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Vogelgrippe: "Grippekranke könnten zum Mischgefäß werden"

Erstmals sind Menschen in Europa an der Vogelgrippe gestorben. stern.de sprach mit dem Robert-Koch-Institut über die das Risiko einer Grippe-Pandemie und die Resistenz des H5N1-Virus gegen das Medikament Tamiflu.

In der Türkei sind drei Menschen an der Vogelgrippe gestorben. Was bedeutet es für uns, dass es nun auch in Europa Todesfälle gegeben hat?
Die Risikoeinschätzung ändert sich durch das aktuelle Geschehen nicht. Nach wie vor ist die Vogelgrippe eine Erkrankung, die bei Tieren vorkommt und nur äußerst selten auf den Menschen übergeht.

Eine Pandemie könnte es dann geben, wenn das Virus mutiert und von Mensch zu Mensch überspringt. Für wie wahrscheinlich hält man es derzeit, dass dies passieren wird?


Das kann niemand sagen. Die Viren könnten ihr Erbgut ändern oder ganze Gene mit dem menschlichen Influenza-Virus austauschen. So könnten sie von Mensch zu Mensch übertragbar werden. Mit der beginnenden Influenza-Saison steigt in den betroffenen Regionen das Risiko, dass Menschen eine Doppelinfektion bekommen: dass sie gleichzeitig an einer "gewöhnlichen" Virusgrippe erkranken und sich bei engen Kontakt mit Geflügel mit der Vogelgrippe infizieren. Diese Menschen könnten zum "Mischgefäß" werden - in ihnen könnten sich das Vogelgrippevirus und das menschliche Grippevirus verbinden. Aber dieses Risiko ist in Asien sicher größer, wo die Vogelgrippe seit mehr als zwei Jahren verbreitet ist.

Kann dies auch in Deutschland passieren?


In Deutschland ist das Risiko einer solchen Doppelinfektion gleich null: Bei uns gibt es keine Fälle von H5N1, nicht bei Vögeln und schon gar nicht beim Menschen.

Dennoch strömen mehr Menschen zur Grippeschutzimpfung als sonst...
Allerdings schützt die aktuelle Impfung nicht vor der Vogelgrippe. Das ist aber auch notwendig, da sich Menschen an dem für Geflügel gefährlichen H5N1-Virus nur selten und nur nach intensivem Kontakt zu infiziertem Geflügel anstecken.

Wie lange würde es im Pandemie-Fall dauern, genügend Impfstoff bereitzustellen?


Mit der Herstellung des Impfstoffs kann man erst beginnen, wenn das Pandemie-Virus bekannt ist. Wenn alle Vorarbeiten gemacht sind, könnte man nach etwa drei Monaten die Produktion beginnen. Das Paul-Ehrlich-Institut schätzt, dass sechs Wochen nach Produktionsbeginn Impfstoff für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung stehen könnte.

Vor einigen Wochen wurde vermeldet, man habe erstmals ein Virus entdeckt, das gegen das Medikament Tamiflu resistent sei.


Die Resistenz kam für uns nicht unerwartet. Neu ist aber, dass das resistente Virus vermutlich zum Tod eines Betroffenen geführt hat. Gewöhnlich sind resistente Viren weniger fit und überlebensfähig.

Das klingt beunruhigend.


Man darf nicht vergessen, dass dieses Virus für Menschen nicht ansteckend war. Nur eine einzelne Person ist daran gestorben - das ist sehr bedauerlich, aber kein Grund zur Panik. Es gibt aufgrund dieses Falles keinen Grund zur Annahme, dass auch ein von Mensch zu Mensch übertragbares H5N1-Virus gegen den Tamiflu-Wirkstoff resistent wäre.

Gibt es denn noch andere Mittel, die wirksam sind?


Tamiflu ist das beste Mittel, was wir derzeit gegen den Erreger haben. Es gibt noch ein zweites Medikament, Relenza. Aber das muss inhaliert werden - Tamiflu kann einfach geschluckt werden.

Susanne Glasmacher ist Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, der zentralen Einrichtung der Bundesregierung für Krankheitsprävention und -überwachung

Interview: Angelika Unger

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