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Viruslast bei Ansteckung Erkranken Menschen schwerer, wenn sie eine große Virenmenge abbekommen?

Coronavirus Sars-CoV-2
Das Coronavirus Sars-CoV-2 hat weltweit bislang mehr als 2,7 Millionen Menschen infiziert
© Cdc / Picture Alliance
Viele Fragen zum Coronavirus sind nach wie vor offen. Eine davon: Warum verlaufen Infektionen bei einigen Menschen schwer, während andere kaum Symptome zeigen? Der stern sprach mit dem Infektiologen Christoph Spinner, ob dabei die Viruslast eine Rolle spielen könnte.

Intubieren, untersuchen, Zugänge legen: Kaum jemand kommt Covid-19-Patienten so nahe wie medizinisches Personal. Vor allem in den Anfangstagen der Pandemie sind auch Ärzte und Pflegepersonal schwer erkrankt – und das, obwohl sie scheinbar nicht an Vorerkrankungen litten. Besonders viele dieser Berichte gab es beispielsweise aus Wuhan. Was könnte hinter so einer Beobachtung stecken?

Anders gefragt: Was ist über Faktoren bekannt, die mit einem schweren Verlauf von Covid-19 zusammenhängen? Wir wissen bislang, dass dazu unter anderem ein höheres Lebensalter zählt, ein höheres Gewicht und auch Bluthochdruckerkrankungen. Aber ob diese Faktoren tatsächlich zu einem schweren Verlauf führen, also die Ursache sind, können wir daraus noch nicht schlussfolgern. Speziell beim Gesundheitspersonal stellt sich aber schon die Frage, ob es ein erhöhtes Risiko schwerer Verläufe gibt bei Menschen ohne Vorerkrankungen. Natürlich kommt das Personal stärker als andere Bevölkerungsgruppen mit dem Virus in Berührung, und es wird aktuell diskutiert, ob dieser Expositionsgrad eine Rolle spielen könnte.

Und?

Meiner Meinung nach ist das nicht ganz von der Hand zu weisen. Allerdings: Ein richtiges Expositionsrisiko gibt es nur, wenn Mediziner und Pflegepersonal keinerlei Schutzkleidung tragen. Mit Atemschutz, Schutzbrillen und unter strengen hygienischen Vorgaben lässt sich das Ansteckungsrisiko wirksam senken.

Erkranken Menschen schwerer, wenn sie eine große Virenmenge abbekommen – zum Beispiel direkt angehustet werden?

Mich als Mediziner interessieren dabei vor allem zwei Dinge. Erstens: Hängt die Höhe der Viruslast mit der Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung zusammen? Erkranken Menschen also mit einer größeren Wahrscheinlichkeit, wenn sie viele Viren abbekommen? Und: Hängt die Höhe dieser Initialdosis damit zusammen, wie schwer die spätere Erkrankung verläuft? Für beide Fragen gibt es bislang leider keine gesicherten Daten. Interessant ist aber, dass die Viruslast im Körper zumindest mit dem Erkrankungsverlauf in Zusammenhang zu stehen scheint – das konnte der Virologe Christian Drosten mit den ersten Münchener Patienten zeigen. Zu Beginn der Symptomatik war die Virusmenge im Rachen am höchsten und hat dann kontinuierlich abgenommen. Das ergibt aus medizinischer Sicht auch Sinn. Das Virus muss sich zunächst im Körper vermehren und in ausreichend großer Menge vorhanden sein, damit das Immunsystem des Körpers darauf reagiert und als Folge Symptome entstehen.

Wie gehen Sie im Klinikum rechts der Isar mit diesem Wissen um?

