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Erfahrungsberichte im Netz Was über Regelbeschwerden nach der Corona-Impfung bekannt ist

Einige Frauen berichten von Menstruationsbeschwerden nach einer Corona-Impfung – grundsätzlich kommen viele Auslöser infrage
Einige Frauen berichten von Menstruationsbeschwerden nach einer Corona-Impfung – grundsätzlich kommen viele Auslöser infrage
© Matthias Stolt / Picture Alliance
Der Bauch krampft oder die Blutung fällt stärker aus: In sozialen Medien berichten Frauen über Menstruationsbeschwerden nach der Corona-Impfung. Ist das eine bisher unbekannte Nebenwirkung? Ganz so einfach ist die Frage nicht zu beantworten.

Kate Clancy ist eine der ersten, die von ihrer Beobachtung berichtet: Kurz nach der Corona-Impfung hat die Anthropologin aus den USA mit einer besonders starken Regelblutung zu kämpfen. Sie blute so stark, als sei sie wieder in ihren Zwanzigern, schreibt Clancy im Februar auf Twitter. Ein paar Mal am Tag müsse sie extra-dicke Binden wechseln, dabei sei schon der dritte Tag ihrer Periode. Üblicherweise käme sie zu diesem Zeitpunkt mit ein oder zwei normalen, wenn auch saugstarken Binden über den Tag.

Unter dem Beitrag melden sich weitere Frauen zu Wort. Einige schreiben, sie hätten nach der Impfung keine Veränderungen festgestellt. Andere berichten, die Periode habe früher als üblich eingesetzt, sei stärker oder mit Krämpfen verbunden gewesen. Bei Clancy, die als Wissenschaftlerin an der University of Illinois arbeitet, ist das Forschungsinteresse geweckt: Im April startete sie eine Online-Umfrage, um herauszufinden, ob noch mehr Menschen von den Regelbeschwerden betroffen sind. Zehntausende Antworten sind bereits bei ihr eingegangen. Nun will sich die Wissenschaftlerin ans Auswerten der Daten machen.

Zusammenhang oder Ursache und Wirkung?

Die Berichte über Regelbeschwerden nach der Impfung lassen aufhorchen. Ein Beleg, dass die Impfung Auslöser der Beschwerden ist, sind sie aber nicht. Grundsätzlich kommen drei Möglichkeiten infrage:

1. Es besteht ein zeitlicher Zusammenhang

Denkbar wäre, dass die Regelbeschwerden auch unabhängig von der Impfung aufgetreten wären – also ein zeitlicher Zusammenhang besteht. Für dieses Szenario spricht, dass der Zyklus und auch die Monatsblutung nicht immer streng wie ein Uhrwerk getaktet sind, sondern gewissen Schwankungen unterliegen. Steigt dann die Zahl der geimpften Personen mit Monatsblutung, nimmt auch die Anzahl an Menschen zu, die von Zyklusbeschwerden im zeitlichen Zusammenhang zu der Impfung berichtet.

Ähnlich verhält es sich auch mit vielen Meldungen über Krankheiten in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen. Geimpfte Menschen werden unweigerlich an Herzinfarkten und Schlaganfällen erkranken oder versterben – was aber nicht automatisch bedeutet, dass die Impfung diese hervorgerufen hat. 

2. Es besteht ein kausaler Zusammenhang (Ursache-Wirkung)

Denkbar wäre aber auch, dass die Impfung den Zyklus und die Monatsblutung tatsächlich kurzfristig beeinflussen kann. Forschende sprechen in diesem Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Leicht nachzuweisen ist ein solcher Zusammenhang nicht. Ein erster Anhaltspunkt ist meist eine statistische Häufung. Würden Frauen, die geimpft sind, beispielsweise häufiger als eine Kontrollgruppe über Zyklusbeschwerden berichten, könnte das ein entsprechender Hinweis sein. (Bislang gibt es in offiziellen Statistiken jedoch keinen Hinweis für eine solche Häufung, siehe unten.)

Einzelfallschilderungen können eine Ursache-Wirkung-Beziehung dagegen nicht belegen, sie können aber als Anhaltspunkt für weitere Untersuchungen dienen. Auch Schilderungen mehrerer Personen, etwa wie die unter dem Post von Kate Clancy, sind noch kein Beleg für einen solchen Zusammenhang. Möglicherweise sind Frauen, die mit Zyklusbeschwerden zu kämpfen hatten, überdurchschnittlich oft auf den Twitter-Post der Wissenschaftlerin aufmerksam geworden und haben ihre Erfahrungen geteilt. Frauen, die dagegen keinerlei Beschwerden hatten, könnten dem Post weniger Aufmerksamkeit geschenkt haben. Forschende sprechen in einem solchen Fall von einer statistischen Verzerrung. 

