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Corona-Impfung Fortschritt durch Anreize: Was die Impfangebote der Bundesregierung wirklich bringen

Niedrigschwellige Impfangebote
Niedrigschwellige Impfangebote sind gut, aber es geht noch besser, sagt Nora Szech, die zum Thema Impfbereitschaft und Anreizkultur forscht
© Julian Stratenschulte / DPA
Seit dem 27. Dezember 2020 krempelt Deutschland im Kampf gegen das Coronavirus die Ärmel hoch. Doch abgesehen von ein paar wenigen "Impfhöhepunkten" schreitet die Immunisierung eher schleppend voran. Welche Impfanreize haben überhaupt etwas gebracht?

Ende Dezember letzten Jahres fiel der Startschuss. Unter dem Motto "Deutschland krempelt die Ärmel hoch" startete die Bundesregierung eine Impfkampagne gegen die Corona-Pandemie. Waren es zunächst besonders vulnerable Gruppen wie Personen über 60, die geimpft wurden, so haben seit Anfang Juni alle erwachsenen Deutschen die Chance, sich gegen das Coronavirus immunisieren zu lassen. Bis heute haben sich mehr als 55 Millionen Menschen für eine Impfung entschieden. Zu wenig für die vielbeschworene "Herdenimmunität", dafür müsste die Impfquote auf 80 bis 85 Prozent steigen. 

Laut Impfdashboard der Bundesregierung (Stand 12. September) sind derzeit jedoch nur 62 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, etwas über 66 Prozent haben derweil den ersten Pieks erhalten. Die Zahlen stagnieren und versetzen sowohl Gesundheitsexperten als auch Politiker in Alarmbereitschaft. Denn Corona nimmt längst wieder Fahrt auf. Berechnungen des Robert Koch-Instituts zufolge droht spätestens im Oktober die nächste Pandemie-Welle. Um das zu verhindern oder den Anstieg zumindest abzumildern, müssen möglichst viele Menschen dazu gebracht werden, sich impfen lassen, sagt auch Nora Szech, die am Karlsruher Institut für Technologie unter anderem zum Thema Impfbereitschaft und Anreizkultur forscht.

Dass die Impfkampagne stockt, liege jedoch nicht an den harten Impfgegnern. Die gehören laut Szech lediglich zu einer Minderheit. "Wer sich unbedingt impfen lassen wollte, hat schon früh alles darangesetzt, einen Impftermin zu bekommen. Den meisten anderen, vor allem Jungen oder Personen aus bildungsfernen Kreisen, ist die Impfung egal", sagt Szech. Über Strafen für Personen, die sich nicht impfen lassen wollen, könne man zwar nachdenken. Für die beste Lösung hält Szech dieses Vorgehen aber nicht. Stattdessen brauche es die richtigen Anreize. Aber gab es davon nicht schon genug? Ein Rückblick auf die letzten Monate.

Anreize der letzten Monate nicht ausreichend

Den ersten nennenswerten Spitzenwert erreichte die Impfkampagne Anfang April (siehe Grafik). Am achten April wurden insgesamt 611.761 Personen in ganz Deutschland geimpft, knapp eine Woche später folgte ein neuer Höchstwert von 692.950 Personen an einem Tag. Ein Grund für die steigenden Zahlen könnte unter anderem die Impfung in den Hausarztpraxen gewesen sein. Diese dürfen seit Ende März die Corona-Impfung verabreichen. Allerdings wurden zu dem Zeitpunkt Personen der Prio-Grippe eins bis drei bevorzugt geimpft, also Menschen ab 60 Jahren, medizinisches Personal und Personen mit Vorerkrankungen (eine genaue Übersicht der Gruppen finden Sie hier). Bis Mitte Mai stieg die Zahl der Geimpften in Deutschland weiter an. Den bis heute geltenden Spitzenwert von 1.056.250 Geimpften an einem Tag erreichte die Impfkampagne schließlich am 12. Mai.

Danach fiel die Zahl der Geimpften massiv, blieb jedoch bis Ende des Monats auf einem ähnlichen Niveau – auf dem sie sich jedoch nicht halten konnte. Seitdem nimmt die Impfbereitschaft in der Bevölkerung stetig ab. Selbst die endgültige Aufhebung der Impfpriorisierung Anfang Juni und die Einführung der 3G-Regel Anfang August schlagen sich nicht in den Zahlen der Geimpften nieder. Um das Problem zu lösen, debattierte die Politik zwischenzeitlich über Anreize wie Gutscheine (Alexander Dobrindt, CSU) oder Impfprämien im Wert von 50 Euro (Dietmar Bartsch, Linke). Letztendlich setzte man jedoch auf ein niedrigschwelliges Impfangebot auf Parkplätzen, in Supermärkten mit Gratis-Würstchen und Impfaktionswochen.

Mit Geld bekommt man die Leute am ehesten an die Nadel

Angesichts der ernüchternden Zahlen stellt sich die Frage, inwiefern die Anreize der Regierung überhaupt etwas taugen. Würstchen alleine treiben die Impfbereitschaft nicht nach oben, weiß Ökonomin Nora Szech. "Aus Studien wissen wir, dass die Menschen zur Impfung bewegt werden können, wenn der Anreiz hoch genug ist." Doch was macht einen hohen Anreiz aus? "Wer sich impfen lässt, tut viel für die Gemeinschaft. Deshalb muss man die Leute belohnen", erklärt Szech. Am besten funktioniere das über finanzielle Anreize, denn wer sich impfen lässt, erspart dem Staat laut einer Berechnung des Ifo-Instituts etwa 1500 Euro. Dieser Betrag errechnet sich daraus, dass durch die Impfung Schulen länger geöffnet blieben, die Wirtschaft besser arbeite und das Gesundheitssystem weniger belastet sei, so die Ökonomin. Szech schätzt, dass die gesellschaftlichen Vorteile sogar noch größer sein könnten.

Umgekehrt könne der Staat impfwilligen Bürgern einen Anteil dieses Betrags überlassen – wie es bereits unter anderem in den USA oder in Griechenland der Fall ist. Allerdings müsse die Regierung den Bürgern mehr anbieten, als zehn Euro pro Impfung. "Wenn die Anreize zu klein ausfallen, kann das allerdings demotivierend sein und sich negativ auf die Impfbereitschaft auswirken", sagt Szech. Studien hätten gezeigt, dass ein automatisches Impfangebot die Impfbereitschaft um ungefähr fünf Prozentsteigern könne. Bekämen die Personen 500 Euro, steige die Bereitschaft für den Pieks um bis zu 90 Prozent. "Angesichts der steigenden Fallzahlen und den Prognosen des RKI können wir es uns nicht mehr leisten, nichts zu tun", sagt Szech und plädiert für eine Zahlung von 150 bis 200 Europro Spritze.

Zwar könne man, wie es manche Landesregierungen gerade tun, Strafen in Betracht ziehen und Ungeimpften den Lohn vorenthalten, wenn sie wegen einer Corona-Erkrankung in Quarantäne müssen. "Aber wir sollten schon darüber nachdenken, ob wir lieber eine Straf- oder eine Belohnungskultur wollen."


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