Als sich abzeichnete, dass sich das Virus vor allem über die oberen Atemwege überträgt, haben wir entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen. Wir haben eine Beratungshotline und eine Diagnostiksprechstunde für unsere Mitarbeiter eingeführt. Unser gesamtes medizinisches Personal trägt schon seit Wochen einen Mund-Nasen-Schutz. Eine solche medizinische Maske schützt vor allem andere vor einer Ansteckung durch den Träger, indem kleinste virenbehaftete Tröpfchen zurückgehalten werden. Wir wollten durch das konsequente Tragen der Mund- und Nasenbedeckungen vor allem sicherstellen, dass es nicht zur Übertragung bei Patienten und Mitarbeitern kommt. Bis heute ist dieser Plan gut aufgegangen: Wir hatten zwar einzelne Infektionsfälle in der Belegschaft. Aber keinen Ausbruch.

Viele alte und gebrechliche Menschen werden in Deutschland von Angehörigen gepflegt, die gar nicht die Möglichkeit haben, sich so professionell wie in den Kliniken zu schützen. Was raten Sie ihnen?

Eine der größten Herausforderungen im Kampf gegen Covid-19 ist, dass das Virus wahrscheinlich schon vor Symptombeginn übertragen werden kann. Ein gewisser Teil der jüngeren Patienten hat auch asymptomatische Verläufe, merkt also gar nicht, dass sie entsprechend krank sind. Hinzu kommt: Gerade in der Pflege kann man oft nicht den Mindestabstand von zwei Metern einhalten. Deswegen macht es sicher Sinn, gerade bei der Körperpflege Mund-Nasen-Bedeckungen zu tragen. Das muss kein medizinischer Schutz sein, auch sogenannte "Community-Masks", die oft aus Stoff gefertigt sind, halten Tröpfchen zurück. Wichtig ist nur, dass diese Masken bei mehr als 60 Grad gewaschen werden können. Und: Benutzte Masken bitte nicht irgendwo im Haushalt ausbreiten. Eine gute Hygiene ist grundsätzlich wichtig. Dazu zählt auch, sich regelmäßig die Hände zu waschen, vor allem wenn man von draußen in die Wohnung kommt.

Coronavirus: Ein Kind trägt eine Atemschutzmaske

Was ist über die Übertragungswege des Coronavirus bekannt?

Als sehr wahrscheinlich gilt, dass der Erreger durch Tröpfchen übertragen wird, die beim Husten, Niesen und Sprechen entstehen. Bei einem direkten Kontakt ohne Mund-Nasen-Schutz wird der Erreger mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit übertragen. Ob in der Raumluft schwebende Aerosole, sogenannte Aerosolwolken, eine Rolle spielen, ist aktuell noch unklar. Dazu gibt es widersprüchliche Publikationen. Wir wissen auch, dass eine Schmierinfektion denkbar ist. Der Erreger kann einige Zeit auf Oberflächen wie Türklinken überleben und so von Hand zu Hand wandern. Fasst man sich im Anschluss ins Gesicht, gelangt das Virus schnell auf die Schleimhäute und kann sich dort vermehren. Ob das Virus auch durch Stuhl übertragbar ist, wird aktuell noch erforscht. Wir wissen aber, dass sich Coronaviren grundsätzlich im Magen-Darm-Trakt vermehren können und etwa fünf Prozent der Covid-19-Patienten Durchfall entwickelt.

Ab Montag gilt in Deutschland in Verkehrsmitteln und im Einzelhandel eine Maskenpflicht. Eine gute Entscheidung?

Aus medizinischer Sicht macht es sicher Sinn, Tröpfchen zurückzuhalten, die beim Sprechen, Husten oder Niesen entstehen. Dabei können Mund-Nasen-Bedeckungen eine wichtige Rolle spielen. Für Verwirrung hat sicher die Tatsache gesorgt, dass es zunächst hieß, diese Masken würden keine Rolle bei der Infektionseindämmung spielen. Mittlerweile räumt das RKI und auch die Politik diesen Masken aber einen gewissen Stellenwert ein. Mit der verpflichtenden Einführung der Masken im öffentlichen Raum werden wir sicher schon in Kürze auch wissenschaftlich mehr über die Wirksamkeit sagen können.


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