3. Es besteht ein indirekter Zusammenhang

Möglich wäre aber auch, dass die Impfung die Menstruation indirekt beeinflussen könnte. In diesem Szenario wäre es nicht die Impfung selbst, die für die Menstruationsbeschwerden sorgt, wohl aber deren Begleitumstände, die für einige Menschen mit Stress, Ängsten und Unsicherheit verbunden sind, was wiederum Einfluss auf den Zyklus nehmen könnte.

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Laut Christian Albring, Vorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte, ist ein solches Szenario nicht unwahrscheinlich, wie er kürzlich dem SWR sagte. Durch Stress komme der Hormonhaushalt schnell aus dem Gleichgewicht, was beispielsweise verfrühte Blutungen begünstigen könnte. "Alles, was das Gehirn beeinflusst, kann zu Blutungen führen", so Albring. "Und so ist es für Frauenärzte überhaupt nichts Besonderes, dass Frauen durch Stress mit Blutungen reagieren." Bei seinen Patientinnen konnte der Frauenarzt allerdings bislang keine Häufung von Zyklusunregelmäßigkeiten nach Impfungen beobachten. 

Zulassungsstudien: Kein Hinweis auf Zyklusbeschwerden

Auch in den Zulassungsstudien wurde keine entsprechende Häufung beobachtet. Unklar ist allerdings, ob Frauen mögliche Zyklusbeschwerden nicht mit der Impfung in Verbindung gebracht haben und sie deswegen nicht gemeldet haben oder ob tatsächlich keine Beschwerden auftraten. Das Robert Koch-Institut (RKI) listet für die Impfstoffe von Biontech und Moderna Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen als häufigste Impfreaktionen. Nach der zweiten Impfdosis berichteten zudem 16 (Biontech) beziehungsweise 15,5 Prozent (Moderna) der Probandinnen und Probanden über Fieber. 

In Deutschland sammelt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) fortlaufend Daten zu möglichen unerwünschten Wirkungen von Impfungen. Immer dann, wenn Meldungen über Verdachtsfälle nach Impfungen häufiger auftreten als üblicherweise zu erwarten wäre, ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Für diese sieht das PEI in Bezug auf Zyklusbeschwerden derzeit allerdings keinen Grund, wie das Institut auf Anfrage von Zeit Online erklärte: "Aktuell sehen wir eine Melderate von 0,4 bis 2,6 Fällen pro eine Million Impfungen, die im Normalbereich ohne Impfung liegen dürfte." Gleichwohl werde das Thema aber weiter beobachtet.

Wichtig für die Statistiken des PEI ist eine umfassende Datenbasis. Zu dieser können Ärztinnen und Ärzte, aber auch Privatpersonen beitragen. Besteht der Verdacht, dass nach der Impfung eine unerwünschte Wirkung aufgetreten ist, kann diese über ein Portal gemeldet werden. Frauen, die nach einer Impfung Zyklusbeschwerden hatten, sollten von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. 

Fazit

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist unklar, ob Impfungen gegen das Coronavirus zu Menstruationsbeschwerden führen können. Eine auffällige Häufung ist zumindest in offiziellen Statistiken und Daten nicht beschrieben. Frauen, die nach der Impfung Beschwerden entwickelt haben, sollten diese in jedem Fall melden, damit ein möglicher Zusammenhang besser untersucht werden kann. Fest steht aber: Von den bisher berichteten Periodenbeschwerden ist bekannt, dass sie nur vorübergehend sind und von selbst wieder verschwinden.

Bekannt ist auch, dass einige Frauen nach Virusinfektionen oder fiebrigen Infekten kurzfristig Zyklusbeschwerden entwickeln können. Die Ursachen dafür sind jedoch auch hier nicht vollends geklärt.

Sorgen um ihre Fruchtbarkeit müssen sich Frauen nach einer Impfung jedenfalls nicht machen. Für die vielfach geäußerte Behauptung, die Corona-Impfung könnte Frauen unfruchtbar machen, gibt es keine Belege. "Nein, die Impfung hat keine Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit der Frau", sagt die Frauenärztin Marianne Röbl-Mathieu, die auch Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist. "Die verfügbaren Covid-19-Impfstoffe wurden an Tausenden von Erwachsenen getestet, und darunter waren auch viele Frauen im gebärfähigen Alter und Frauen mit Kinderwunsch." Vielmehr werde die Impfung für Frauen mit Kinderwunsch sogar ausdrücklich empfohlen. 

Unabhängig von einer vorausgegangenen Impfung sollten Frauen neu auftretende oder sich verstärkende Zyklusbeschwerden in jedem Fall bei einem Frauenarzt oder einer Frauenärztin abklären lassen, da diese auf zugrundeliegende Erkrankungen hinweisen können.

ikr

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