoch nur die Behandlung mit Ketamin und Ephedrin, da diese in der Schweiz legal seien. Ketamin ist ein Narkosemittel, Ephedrin wirkt enthemmend. Die Mittel können auch Halluzinationen auslösen. Deswegen verabreichen nicht nur Ärzte die Mittel - sie werden auch als Partydrogen missbraucht.

"Strikt verboten, unseriös und Unfug"

Von 1986 bis 1993 habe er die Erlaubnis vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit die Erlaubnis gehabt, seine Patienten mit Ecstasy und LSD zu behandeln, berichtet Widmer. Er setzt sich für die Legalisierung der Mittel ein: "Weil es verboten ist, wird im Untergrund viel Unwesen getrieben." Laut Widmer erlernte Garik R. die Behandlungsmethode an zwölf Wochenenden in der Schweiz. Dort leitet Widmer die so genannte "Therapeutisch-Tantrisch-Spirituelle Universität", wo auch Garik R. Kurse für Meditation anbietet. Für das kommende Frühjahr waren neue Seminare mit dem Berliner Arzt geplant.

Neben seinem Schulungszentrum für die umstrittene Behandlungsmethode leitet Widmer im schweizerischen Lüsslingen die "Gemeinschaft Kirschblüte", in der laut eigenen Angaben 75 Erwachsene und 60 Kinder aktiv sind. Die Gemeinschaft will einen Weg zur spirituellen Selbsterkenntnis zeigen, setzt sich aber auch für einen offeneren Umgang mit der Sexualität ein. Unter anderem fordert sie, die Debatte über Inzest zu enttabuisieren.

Drogen bei der Psychotherapie einzusetzen, sei in Deutschland "strikt verboten, unseriös und Unfug", stellt Hans-Jochen Weidhaas, stellvertretender Verbandsvorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, fest. Er fordert eindeutigere Vorschriften beim Titelschutz. "Zu viele Leute können sich Psychotherapeut nennen." Vom Heilpraktiker, der "psychotherapeutische Beratung nach dem Heilpraktiker-Gesetz" anbiete, bis hin zum "heilpraktischen Psychotherapeuten" und zum "Fachmann", der sein Wissen über fragwürdige Zusatzqualifikationen erworben habe, sei alles vertreten. "Der Normalbürger blickt da nicht mehr durch", kritisiert Weidhaas. "Kombinationstitel gehören verboten." Warum Garik R. nicht schon früher jemand das Handwerk legte, obwohl er die verbotene Therapiemethode offensichtlich auf seinem Praxisschild ausgeschrieben hatte, ist dem Fachmann ein Rätsel.

"Jeder, der diesen Ansatz durchführt, steht mit einem Bein im Gefängnis", sagt auch Fredi Lang, Diplompsychologe und Referent für Fachpolitik beim Berufsverband deutscher Psychologen. "Dass sich ein Mediziner so weit aus dem Fenster lehnt, ist allerdings ein Ausnahmefall", meint Lang. "Wissenschaftlich gibt es keine belastbaren Daten, die rechtfertigen, einen solchen Weg bei der Therapie zu gehen."

Auch ein ehemaliger Arbeitgeber Garik R.s ist geschockt. "Es ist erschreckend, was da gelaufen ist", sagt Götz Mundle, ärztlicher Geschäftsführer der Oberberg-Kliniken. Die Klinikgruppe ist unter anderem auf die Therapie von Suchterkrankungen spezialisiert. In einem ihrer Häuser in der Nähe von Berlin hat der Arzt im Jahr 2001 für einige Monate als Vertretung gearbeitet. Mundle: "Der hat seine Arbeit unauffällig und zufriedenstellend gemacht wie andere auch."

Die Nachbarn aus der Berliner Bertramstraße, in der Garik R. und seine Ehefrau ihre Praxen betreiben, kennen den Therapeuten kaum. Die Familie sei erst im vergangenen Frühjahr eingezogen. "Die sind nicht aufgefallen, weder im Guten noch im Schlechten", sagt eine Nachbarin.

"Die haben nicht alle das Gleiche genommen"

Welche Substanzen der mittlerweile verhaftete Arzt seinen Patienten verabreicht hat, ist einem Sprecher der Staatsanwaltschaft zufolge noch nicht zweifelsfrei bekannt. "Die haben nicht alle das Gleiche genommen", sagt er. Garik R. habe zwar sehr detaillierte Angaben gemacht. "Das Problem ist bloß, dass wir bisher nur die Einlassungen des Beschuldigten haben." Die exakte Wirkstoffkombination werde eine toxikologische Untersuchung zeigen; mit einem Ergebnis sei innerhalb einiger Tage zu rechnen. Anscheinend habe Garik R. die Substanzen zum Teil intravenös verabreicht. Weitere Teilnehmer an der Gruppensitzung würden derzeit befragt, darunter Garik R.s Ehefrau. Sie werde bisher allerdings nicht beschuldigt, sondern als Zeugin vernommen. "Auch weltanschauliche Hintergründe werden bei den Ermittlungen ein Rolle spielen", sagt der Sprecher mit Blick auf die Kirschblüten-Gemeinschaft. "Im Vordergrund stehen jetzt aber die harten Fakten."

Die Berliner Ärztekammer plant unterdessen, eine berufsrechtliche Untersuchung einzuleiten und gegebenenfalls auch den Entzug der Arztzulassung von Garik R. zu beantragen. Damit Patienten bei ihrer Suche nach einem Arzt nicht auf dubiose Angebote hereinfallen, rät Verbandsvorsitzender Weidhaas, sich im Vorfeld über den Therapeuten zu informieren. Zum einen sei dies bei den Kassenärztlichen Vereinigungen möglich, auch die gibt bei diesen Fragen Auskunft. Einen Einblick, welche Psychotherapie seriös ist, erhalten Hilfesuchende auch bei der vom Institut für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen (IQWIG) herausgegebenen Broschüre zum Thema Psychotherapie.

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Von:

und Georg Fahrion